Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Flammender Engel wider Willen

05.03.2025. Der taz wird in einer Istanbuler Ausstellung von Ahmet Güneştekin das Dilemma politischer Pop-Art vor Augen geführt: Kritische Ideen, gefällige Umsetzung. Eher um nichts als um alles geht es in Bong Joon-hos Science-Fiction-Spektakel "Mickey 17", ärgert sich die NZZ. Der Standard macht sich auf zum Theater an der Ruhr, wo mutige Theatermacher Pasolini gegen rechte Scharfmacher in Stellung bringen. Amerikanische Filmproduzenten schauen nur aufs Geld, meint Horrorfilmregisseur Tilman Singer in einem Roundtable-Gespräch auf critic.de - und findet das gar nicht mal so schlecht.

Nur irgendwie kratzt die Seide

04.03.2025. Nachlese zu einem ziemlich braven Oscar-Abend: Niemand zeigte Zähne, seufzt Zeit Online. Fürchtet die Filmszene Trumps Rache, fragt die NZZ. Kamel Daoud überlegt in Le Point, weshalb sich so wenige algerische Schriftsteller für Boualem Sansal aussprechen: "Man darf ihn nicht unterstützen, weil man riskiert, im Namen der angeblichen Befreier Palästinas gelyncht zu werden." Der Tagesspiegel blickt in Eberswalde auf Federzeichnungen von Lea Grundig auf das Wüten der Nazis. Und die Theaterkritiker bewundern, wie Jan Bosse mit Ayad Akthar in Wien KI auf die Bühne bringt.

Besteige dieses dunkle Roß und eile her

03.03.2025. Die Oscars bieten einige Überraschungen: Sean Bakers Independentfilm "Anora" über eine Sexarbeiterin, die sich von einem Russen nichts bieten lässt, ist der klare Gewinner: "Die Amerikaner sind offenbar begeistert davon, dass sich endlich mal jemand gegen einen mächtigen Russen behauptet", meint Moderator Conan O'Brien. "Falls die Russen kommen: Wir sind vorbereitet", warnt der estnische Schriftsteller Paavo Matsin beim Internationalen Literaturfestival Odessa, wie die SZ berichtet. Die FAZ schult in Remagen ihre Wahrnehmung mit den Nebelschwaden von Axel Hütte. taz und SZ erschrecken angesichts der Aktualität von Jette Steckels "Mephisto" in Hamburg.

In sich wachsen und mutig zu werden

01.03.2025. Die entsetzte FAZ lernt aus Sergei Loznitsas Doku "Die Invasion" (Arte), was russische Besatzung für die Ukraine bedeutet. In der FAS fragt Hito Steyerl: Wie kriegt man die Kunstfreiheit in die Kunst zurück? Die Welt geht mit der Künstlerin Leiko Ikemura eine Häsin gießen. Die Theaterkritiker liegen Stefanie Reinsperger zu Füßen, die in Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Heiliger Johanna der Schlachthöfe" den Großkapitalisten Mauler gibt. Die Welt staunt außerdem, wie gut Brecht mit Ayn Rand zusammengeht. Der Abend ist nichts für Freunde veganen Theaters, warnt die SZ.

Da bröckeln die Jahrhunderte

28.02.2025. Alle trauern um Gene Hackman, der aus dem Alltäglichen etwas ganz Besonderes machen konnte. Der bayerische Kulturminister kündigt Rechtssicherheit für Restitutionen an, der Tagesspiegel bleibt skeptisch. Ebenfalls der Tagesspiegel entdeckt in der Berliner Akademie der Künste die DDR-Ästhetik des Dorfes Berka, das Ute und Werner Mahler und Ludwig Schirmer über siebzig Jahre fotografiert haben. Das Theaterkollektiv tutti d*amore räumt in der Deutschen Oper mit Wagnermythen und Operettenklischees auf, die taz schaut zu. Außerdem ärgert sie sich über die Machenschaften von Spotify.

Manchmal wird einfach ein Ohrläppchen abgezwickt

27.02.2025. Aktualisiert: Gene Hackman und seine Frau wurden tot aufgefunden, meldet Variety. Der Tagesspiegel bewundert Surrealistinnen aus Brasilien, Dänemark und der Schweiz in Hamburg. Während Bernhard Maaz, Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der SZ in der FAZ "Falschbehauptung" vorwirft, fordert der bayerische Landtag eilig eine Neuausrichtung der Provenienzforschung, meldet die SZ. taz und SZ kriechen mit Stefanie Sargnagel in Wien in den Darm der feinen Wiener Gesellschaft. James Mangolds "Like A Complete Unknown" über Bob Dylan mag ein wenig brav sein, vor Timothée Chalamet verneigt sich die Zeit allerdings. 

Hoffentlich meldet sich keiner

26.02.2025. Der Restitutionsstreit rund um die Bayerische Staatsgemäldesammlungen eskaliert: Der SZ wurden giftige Emails zugespielt, die im Museum kursieren. Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" wird vorerst nicht verboten - gut so, findet die taz. Die FAZ staunt in einer Düsseldorfer Ausstellung über die Subtilität, mit der Bracha Lichtenberg Ettinger die Schrecken der Shoah sichtbar macht. Britische Musiker protestieren gegen KI, berichtet die SZ, mit einem Album auf dem nur Stille zu hören ist. Die Welt erinnert an den Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, einen Paradiesvogel im Reich der Mehlwürmer und Grottenolme.

In einer stillen Glut

25.02.2025. Die FAZ wird in Edvard Clugs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett nicht in den verzauberten Wald versetzt, sondern an den Strand. Die SZ lernt von der Übersetzerin Ki-Hyang Lee, dass das Koreanische viel subtiler ist als das Deutsche. Der Tagesanzeiger hält es für eine vortreffliche Sache, dass Amazon die Rechte an den James-Bond-Filmen gekauft hat. Und die Musikkritiker verabschieden sich von der Soul-Sängerin Roberta Flack.

Flaschenpost eines fernen Freundes

24.02.2025. Dag Johan Haugeruds "Drømmer" erhält den Goldenen Bären auf der Berlinale: Eine gute Wahl in einem nicht überragenden, aber soliden Wettbewerbsjahr, befinden die Kritiker. Die FR schwebt mit dem Karlsruher "Rinaldo", Händel inszeniert von Hinrich Horstkotte, auf "Flugwolken". Dem chinesischen Verständnis von Kunst-Kopie zum Original geht die NZZ nach. Die taz berichtet aus der Kiewer Buchhandlung "Sens", die russischsprachige Literatur aus ihren Regalen verbannt hat. Boualem Sansal ist in den Hungerstreik getreten, meldet Zeit Online.

Wie wird ein Mensch ein Mensch?

22.02.2025. Die Berlinale-Bilanz der Filmkritiker fällt positiv aus: Die FAS sieht die gezeigten Filme als Waffe für eine gute Demokratie, der Tagesspiegel lobt immerhin Tricia Tuttles Experimentierfreude. In der NZZ blickt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew auf die zwei Literaturen Russlands, deren goldene Äpfel im Westen gelandet sind. SZ und Tagesspiegel blicken auf den NS-Raubkunst-Skandal bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und meinen: Nicht die Museen, sondern die Politik trägt die Schuld. Und der Guardian schaut in Margate auf hundert Jahre Widerstand zurück.