Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2025. Die Zeitungen verurteilen einstimmig das Urteil zu fünf Jahren Haft, das in Algerien über Boualem Sansal gesprochen wurde. Möglicherweise gibt es aber Hoffnung auf Begnadigung, meint die Welt. Der Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse an Kristine Bilkau ist für die Kritiker eine Überraschung. Den Sachbuchpreis erhält Irina Rastorgueva, Thomas Weiler wird in der Sparte Übersetzung ausgezeichnet. Emsige Tänzer machen die FR auf dem Tanzmainz-Festival munter. Artechock und SZ sind sich einig, dass Gilles Lelouches Film "Beating Hearts" ziemlich wuchtig daherkommt.
27.03.2025. Aktualisiert: Boualem Sansal wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Die taz kann nur hoffen, dass die Kultur auch künftig so struppig bleibt, wie sie sich zum Auftakt der Leipziger Buchmesse präsentiert. Viel konnte das Buch allerdings nicht gegen den globalen Siegeszug der Autokraten ausrichten, seufzt der Tagesspiegel. Nicht ganz einig sind sich die Filmkritiker über Joshua Oppenheimers "The End", der Tilda Swinton in einem postapokalyptischen Bunker verdrängte Traumata besingen lässt. Monopol hört in Ravensburg den stummen Aufschrei in den im Mund zugerichteten Kaugummi-Plastiken von Alina Szapocznikow. Und die FAZ fragt sich, weshalb die deutsche Automobilindustrie nur megalomane Schwellkörper oder depressive Fische produziert.
26.03.2025. Claus Leggewie sieht im Perlentaucher erste Anzeichen dafür, dass Boualem Sansal frei kommen könnte. Die FAZ berichtet von einem Literaturskandal in Estland, wo ein preisgekrönter Essay als KI-Schöpfung enttarnt wurde. Die taz lernt in Karlsruhe von der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros, was Sprache mit Körperlichkeit zu tun hat. Die FAZ verteidigt das Bayerische Nationalmuseum gegen Antisemitismusvorwürfe. Ein Boykott amerikanischer Kulturinstitutionen trifft genau die Falschen, vermutet Backstage Classical. Kurdwin Ayubs Film "Mond" feiert weiblichen Mumm, freut sich die taz.
25.03.2025. Die NZZ lauscht in Beat Furrers Oper "Das große Feuer" hingerissen den Stimmen des Waldes, der Tiere und sogar der Wolken. Schon wieder ein Skandal in der Bayerischen Kunstwelt, berichtet die SZ: Auf dem Cover des Programms des Nationalmuseums prangte eine antisemitische Darstellung des Judas. In der NZZ fragt sich der Schriftsteller Davide Coppo, ob die Miniserie "M. Der Sohn des Jahrhunderts" über Mussolini nicht etwas zu viel Identifikationsfläche mit dem Diktator bietet.
24.03.2025. Die SZ begegnet im Folkwang Museum der zutiefst widersprüchlichen Alma Mahler, die von Oskar Kokoschka in Hunderte Bilder gebannt wurde. In Barry Levinsons Mafia-Epos "The Alto Knights" darf Robert de Niro gleich zwei Mafiabosse spielen - originell ist keiner von beiden, seufzt die FAZ, die SZ bekommt indes nicht genug von De Niros Schauspielkunst. Die Nachtkritik fühlt sich mit Tom Kühnels Dresdner Adaption von Hans Falladas Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" fatal an die Gegenwart erinnert.
22.03.2025. Ukrainer und Belarussen wissen es seit den Neunzigern: Ein Imperium will immer weitere Länder erobern, sagt Alhierd Bacharevič, der in Leipzig den Preis für Europäische Verständigung erhalten wird, im FAZ-Gespräch. Die Literaturkritiker versuchen das Erfolgsgeheimnis norwegischer Literatur zu lüften: Sind es die vielen Fjorde oder ist es doch eher die üppige Förderung, fragen sie. taz und Berliner Zeitung verlieren sich im Gropius Bau, wo Vaginal Davis mit Eyelinern, Lippenstiften und Penissen die Wahrheit ans Licht bringt. Die Welt fragt: Kommt die Architektur an ihr Ende?
21.03.2025. Der Prozess gegen Boualem Sansal in Algerien wurde eröffnet, die Staatsanwaltschaft fordert zehn Jahre Haft, berichtet Le Monde. Die FAZ schwelgt mit den Designs von Willy Fleckhaus im Wiener Fotomuseum WestLicht im Aufbruchsgeist der Sechziger. Schwesternschaft und Rivalität erlebt die taz mit Karin Beiers Inszenierung der Donizetti-Oper "Maria Stuarda" auf der Bühne der Hamburger Staatsoper. Die neue Schweizer Kommission für Raubkunst stößt nicht nur auf Gegenliebe, weiß die NZZ.
20.03.2025. Die Welt feiert in London brasilianische Kunst, die dem identitätspolitischen Kulturknast entkommen ist. Artechock wiederum goutiert Tom Tykwers Film "Das Licht" als Befreiungsschlag aus dem allzuengen Plotgefängnis. Die Zeit, deren Literaturbeilage heute erschienen ist, plaudert mit Juli Zeh und David Finck über deren Leben als schriftstellerndes Paar. Die SZ geht vor der Sopranistin Corinne Winters auf die Knie, die in Leoš Janáčeks "Katja Kabanova" zur Rebellin reift. Die Welt wirft dem Spiegel wegen eines Artikels über das vermeintliche Mobbing von Müttern am Berliner Ensemble Verdachtsberichterstattung vor.
19.03.2025. Die FAZ kniet nieder vor Jamie Lee Curtis, die in Gia Coppolas Film "The Last Showgirl" sogar Pamela Anderson die Show stiehlt. Die taz ist gerührt vom Anblick welken Kohls - in einer Münchner Ausstellung des Ikebana-Künstlers Kosen Ohtsubo. Sensibilität war ein Fremdwort in der DDR, lernt die FR von Annett Gröschner. Die Welt applaudiert Katharina Wagners Lohengrin-Krimi in Barcelona. Außerdem spaziert die FAZ über den generalüberholten Berliner Gendarmenmarkt und wäre lieber in Rom oder Madrid.
18.03.2025. taz und FAZ feiern die Opulenz, mit der Robert Carsen in Berlin in Leoš Janáčeks selten gespielter Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" elfenhafte Aliens Ballett tanzen lässt. Dank des mexikanischen Künstlers Mario García Torres ist die Documenta zu ihrem Siebzigsten in uneingeschränkter Feierlaune, freut sich Monopol. Und die Feuilletons trauern um Peter Bichsel, das helvetische Monument, das aus dem Unscheinbaren etwas Bedeutendes zog, und um Rosenstolz-Sängerin Anna R, "die Zarah Leander der deutschen Wiedervereinigung", wie die Welt schreibt.