Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2025. Nach dem Urteil gegen Boualem Sansal ermuntert Claus Leggewie die Bundesregierung im Perlentaucher, dem algerischen Botschafter gegenüber ihre Missbilligung des Urteils kundzutun. FAZ und FR lauschen gebannt, wenn Judith Schalansky in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung die Geschichte der Welt vom Marmor aus erzählt. VAN hat zum Umgang der Komischen Oper mit öffentlichen Geldern recherchiert. Die taz sitzt in Warschau zwischen einer Wodka- und einer Whiskeyflasche. Die NZZ nimmt lieber Platz auf modellierten Eulen und Hirschen von Diego Giacometti.
02.07.2025. Boualem Sansal bleibt in Haft. Le Point hofft nach einem weiteren algerischen Skandalurteil auf eine Begnadigung durch den Präsidenten, aber es bleibt ein sehr bitterer Nachgeschmack, den rupture-mag.fr und Franc Tireur benennen. Die Schriftstellerin Cristina Rivera Garza erklärt im Zeit-Gespräch, warum es wichtig ist, anders über Morde an Frauen zu schreiben. Die FR begeistert sich angesichts einer Städel-Ausstellung für das Unrealsozialistische der Kunst des DDR-Malers Werner Tübke.
01.07.2025. Aktualisierung um 12.20 Uhr: Das Urteil in der zweiten Instanz gegen Boualem Sansal lautet auf fünf Jahre Gefängnis. Heute wird das Urteil gegen Boualem Sansal erwartet - dann wissen wir auch mehr über die Absichten der algerischen Regierung gegenüber Frankreich, kommentiert Le Point. Im Spiegel erklärt der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch, warum Romane besser geeignet sind, um über Krieg zu schreiben. Die SZ lauscht in Köln dem apokalyptischen Sound der "Letzten Tage der Menschheit". Die FR irrt in neuen Bildern von Norbert Bisky durch Parallelgesellschaften. Und die SZ tarnt sich in Paris ein letztes Mal in klobigen Jacken von Balenciaga-Designer Demna.
30.06.2025. Die Kritiker jubeln über den Bachmann-Preis für Natascha Gangl: In ihrem Text geht es mit großer "Sprachspielhaftigkeit" um Nazi-Massaker in Österreich. Während die SZ einem leidenschaftlichen "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen lauscht, reicht es für die FAZ höchstens für genervtes Gähnen. Monopol lässt sich von Jordan Wolfsons Installation in Basel verstören. Zeit Online lernt mit bisher unveröffentlichten Alben einen ganz neuen Bruce Springsteen kennen.
28.06.2025. Die Welt gibt sich in Rebecca Lenkiewicz' Sommerfilm "Hot Milk" flirrender Sommerhitze und dem "leisen Horror" einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung hin. Im FR-Interview erklärt der Schriftsteller Christoph Hein, warum die DDR sein literarischer "Steinbruch" ist. Spiegel Online ruft schon mal den "Lorde-Summer" als Nachfolger des "Brat Summers" aus. Die FAZ weiß in der Ausstellung "21 Kunstmuseen des Ruhrgebiets" gar nicht, welches berühmte Werk sie zuerst anschauen soll.
27.06.2025. Die Feuilletons resümieren den Auftakt des Bachmann-Wettlesens, bei dem Nava Ebrahimi den "Endzeitfaschismus" in der Welt beklagte. Viel mehr fiel ihr leider nicht ein, seufzt die SZ. Monopol bewundert in München Straßenfotografie aus Mali. Die FR erfährt in Sylvie Kürstens Dokufilm über die Künstlergruppe Clara Mosch, wie rebellisch DDR-Kunst sein konnte. Die taz lauscht auf einem Album von Ndagga Rhythm Force dem Westafrika der Zukunft.
26.06.2025. Die Feuilletons rasen in Joseph Kosinskis Motorsportfilm "F1" mit Brad Pitt über die Rennstrecke: Ein Film wie ein gutes Rennauto, freut sich der Perlentaucher. Monopol entdeckt auf der Momentum-Biennale im norwegischen Moss Kunst in Scheunen und auf Feldern. In der Zeit erzählt Barbara Kingsolver von ihrer Kindheit in Hilbilly-Land. Die FAZ beweint mit Miley Cyrus besonders leidenschaftlich die untergegangene "Abba-bis-Madonna-Welt".
25.06.2025. Gestern fand in Algier der Berufungsprozess für Boualem Sansal statt, berichtet Le Point: Gefordert werden nun zehn Jahre Haft, auch Sansals neuem Anwalt wurde das Visum verwehrt. Die SZ nimmt die Bayerischen Kunstsammlungen weiterhin unter die Lupe und stellt massive Sicherheitsmängel fest. Die Welt erliegt in Tübingen überschwänglichen Architekturvisionen seit 1900. Zeit Online spricht mit jungen Filmschaffenden über die miesen Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland Filme gedreht werden müssen. Und in Stratford soll Shakespeare "dekolonisiert" werden, weiß die NZZ.
24.06.2025. Die Welt schmilzt bei Ina Weisses Film "Zikaden" über prekäre Frauen-Existenzen in Ost und West dahin. Die FAZ rebelliert in einer Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich mit Blumen gegen Unrechtsregime. Die NZZ wird bei Marcos Darbyshires Inszenierung der Puccini-Oper "Tosca" in St. Gallen fast verprügelt. Die FAZ erwartet außerdem vom Musikprogramm der Wiener Festwochen nächstes Mal mehr als oberflächliche Gesten der Betroffenheit.
23.06.2025. Putin war schon immer ein Zensor, aber "nun ist die Zeit gekommen, um die unabhängige Kultur in allen ihren Formen zu vernichten: Kino, Theater, Musik und schließlich die Literatur", schreibt Viktor Jerofejew in der FAZ. taz und FAZ lernen von Mohammad Rasoulofs Stück "Destination: Origin" in Berlin, wie sich Exilerfahrungen in Körper einschreiben. Christina Tscharyiskis Horvath-Inszenierung überzeugt die Nachtkritik durch ihre "Demaskierung des Bewusstseins." Die NZZ stellt Meinolf Brüsers Bach-Buch vor. Und die Zeitungen trauern um die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger.