Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Biss in den atonalen Apfel

29.01.2025. Die FAZ springt mit Johan Simons' Adaption von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Schauspiel Bochum "leichtfüßig über alle Genregrenzen." Außerdem berichtet sie entgeistert über die Untiefen der Kulturpolitik in Russland, wo Museumsmitarbeiter in Wehrertüchtigungslagern fitt gemacht werden. In der Welt erklärt Regisseurin Mareike Engelhardt, weshalb auch Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben, Täterinnen sind. Die atonale Musik hat die Menschheit definitiv schlauer gemacht, denkt sich die SZ während einer John-Adams-Interpretation des Pianisten Víkingur Ólafssons.

Leuchtende Lebensgier

28.01.2025. Der Perlentaucher wird demnächst 25! Er lanciert eine Kritikerumfrage, die heute startet: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?" Ijoma Mangold antwortet als erster. Die Theaterkritiker applaudieren: Die SZ wird bei Tobias Kratzers Berliner Inszenierung von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" Zeuge einer gekonnten Entzauberung. Die taz staunt über den Minimalismus, mit dem Tilmann Köhler Durs Grünbeins Dresden-Roman "Der Komet" ebendort auf die Bühne bringt. Die taz freut sich außerdem, die völlig in Vergessenheit geratene Expressionistin Else Hertzer in einer Ausstellung in Berlin wiederzuentdecken.

Eine Zukunft, auf die wir uns freuen können

27.01.2025. Die Kritiker sind beeindruckt von Michael Wertmüllers gedankenstarker Oper "Echo 72" über das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972. Komponisten von E-Musik können nicht von ihrem Schaffen leben, sagt Helmut Lachenmann bei VAN. Der verstorbene Regisseur Bertrand Blier entdeckte Gérard Depardieu, als der noch ein ungeschliffener Rohdiamant war, erinnert der Filmdienst. Und Zeit Online rät jedem, der über den Klimawandel zu verzweifeln droht, in die Literaturwelt des Solarpunks einzutauchen.

Mit aufgeplustertem Gefieder und zum Sprung geduckt

25.01.2025. Die FAS hört in Bologna das aufgebrachte Vogelkreischen und Fuchsgebell in den Bildern des Malers Antonio Ligabue. Die SZ erkennt anhand von Halina Reijns "Babygirl": Die interessantesten Filme sind jene, in denen Frauen auf alle herabblicken. Die SZ besucht außerdem das eine Milliarde Dollar teure Grand Egyptian Museum in Kairo, wo extra Platz für die Berliner Nofrete gelassen wurde. Die FAZ erliegt in Berlin noch einmal dem verschwörerischen Zwinkern von Trisha Brown. Und ND wird zum Ohrenzeugen der Entstehung einer Bach-Toccata, wenn Ilya Shmukler sie spielt.

Bis in das abstrakteste Flirren

24.01.2025. Die Feuilletons beugen sich über die Oscarnominierungen: Jacques Audiards "Emilia Perez" führt mit dreizehn Nominierungen, aber der Tagesspiegel setzt seine Hoffnung eher auf Brady Corberts Epos "The Brutalist". Das Europaparlament kritisiert die Festnahme Boualem Sansals in einer Resolution. Die SZ bekommt mit Alexander Eisenachs Palmetshofer-Inszenierung "Sankt Falstaff" in München ein Lehrstück in maskulinem Machtgebaren geboten. Yuval Raphael, Überlebende des Hamas-Massakers, wird für Israel beim ESC antreten, melden die Zeitungen. Die taz versichert, dass auch das neue Album von Punk-Urgestein EA80 gewohnt sperrig und gradlinig ist.

Eine Perle am Wegesrand

23.01.2025. Die Filmkritiker begrüßen mit Matthew Rankin, der in "Universal Language" iranisches Exilkino nach Winnipeg holt, einen neuen Hoffnungsträger des Weltkinos. Der Tagesspiegel erlebt in Berlin mit Werken aus Odessa eine Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte. Hyperallergic sieht sich in Oslo von der norwegischen Malerin Else Hagen von Wolken feministischer Angst umhüllt . Die Auswahl zum Theatertreffen 2025 teilt die Gemüter: Radikal, meint die SZ, die soziale Apathie greift ins Ästhetische über, zürnt die Welt.  

Das ganz große Kreischpotenzial

22.01.2025. Die Feuilletons reagieren verhalten auf das diesjährige Programm der Berlinale: Zu wenige Stars, mutmaßt der Tagesspiegel. Aber eine vielfältige Filmauswahl, freut sich der Filmdienst. Die FAZ überkommt in einer Erfurter Ausstellung mit Venedig-Bildern von Friedrich Nerly schlimmstes Italien-Fernweh. Außerdem freut sie sich darüber, dass Silvia Costas Inszenierung von Karlheinz Stockhausens "Licht"-Zyklus an der Oper Lille in Zeiten beschworener maskuliner Energien das Weibliche feiert. Die GEMA verklagt den Musikgenerator Suno, weil er Dieter Bohlens Schreckensprojekt "Modern Talking" perfekt kopiert, staunt die SZ.

Sehnsucht nach Orten, die es nicht mehr gibt

21.01.2025. Der Guardian lernt in London fassungslos Simone de Beauvoirs Schwester Hélène kennen, die so radikal malte wie die Schwester schrieb. Die taz klettert mit Kieran Joel in Potsdam über die baumdicken Oberschenkel von Kim de l'Horizons Großmeer. Außerdem blickt die taz auf die Isolation israelischer DJs in der Elektro- und Clubszene. Die SZ liest zum fünfzigsten Todestag die traurigen, bissigen, melancholischen Exil-Gedichte von Mascha Kaleko.

Zum explosiven Höhepunkt

20.01.2025. "Wenn der Wind weht, spüre ich, wie die Panik in mir zu pochen beginnt", schreibt in der SZ der Schriftsteller T.C. Boyle, der in den kalifornischen Wäldern ausharrt, trotz der Feuergefahr. Die Nachtkritik erklärt mit Eric de Vroedts Frankfurter Inszenierung von Arthur Millers Stück "Ein Blick von der Brücke" den Tod für beendet. Moritz Eggert protestiert auf Backstage Classical gegen eine offenbar anstehende GEMA-Reform, bei der die Klassik künftig deutlich benachteiligt sein könnte. Monopol findet bei Herbert Lindinger heraus, was hinter dem Muster auf den Sitzen der Berliner U-Bahn steckt.

Die dunkelste und kühnste aller Verschwörungen

18.01.2025. Die SZ bewundert Gabriela Jolowiczs Schnappschüsse in Holz. Die FAS lauscht dem Buchclub des Popstars Dua Lipa auf Social Media. Die Filmkritiker trauern immer noch um David Lynch. In der Berliner Zeitung versenkt sich Slavoj Zizek psychoanalytisch in die Welt der von sexueller Energie hysterisch aufgeladenen Bösewichte Lynchs. Die nachtkritik applaudiert Mable Preachs Versuch, mit ihrer hoffnungslosen "Opera of Hope" die Oper zu entkolonisieren. Der Tagesspiegel erlebt eine Feier der Individualität mit der israelischen Bathseva Dance Company.