Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2024. Amnesty International bekleckert sich in Sachen Boualem Sansal nicht gerade mit Ruhm, kritisiert lejournal.info. Die Kampagne für Sansal wird intensiviert. Die Feuilletons laben sich an Jon M. Chus Filmmusical "Wicked" - drüber, aber toll, findet der Tagesspiegel. Der Streit um die Nahostkonflikt-Resolution des PEN Berlin eskaliert - unnötigerweise, findet die Zeit. Jetzt sind Teile der propalästinensischen Fraktion ausgetreten. Amoaka Boafas Kunst zerlegt Klischees schwarzer Macho-Männlichkeit, freut sich die taz in einer Ausstellung im Wiener Belvedere. Elfriede Jelinek fällt nicht viel Erhellendes zu Trump ein, ärgert sich die FAZ in der Premiere von "Endsieg" am Schauspielhaus Hamburg.
10.12.2024. Auf Zeit Online erklärt der nach Deutschland geflohene Schriftsteller Ahmad Katlesh, was es bedeutet, erstmals nach zwölf Jahren wieder Sehnsucht nach der Familie in Syrien empfinden zu dürfen. Die FAZ staunt in Maastricht, wie vertraut ihr die sieben Todsünden sind. Der Tagesspiegel bewundert im Berliner Brücke-Museum die kraftvoll gewirkten Harmonien der Davoser Weberin Lise Gujer. Und der Perlentaucher publiziert den Text der PEN-Berlin-Schriftsteller, die sich von der Resolution zum Nahost-Konflikt distanzieren.
09.12.2024. Am Samstagabend hat Han Kang ihre Nobelpreisrede gehalten, die die FAZ abdruckt. In der taz spricht die Literaturwissenschaftlerin Marion Eggert über die Rolle von Trauma und Gewalt im Werk der südkoreanischen Schriftstellerin. Die Verleihung des Europäischen Filmpreises für die beste Dokumentation an Basel Adras und Yuval Abrahams Film "No Other Land" zeigt es mal wieder: Israelkritik ist angesagt, hält die NZZ fest. Die FAZ berichtet außerdem über einen kuriosen Fall von Befehlsverweigerung bei ChatGPT.
07.12.2024. Die FAZ bestaunt im Berliner Kupferstichkabinett Meisterwerke der grafischen Lichtmalerei vor den Impressionisten. In der Berliner Zeitung erklärt die Fotografin Rinko Kawauchi, wie das Fragment sie im Jetzt verwurzelt. Im Filmdienst findet Regisseur Omer Fast, dass Identität überschätzt wird: Maske tragen ist auch okay. Die taz schwärmt von der großen Ästhetik der Depression in den Kunstliedern von Anja Plaschg. Die FAS porträtiert die Künstlerin Karimah Ashadu.
06.12.2024. Die FAZ betritt mit der Kunst von Almut Heise das Uncanny Valley. Wie Kunst und Identitätssuche auch in der Diktatur funktionieren können, lernt Monopol von Ana Lupas. Die nachtkritik entdeckt das klimakritische Potenzial von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" in einer Theaterinszenierung von Max Lindemann. Die Académie Goncourt setzt ihren Preis für algerische Literatur im nächsten Jahr aus, Grund ist das Verbot von Kamel Daouds ebenfalls nominiertem Buch in Algerien. Laura Nyro war so etwas wie eine Prototyp-Songwriterin der sechziger Jahre, staunt die taz. Und Nan Goldin hat ihr Dia doch noch reingekriegt.
05.12.2024. Welt und taz resümieren einen Abend im Literaturhaus Leipzig, bei dem auch die Frage diskutiert wurde, wie weit Boualem Sansal rechts steht. Ganz gleich, wo ein Schriftsteller steht, er muss sich frei äußern dürfen, hielt Najem Wali fest. In Le Point berichtet Kamel Daoud indes von der Hasskampagne, der er in Algerien ausgesetzt ist: "Tausende von Menschen zu töten ist akzeptabel, während das Schreiben eines Buches zu einem Verbrechen wird." Die Zeit warnt vor: Notre Dame wird für viele Besucher ein ästhetischer Schock. Monopol lässt sich in Wien hypnotisieren von der kinetischen Kunst Liliane Lijns.
04.12.2024. Wird die Volksbühne bald abgewickelt? Die SZ zumindest befürchtet dies, nachdem Ida Müller und Vegard Vinge ihre Interimsintendanz abgesagt haben. Dass der verantwortliche Kultursenator Joe Chialo die eskalierende Krise der Berliner Kulturszene schulterzuckend abtut, ist skandalös, findet die FAZ. Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Kogoku-Schrein" glänzt mit pittoresk herumliegenden Vierbeinern, freut sich die taz. Die SZ erkennt in den Impressionisten angesichts einer Ausstellung in der Alten Nationalgalerie die Apple-Watch-Träger des 19. Jahrhunderts. Wenig Verständnis hat sie dafür, dass "Dark Romance"-Romane aus Schulbibliotheken verbannt werden sollen.
03.12.2024. Die FAZ lässt sich von brennenden Insektenarmen in einer David-Lynch-Ausstellung in Oldenburg umarmen. Bei aller Vorfreude über die Wiedereröffnung von Notre Dame würde die FAZ zudem ganz gerne wissen, weshalb sich weder Staat noch Klerus für die Brandursache interessieren. In der taz blickt die Schriftstellerin Verena Boos in Nischen der deutschen Geschichte, die in Spanien bekannter sind als hierzulande. Die NZZ ist entsetzt, dass das LWL Münster Otto Mueller als Rassisten und Sexisten präsentiert. Fünf NobelpreisträgerInnen haben den Aufruf für Boualem Sansal inzwischen unterzeichnet.
02.12.2024. Kamel Daoud schildert in Le Point die Schikanen, denen er seit seinem neuesten Roman "Houris" ausgesetzt ist. Darf man Botho Strauß zum Geburtstag gratulieren, obwohl ihm vorgeworfen wurde, "rechts" zu sein? Der Schauspieler Jens Harzer erklärt im SZ-Interview, warum er die Vorwürfe für unsinnig hält. Die Kritiker bewundern an der Schaubühne die Verwandlungskunst von Anna Schudt und Jörg Hartmann in Maja Zades "changes". Die Filmkritiker trauern um Karin Baal, einen der größten Stars des deutschen Nachkriegsfilms.
30.11.2024. Boualem Sansal "erleidet diese Haft als Symbol unserer Freiheit, also sind alle aufgefordert, ihn zu verteidigen", ruft die SZ noch einmal ins Gedächtnis. Jemand sollte Nan Goldin erklären, dass ihre Privatmeinung noch keine Politik ist, meint die FAZ. In der Berliner Zeitung glaubt Barrie Kosky, die CDU bestrafe die Komische Oper für ihre DDR-Geschichte und Diversität. Die FAZ bewundert in München die ekstatischen Blumensymphonien der Barockmalerin Rachel Ruysch, die das halbe aristokratische Europa einst mit Stillleben belieferte. Wenn Martina Hefter ihren Buchpreisroman "Hey, guten Morgen, wie geht's dir" auf die Bühne in Leipzig bringt, wird's der nachtkritik doch zu politisch korrekt.