Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ein kleines Figürchen

06.10.2025. SZ und Nachtkritik sind begeistert von Samuel Koch als "Wallenstein" in Jan-Christoph Gockels Münchner Inszenierung. Die FAZ reist zum Odessa Filmfestival und erfasst in Egor Olesovs "Die Tochter" die existenzielle Dimension des Krieges. Die Literatur wagt nichts mehr, beklagt die NZZ. In der Fondation Maeght lernt Monopol von Barbara Hepworth, was Naturbezüge und abstrakte Skulpturen miteinander zu tun haben.

Moderat literarisch, moderat kritisch

04.10.2025. In der SZ erzählt Ofir Amir, Veranstalter des von der Hamas attackierten Nova-Festivals, wie er in einer Ausstellung die Geschichten der 411 Opfer erzählen will. Die Popkritiker stürzen sich auf das neue Taylor-Swift-Album, das laut SZ zwar keine nennenswerten Tauchtiefen bietet, aber doch am faszinierenden Gedankenstrom eines Showgirls teilhaben lässt, wie die FR sekundiert. Der Tagesspiegel lässt sich von Ersan Mondtag am Gorki Theater die Geschichten von Arbeitsmigrantinnen erzählen, die nachtkritik blickt mit Frank Castorf im Atomschutzbunker in Hamburg auf die Ruinen Europas. Und die FAS fragt sich im HKW: Was ist Faschismus?

Wer rächt sich hier an wem?

02.10.2025. Die Theaterkritiker verneigen sich vor Burkhard C. Kosminski, der Peter Weiss' Stück "Die Ermittlung" sechzig Jahre nach der Uraufführung noch einmal im Stuttgarter Landtag inszeniert. VAN staunt, wofür die Komische Oper ihren "Migrationsetat" ausgibt. Die NZZ sieht in Mstyslav Chernovs Dokumentarfilm "2000 Meters to Andriivka" den Krieg aus den Augen ukrainischer Soldaten. Die SZ lässt sich in München von Cyberpioner Miguel Chevalier digitale Brokkoliköpfe zeigen. Als Plädoyer für den stillen Einspruch empfiehlt der Perlentaucher Tom Shovals Dokumentarfilm über den 7. Oktober.

Nach unten drängende Sinuskurve

01.10.2025. Michel Friedman kommt, nach seiner Ausladung durch den örtlichen Bürgermeister, auf eigene Faust mit dem PEN Berlin nach Klütz - und löst eine zivilisierte Debatte auf dem Marktplatz aus, freut sich die taz. Die SZ huldigt Kathrin Wehlischs brillantem Spiel als Kafkas Josef K. auf der Bochumer Bühne. Die FR verliert sich in den tänzerischen Schattenspielen einer Frankfurter Fotoausstellung von Péter Nádas. Der Standard feiert das zärtlich melancholische neue Album des Indierockers Jeff Tweedy. Mit Ben Safdies Sportfilm "The Smashing Machine" blickt die FAZ hinter die Fassade fleischbergiger Männlichkeit.

Helmut Kohl aus Butter

30.09.2025. Die Theaterkritiker sind allesamt begeistert von Barrie Koskys Kafka-Revue "K." am Berliner Ensemble, die zwischen Unbehagen, Witz und "talmudschem Über-Ich" schillert. Die FAZ gerät über die handwerklich brillanten Porträts des schwedischen Malers Anders Zorn in der Hamburger Kunsthalle ins Schwärmen. Als "kleines Wunder" bezeichnet außerdem die Welt eine Ausstellung über jüdische Designerinnen in Berlin, die der Nationalsozialismus ins Abseits der Geschichte drängte. Jan Böhmermanns umstrittenes Berlin-Konzert wurde abgesagt: SZ und taz finden das nicht so gut. 

Neue Formen der Wirklichkeitsauslegung

29.09.2025. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren gestorben: Die NZZ verneigt sich vor dem "Grandseigneur des Fernsehens", die FAZ erinnert an die "völlig selbstgewisse Stimme", mit der Troller erzählt hat. SZ und FAZ  loben das großartige Spiel der beiden Hauptfiguren in Barbara Freys Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater. Die Gemälde Georges de la Tours überzeugen Welt und Zeit in Paris durch ihre "virtuose Lichtregie."  

Man stirbt eben nur einmal

27.09.2025. Der Standard kommt im Mumok dem Zufall auf die Spur, der den Künstler Tobias Pils leitet. Tobias Kratzer ist das Beste, was der Hamburger Oper passieren konnte, jubelt der Spiegel über den neuen Intendanten. Die NZZ staunt über die Ehrenrunde, die Claus Peymann noch um das Burgtheater drehen durfte. Die Filmkritiker trauern um Hartmut Bitomsky, der mit Harun Farocki den Filmflügel der Kritischen Theorie bildete. Die taz porträtiert den kurdischen Schriftsteller Menaf Osman, der im türkischen Gefängnis schwer gefoltert wurde. Die European Broadcast Union will ihre Mitglieder über die Teilnahme von Israel beim nächsten ESC abstimmen lassen, berichten Zeit online und die taz.

König, Kaiser will ich werden

26.09.2025. Die SZ trauert um den Berenberg Verlag, der im Frühjahr schließt. Die nachtkritik durchlebt in der Volksbühne acht Stunden Totaltheater mit Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt". Monopol stellt die Künstlerin Schirin Kretschmann vor. Im Tagesspiegel findet es Michael Barenboim total okay, den Dirigenten Lahav Shani auszuladen, weil er Israeli ist. Die taz feiert den Northern Soul. Und: Der Filmessayist Hartmut Bitomsky ist gestorben. 

Jeder tritt in den Traum des anderen ein

25.09.2025. Die Filmkritiker trauern um Claudia Cardinale: Sie war die Kino-Göttin des 20. Jahrhunderts, schreibt Zeit Online, die FAZ erinnert an ihren legendären Tanz mit Burt Lancaster in Viscontis "Der Leopard". Die taz bewundert das Spiel mit Verhüllung und Offenbarung in den Werken der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar, die in Chemnitz ausstellt. Die FR begrüßt die philippinische Künstlerin Stephanie Comilang in der Schirn-Kunsthalle. Im Zeit-Interview skizzieren Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Omer Meir Wellber ihre Pläne für die Hamburger Oper.  

Gute Nacht, Herr Direktor

24.09.2025. Das Burgtheater gedenkt in einer spektakulären Trauerfeier seines langjährigen Intendanten Claus Peymann - in der FAZ schreibt Christoph Ransmayr höchstpersönlich. Die NZZ bejubelt Paul Thomas Andersons lebendigen, unberechenbaren Film "One Battle After Another" - critic.de hingegen ist das alles nicht frei und crazy genug. Die FAZ schwelgt im Frankfurter Städel in den Farbwelten des österreichischen Malers Carl Schuch. Der Standard fühlt sich veräppelt, weil Popstars ihre Lieder immer seltener selbst schreiben. Und: Trauer um Claudia Cardinale.