Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Menschheit in der Klemme

22.04.2025. Die SZ bewundert, wie Raoul Peck in seinem Dokumentarfilm das Leben des südafrikanischen Fotografen Ernest Cole anhand von dessen Aufnahmen erzählt. Die NZZ staunt, wie Norman Foster einen 60-stöckigen Bankenkoloss in New York auf Zehenspitzen tänzeln lässt. Die taz demontiert in Berlin den Heroismus von Georg Kolbes Skulpturen. Und der FAZ ist unwohl, wenn Sandra Hüller in Halle eine genderneutrale Penthesilea auf die Bühne bringt.

Sanft entchristlicht

19.04.2025. Die FAZ beäugt beim Photo Brussels Festival skeptisch die "alternative Vergangenheit", die durch Künstliche Intelligenz geschaffen wird. Die SZ sieht in der aufgedeckten NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Unseld eine "Fallstudie des deutschen Kleinbürgertums". Die Filmkritiker werden umgehauen von Ryan Cooglers "Blood & Sinners", der gleichzeitig Vampirfilm, Drama über Rassismus und Horrorfilm aus schwarzer Perspektive ist. Die Welt würde sich wünschen, dass Christian Thielemann als  Generalmusikdirektor der Staatsoper klare Kante in kulturpolitischen Fragen zeigt.

Das Cabrio als Pazifist

17.04.2025. Siegfried Unseld hat seine NSDAP-Mitgliedschaft nicht verschwiegen, finden zwei Forscher aus Marbach für die FAZ heraus. Die Zeit hält an ihrem Blick auf die Sache fest und kritisiert sein späteres Schweigen. Die SZ blickt in der Bundeskunsthalle Bonn in die bis heute nachwirkenden Abgründe der Lebensreformbewegung, von denen deutsche Institutionen lieber nicht allzu viel wissen wollen. Die Filmkritiker erleben in Alex Garlands und Ray Mendozas "Warfare" den puren Krieg ganz ohne "weltdeuterisches Mackertum".

Er kam, sang und siegte

16.04.2025. Die FAZ ist hin und weg von Nadezhda Karyazina, die sich in Simon McBurneys Salzburger "Chowanschtschina"-Inszenierung bis in größte Gottesnähe singt. Die Zeit ist irritiert, dass manch einer  Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft als Nebensächlichkeit abtun will. "Liebe", ein Film des Berlinale-Gewinners Dag Johan Haugeruds, ist zwar literarisch grundiert, findet jedoch zu einer sinnlichen Sprache des Kinos, freut sich der Filmdienst. Die Feuilletons verabschieden sich von Peter Seiffert - der weltweit gefeierte Tenor war ein Wagner-Held aus dem Bilderbuch, findet die Welt.

Eskapade gut situierter Gesellschaftsdamen

15.04.2025. Der Berliner Senat überlegt, die ehemaligen Ost-Berliner Theater umzustrukturieren, berichtet die taz, Theatermacher bangen um ihre Jobs. Die NZZ lässt sich in London von Tuschezeichnungen Victor Hugos auf Wendeltreppen in die Hölle führen. Die FAZ zeichnet Mario Vargas Llosas Wandel vom glühenden Linken zum passionierten Liberalen nach.

Adiós, Super-Mario

14.04.2025. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist tot: Die Zeitungen trauern um einen Autor, der politische Missstände aufgezeigt und mit der "atemberaubenden Vitalität lateinamerikanischer Wirklichkeiten" gespielt hat. Die Welt feiert die Ambivalenz von Stefanie Reinspergers Sissi am Burgtheater, die SZ hingegen nervt der Feminismus in einfacher Sprache von Mareike Fallwickls Stück. Backstage Classical kritisiert die ARD, die klassische Konzerte auf Youtube hochlädt.

Eine lebenslange Abspaltung

12.04.2025. Die FAZ staunt im Gropius Bau über Yoko Ono. Die Literaturkritiker begrübeln Unselds Schweigen über seine NSDAP-Mitgliedschaft. In der FAZ erklärt Jürgen Habermas, er und Kluge hätten aber nichts davon gewusst. Die nachtkritik fragt, ob sie sich gemeint fühlen soll, wenn Emre Akal in seiner Münchner Inszenierung von Fassbinders "Katzelmacher" den Rassismus in die Mittelschicht verlegt. Die taz kann sich in Köln kaum satt sehen an den  Kinderspielen aus aller Welt, die Francis Alÿs gefilmt hat.

Deutet sich hier ein Gewitter an

11.04.2025. Die Feuilletons diskutieren über Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft: Die FR wundert sich über die späte Entdeckung, die NZZ vermutet gar ein "intellektuelles Kartell des Schweigens". Peter Truschner fragt sich im Perlentaucher, ob Juergen Tellers Auschwitz-Buch den Ort wirklich neu beleuchten kann. Die FR bestaunt im Wallraf-Richartz-Museum die Impressionisten-Sammlung des Ehepaars Brown. Die taz stellt fest: Immer mehr Frauen nehmen die Turntables als DJs für sich ein.

Variationen auf ein Thema, das nie alt wird

10.04.2025. In der Zeit eröffnet der Historiker Thomas Gruber einen Zufallsfund: Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld war ab 1942 NSDAP-Mitglied. Der Tagesspiegel wundert sich, dass beim Blick in Unselds Biografie niemand vorher danach gefragt hat. Die FAZ erliegt in Paris dem verwegenen Zauber leuchtender Landmaschinen auf David Hockneys iPad-Malereien. Der Filmdienst empfiehlt Jan Schomburgs ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex", die auch die Verbindungen zur Politik andeutet.

So hell und hoffnungsvoll

09.04.2025. Paolo Sorrentinos "Parthenope" ist eine filmische Liebeserklärung an Neapel und an die Schönheit schöner Frauen, in der alles ein bisschen zu üppig geraten ist, wie die taz findet. Wenn Stephen Lawless am Theater Lübeck Wagner inszeniert, wird nicht mehr aus Liebe gestorben, staunt van. Synchronsprecher europaweit schlagen Alarm, berichtet die SZ: KI bedroht ihre Arbeit. Die Welt flaniert in Karlsruhe durch eine Medienkunst-Ausstellung und meint: die klassischen Künste sind irgendwie sinnlicher. Musiker, die sich als Rebellen inszenieren, bringen uns nicht weiter, meint der Jazzer Wynton Marsalis im NZZ-Gespräch.