Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Zuviel Geschmack ist gefährlich

21.02.2025. Tricia Tuttles erste Berlinale lässt die Filmkritiker zumindest klaglos zurück: Es gab genug Kunst und Innovation, meint die FR. Und der ukrainische Schwerpunkt war ohnehin sehenswert, ergänzt die taz. Monopol staunt in Düsseldorf über die Landschaften aus Elektroschrott, die der äthiopische Künstler Elias Sime erschafft. Der Münchner Museumsverband versucht nach dem SZ-Leak zu NS-Raubkunst in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nun seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, konstatiert der Tagesspiegel. Die FR lernt in Bulgarien, wie Kulturerbe schmerzen kann.

Die Wunde eines ganzen Landes

20.02.2025. Die Filmkritiker ziehen eine erste vorsichtige Berlinale-Bilanz, Highlights entdecken sie in den Nebensektionen: Philipp Dörings vierstündiger Dokumentarfilm "Palliativstation" etwa, oder Marcin Wierzchowskis und Martina Priessners Beiträge zu den Anschlägen in Hanau und Mölln. Das französische Unterstützerkomitee für Boualem Sansal veröffentlicht einen deutlichen Appell an Macron, wir zitieren. In Franc-Tireur verteidigt Raphael Enthoven Kamel Daoud und die Kunstfreiheit. Die SZ entnimmt einem geleakten 900-Seiten-Dokument, wie die  Bayerischen Staatsgemäldesammlungen NS-Raubkunstfälle verheimlichten.

Zwischen Weisheit und Größenwahn

19.02.2025. Die Filmkritiker feiern auf der Berlinale Richard Linklaters "Blue Moon" - die FAZ ist entzückt davon, wie Ethan Hawke hier mit Worten tanzt. Die taz sieht in Berlin in Matt Copsons laser-animierter Oper "Coming of Age" zu, wie ein Baby mit süßen Knopfaugen alles niederbrennt. Claus Leggewie berichtet im Perlentaucher von einem Solidaritätsabend für Boualem Sansal in Paris. Die SZ fühlt sich in einer umstrittenen römischen Futurismus-Ausstellung an Katholikentagskitsch erinnert. Einen vogelartig staksenden Faun lernt die FR dank Choreografin Liliana Barros im Staatstheater Wiesbaden kennen.

In den unmöglichsten Winkeln im Nacken

18.02.2025. Herrlich cringe finden die Filmkritiker Frédéric Hambaleks Berlinale-Film "Was Marielle weiß" über ein junges Mädchen, das plötzlich alles sehen und hören kann, was seine Eltern treiben. Mit Oleksiy Radynskis Dokumentarfilm "Special Operations" erleben sie die dumme Realität russischer Okkupation in Tschernobyl. Die Welt hat die Nase voll von den Brüllorgien und Vulgarismen in der deutschen Theaterlandschaft. Die FAZ blickt neidisch ins norwegische Trondheim, wo die Architektin India Mahdavi im neuen Gegenwartskunst-Museum PoMo Farben durch alle Räume rinnen lässt.

Possierliche Raupenmonster

17.02.2025. Halbzeit bei der Berlinale: Die FR ist noch nicht zufrieden, macht aber Bong Joon-Hos Science-Fiction-Farce "Mickey 17", in dem Robert Pattinson es mit einer Trump-Karikatur im Weltall aufnehmen muss, als stärksten Film aus. Der Tagesspiegel feiert derweil Bruno Forzanis "Reflections in a Dead Diamond", eine irrlichternde Hommage an das Eurospy-Genre der Sechziger. Die FAZ wird mit Mark-Anthony Turnages Oper "Festen" in eine düstere Familienfeier hineingezogen. Die SZ entdeckt in der Londoner Courtauld Gallery einen Picasso hinter dem Picasso.

In verzweifelter Erwartung des Bösen

15.02.2025. Die Jüdische Allgemeine registriert entsetzt den Hass auf Israel in der Filmbranche, der sich im Applaus für Tilda Swintons Kritik am "Kolonisator" Israel und dem Schweigen zu den israelischen Opfern ausdrückte. Die taz ist beeindruckt von der unideologischen Bildsprache in Tom Shovals Doku "A Letter to David" über den von der Hamas entführten Schauspieler David Cunio. Die FAS nähert sich dem Thema "Angst" in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien. Wie man Sprachlosigkeit lösen kann, lernt die beeindruckte FAZ bei einem Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie zur Bombardierung Dresdens mit Benjamin Brittens "War Requiem".

Das Geistige selbst zur Erscheinung bringen

14.02.2025. Die Berlinale wurde gestern abend mit Tom Tykwers "Das Licht" eröffnet. Die Filmkritiker sind verstört: Kann man heute "vor allem aus dem gestörten Komfort der Prenzlaueria heraus erzählen", fragt entsetzt die Welt. Wassily Kandinsky hat die Farbe von den Zwängen der Realität befreit, lernt der Tagesspiegel im Museum Barberini. Der NZZ imponiert die Verknüpfung von Weltgeschichte und Werkgenese in Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae". Melancholie kommt bei der SZ auf, die in das neue Tocotronic-Album reinhört.

Wo sich meist sowieso alle gemeint fühlen

13.02.2025. Heute beginnt die Berlinale unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle. So richtig viel Aufbruchsfreude kommt bei den Kritikern nicht auf: Die taz muss Veränderungen mit der Lupe suchen, die FR findet das Programm vielversprechend, die SZ durchwachsen. Der FAZ schwant Übles bei der Gala, angesichts der windelweichen Äußerungen zum Antisemitismusskandal im letzten Jahr. Der Galerist Johann König verklagt den Autor Christoph Peters, in dessen Roman "Innerstädtischer Tod" er sich wiederzuerkennen glaubt. Ja, wie soll man denn noch einen gegenwartsgeladenen Roman schreiben, fragt die Zeit.

Stabil im Fortissimo

12.02.2025. Die Feuilletons begeistern sich für die Carl-Friedrich-Mylius-Ausstellung im Städel: Da ist nichts retuschiert an seinen Frankfurt-Fotos, jubelt die FR, man könnte meinen, sie lügen nicht. critic.de ärgert sich darüber, dass es auf der Berlinale-Retrospektive zum Genrekino der 1970er arg bürgerlich zugeht. Der Tagesspiegel bewundert die muskulösen Relieffiguren auf der Baustelle des Pergamonmuseums. Noch mehr als ums Theater muss man sich angesichts der Berliner Sparpläne um die Pop-Kultur sorgen machen, ruft Zeit Online.

Allein wie die anzogn war

11.02.2025. Die SZ überwindet am Wiener Volkstheater mit "Fräulein Else" sowohl das Patriarchat als auch die Scham vor der Nacktheit. Justin Kurzels Thriller "The Order" führt ebenfalls die SZ an die Ursprünge des Wahnsinns der Trump-Wähler. Die taz nähert sich in einer Krefelder Ausstellung zwei Visionären des Raumdenkens, dem Architekten Friedrich Kiesler und dem Künstler Walter Pichler. Die FAZ bewundert die Eleganz des Pinselstrichs von Comiczeichner Albert Uderzo in einer Ausstellung in Berlin.