Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Wir leben in dieser Welt einfach nicht mehr

11.09.2025. Die Welt legt offen, wie sich die Golfstaaten mit massiven Finanzspritzen für die Opernwelt weißwaschen. Die taz blickt in den bewölkten Himmel über Emden und entdeckt Kriegsszenen. Die Zeit porträtiert den größten deutschen Vertreter der Pop-Art: Den DDR-Maler Hans Ticha. Die NZZ lernt in Michele Ciriglianos Dokumentarfilm "Architektur des Glücks", wie ein Casino ein ganzes Dorf in den Ruin stürzte. 54books traut dem Hype um Nelio Biedermanns Roman "Lázár" nicht. Und Backstage Classical ist fassunglos, dass das Flanders Festival in Gent den designierten Chefdirigenten Lahav Shani ausgeladen hat.

Er ist ja auch berühmt, der Goetz

10.09.2025. Was ist los mit Ethan Coen, fragen die Filmkritiker nach seinem Film  "Drive-In Dolls". Kamel Daoud erklärt im Welt-Gespräch, warum er sowohl die Intellektuellen des Postkolonialismus als auch Islamisten gegen sich aufbringt. Die FAZ staunt im Städel über die skulpturalen Videos der Bildhauerin Asta Gröting. Ebenfalls die SZ erinnert an den italienischen Komponisten Luciano Berio, der in brillanter Manier die gesamte Moderne remixte.

Zwänge eines geriatrischen Literatursystems

09.09.2025. Die Kulturkritik ist zum zahnlosen Tiger geworden, ruft die SZ angesichts der Besprechungen der neuen Bücher von Caroline Wahl und Ulf Poschardt. Zeit Online stellt fest, dass auch in der Literatur die Grenzen zwischen Links und Rechts zunehmend verschwimmen. Die FAZ reist mit Max Emanuel Cenčićs Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Pompeo Magno" ins Venedig des Jahres 1666. Die Musikkritik trauert um den Dirigenten Christoph von Dohnányi.

Wesentliches geschieht in einem Wimpernschlag

08.09.2025. Dass Jim Jarmuschs Film in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, lässt die Kritiker einigermaßen ratlos zurück: Für die NZZ ist es "schlimmstes Boomer-Kino", die taz fragt sich, ob die Auszeichnung vielleicht als verkappter Lebenswerkpreis zu verstehen ist. Begeistert sind dafür alle Kritiker von Jens Harzers Einstand am Berliner Ensemble: In Oscar Wildes "De Profundis" sieht die FAZ einen "Künstler mit zerschlagener Seele", die Nachtkritik kommt mit Harzers Spiel so nah an den Text wie nie zuvor. Alexander Melnikov spielt Rachmaninow auf dessen Flügel so, wie die FAZ ihn noch nicht gehört hat.

Wäscheleine im Nebel

06.09.2025. Die nachtkritik feiert Antú Romero Nunes' maximal verunsichernde, genderfluide "Hamlet"-Inszenierung am Theater Basel. Der Standard erkennt eine vollkommen zeitgenössische Figur in dem Mörder aus Sartres Politdrama "Die schmutzigen Hände", das David Bösch in Wien inszeniert hat. In der SZ feiert Barbara Vinken den männlichen Körper, über den Giorgio Armani den Schimmer der ewig jungen olympischen Götter warf. Die FAZ dokumentiert Cécile Wajsbrots Rede zur Eröffnung des Via Nova Kunstfests Corvey. Die Welt lässt sich vom 98-jährigen Herbert Blomstedt das Fagottsolo aus Sibelius' Fünfter vorsingen.

Die kleinen Freuden des Lebens

05.09.2025. Die FR kürt Kaouther Ben Hanias "The Voice of Hind Rajab" über das Leid palästinensischer Kinder zum Favoriten für den Goldenen Löwen. Der Film tarnt politische Intervention als Kino, empört sich die Welt. Zeit Online gerät mit David Byrnes neuem Album in religiöse Ekstase, die taz ist indes genervt von der guten Laune. Die SZ fragt sich in Düsseldorf beim Anblick offener Ani: Was soll das? Und alle trauern um Giorgio Armani, der Frauen maskuliner und Männer femininer kleidete, wie die NZZ erinnert.

Wie das so läuft in der Kommission

04.09.2025. Im Tagesspiegel erklärt Michal Kosakowski, wie er in seinem Film "Holofiction" das Systematische des NS-Massenmords erfahrbar machen will. Die Welt kann in Marcin Wierzchowskis Dokumentarfilm "Das deutsche Volk" das ganze Ausmaß behördlichen Versagens nach dem Anschlag von Hanau nachvollziehen. Das Ende der Geschichte hat stattgefunden, aber leider nur in den liberalen demokratischen Institutionen, konstatiert Milo Rau in der nachtkritik.

In den Fressnapf gestoßen

03.09.2025. Die Filmfestspiele Venedig gehen dem Ende entgegen und haben laut critic.de einen neuen Löwen-Favoriten: Mona Fastvolds pulsierendes, formvollendetes Biopic "The Testament of Ann Lee". Die taz begeistert sich einerseits für die in Maastricht ausgestellten fräsenden und ratternden elektronischen Skulpturen Carl Chengs. Und andererseits für die walzenartige Musik der Ruhrpott-Metal-Band Kreator. Die SZ erklärt uns das erstaunliche Comeback der Musikkassette.

LSD-Charakter der messiaenschen Eucharistie

02.09.2025. Dreißig Jahre nach seiner Uraufführung ist William Kentridges Stück "Faust in Africa!" mehr ein "faszinierendes Kunstwerk" als ein aufrüttelndes Manifest, stellt die SZ beim Zürcher Theaterspektakel fest. Die FAZ schläft bei Jim Jarmuschs neuem Film "Father, Mother, Sister, Brother" beinahe auf dem Kinosessel ein. Der Guardian sieht mit den frühen Arbeiten Stephen Shores in die Gesichter New Yorks. Die Architekturwelt trauert um den Stadtplaner Hans Stimmann

Die Elegie der Oboe

01.09.2025. Die Filmfestspiele Venedig sind in vollem Gange: Guillermo del Toros "Frankenstein"spaltet die Gemüter: Die Welt staunt über den "großen Monstermacher", die SZ fragt sich, ob es wirklich noch mehr Adaptionen des Stoffs braucht. Olivier Assayas' "Der Magier im Kreml" sorgt hingegen für Enttäuschung. Der neu gestaltete Sainsbury-Flügel der Londoner National Gallery überzeugt die FAZ damit, dass er interessante Verbindungen zwischen Künstlern zeigt. Die nmz lauscht Ernst von Rezniceks Eulenspiegel-Oper in Hildesheim gebannt. Der Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker ist rundum gelungen, lobt die FAZ.