Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Enorm, luxuriös

19.08.2025. Die Theaterkritiker applaudieren bei den Salzburger Festspielen: Birgit Kajtna-Wönigs Inszenierung des Mozart-Fragments "Zaide" ist finster, hoffnungslos und musikalisch brillant, jubeln FR und SZ. Die NZZ lauscht mit Julian Charrière im Tinguely-Museum in Basel in völliger Dunkelheit dem Gemurmel der Ozeane. Die SZ plaudert mit Denis Scheck über Franz Kafkas Ernährungsgewohnheiten. Und die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Terence Stamp, der für den Neuanfang des britischen Kinos in den Sechzigerjahren stand. 

Schwer ertragbare Gewissheiten

18.08.2025. Kirill Serebrennikovs Bühnenfassung von Vladimir Sorokins hellsichtigem Roman "Der Schneesturm" trägt für die Kritiker in Salzburg dann doch ein bisschen zu dick auf. Das Filmfestival Locarno ist zu Ende: Der goldene Löwe ging an Sho Miyake, dessen wortkarg-hypnotischer Film die FR beeindruckt hat. Der Tagesspiegel hätte sich darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit für Julian Radlmaiers Film gewünscht. Dass die Trump-Regierung die Smithsonian-Stiftung zum 'amerikanischen Exzeptionalismus' zwingen will, erinnert die taz an faschistische Regime. 

Kalte Ernte

16.08.2025. In der SZ sprechen Daniela Dröscher und Christian Baron über den Preis des autofiktionalen Schreibens. Die NZZ durchleutet den den Manga- und Anime-Hype der letzten Jahre. Die taz stellt Simin Jalilian und ihre expressive Malerei. Die FAS empfiehlt in diesem Sommer Ausstellungen zu abstrakter Kunst. Die nachtkritik amüsiert sich nach dem Dritten Weltkrieg bei den Sandsteinspielen im sächsischen Schöna. Und die FAZ lernt im Jüdischen Museum Berlin mehr als 60 Pionierinnen des Designs kennen, die die Nazizeit nur selten überlebten.

Kulisse friedlicher Normalität

15.08.2025. Die FAZ betrachtet in Paris Raymond Depardons "taktvoll-dokumentarische" Fotos von Auschwitz. Das Toronto International Film Festival, das einen Dokumentarfilm nicht zeigen wollte, weil die Bildrechte der Hamas verletzt werden könnten, lenkt nun ein, meldet die Jüdische Allgemeine, wenn auch nur rhetorisch. Gerichte werden klären müssen, ob Trumps Eingriff in die Bundesmuseen verfassungskonform ist, meint die Welt. Die taz hört sich durch die besten Metal-Veröffentlichungen aus dem globalen Süden, die nicht selten zensiert wurden.

Dieser Zauberklang

14.08.2025. Die Feuilletons gratulieren Wim Wenders zum Achtzigsten: Die FAZ folgt seiner Entwicklung vom "einsamen Wanderer" zum "epischen Erzähler", der Tagesspiegel würdigt seinen "sense of place". Chemnitz war einmal das "sächsische Manchester" und eine wichtige Station in der Karriere Edvard Munchs, lernt Monopol in einer Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz. Das Toronto Filmfestival hat Barry Avrichs Film "The Road Between Us", der Material der Hamas-Massaker zeigt, aus dem Programm genommen - angeblich wegen Urheberrechtsbedenken, meldet Deadline

Als fahre der Wind hinein

13.08.2025. Der Standard applaudiert Christophe Honorés Film "Marcello Mio", in dem Chiara Mastroianni ihren Vater Marcello Mastroianni spielt. Die FAZ findet sich in Versailles von Angesicht zu Angesicht mit dem Sonnenkönig wieder - oder zumindest mit seiner prächtigen Büste, geschaffen von Gian Lorenzo Bernini. Die Welt lauscht bei den "Kleinen Nachtmusiken" der Salzburger Festspiele einer zirpenden Zauberflöte. Die taz feiert einhundert Jahre "Berliner Moderne". 

Radikal politisch bis radikal dumm

12.08.2025. Zombies, Zahnschmerzen und Penisse, die an Bäumen wachsen: Dem Standard schwirrt nach Radu Judes "Dracula"-Film, der beim Filmfestival Locarno zu sehen war, der Kopf. Die SZ erinnert anlässlich des 70. Todestages von Thomas Mann an dessen Exiljahre in den USA, als er im Verdacht stand, Kommunist zu sein. Die FR trauert mit den Korallen-Drucken der australischen Künstlerin Janet Laurence um das "verbrannte Meer". 

Großzügigkeit für alle

11.08.2025. Bei den Innsbrucker Festwochen sind die Kritiker gespaltener Meinung, was Antonio Caldaras dreihundert Jahre alte Oper "Ifigenia in Aulide" angeht: Schlechter Trash, sagt die SZ, guter Trash, findet der Standard. Hinrich Baller ist tot: Der Architekt hat Berlin mit eigenwillig-symphatischen Bauten geprägt, erinnern sich die Zeitungen. Die Welt besucht die Wim-Wenders-Ausstellung in Bonn. Die SZ ist noch auf der Suche nach dem diesjährigen Sommerhit. Aber immerhin gibt es eine sensationelle Nick-Drake-Box, freut sich die FAZ.

Er hält die Putzfrau für einen 'Repto'

09.08.2025. Wie hielt es Dimitri Schostakowitsch mit Stalin, fragen sich die Feuilletons zum heutigen 50. Todestag des russischen Komponisten. In Russland jedenfalls werden die subversiven Botschaften seiner Musik einfach geleugnet, weiß die FAZ. Die taz lernt in Julian Vogels und Johannes Büttners Film "Soldaten des Lichts" die gefährlichen Heilmethoden von Verschwörungstheoretikern kennen. In der NZZ glaubt die in Russland geborene Schriftstellerin Anna Prizkau nicht an die Kraft politischer Literatur. Und der Guardian blickt in Paris zurück auf 5000 Jahre Geschichte Gazas.

Ohne süßliche Zuspitzung

08.08.2025. Die Welt berichtet von Doppelmoral am Royal Opera House in London: Mit Anna Netrebko wird gern wieder zusammengearbeitet, eine Koproduktion mit der Israeli Opera in Tel Aviv wurde nach Protesten der Mitarbeiter indes kurzfristig abgesagt. Wenn es die Deutschen nicht gerade mit Humor versuchen, haben deutsche Filme durchaus Erfolg im Ausland, bemerkt der Filmdienst. Mehr als 20.000 aller pro Tag neu hochgeladenen Songs sind von KI generiert, hält die taz fassungslos fest. Die FAZ bewundert im Centre Pompidou in Metz Kunst, die aus Kopien entstanden ist. Und alle trauern um Jazzlegende Eddie Palmieri.