Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Im Dickicht der energiegeladenen Texturen

29.11.2024. Boualem Sansal wird vorerst nicht Mitglied der Académie française, wie RTL.fr meldet. Pascal Bruckner NZZ erklärt, warum der Fall sich zu einer Staatsaffäre entfalten könnte. Immerhin liefern die Musiktage Weingarten noch horizonterweiternde Musik von Hilda Paredes, viele Festivals bieten laut FAZ mittlerweile wenig Inhalt. Nan Goldin äußert sich nach ihrer Rede in der FR zum ersten Mal selbst und beklagt Zensur seitens der Neuen Nationalgalerie. Die "Groteske der teigigen Körper" bestaunt die Berliner Zeitung bei Louise Bonnet.

Wir verlangen seine sofortige Freilassung

28.11.2024. Der Börsenverein und der Perlentaucher lancieren einen Aufruf zur Solidarität mit Boualem Sansal. Öffentliche Freiheiten werden in Algerien mit Füßen getreten, erklärt Xavier Driencourt, einst französischer Botschafter in Algerien in Le Point. In einer von der SZ dokumentierten Rede wütet Maxim Biller gegen den Literaturbetrieb seit 1933: Überall nur Gesinnung, Schuld sind alte Nazis und neue Linke, meint er. Nach zwei Jahren macht das Humboldt Forum auch was richtig, freut sich der Tagesspiegel: Artefakte in der Ausstellung "Geschichte(n) Tansanias" wurden Ritualen unterzogen. Und die Filmkritiker verirren sich wie Fische im Wasser in einer Hongkonger Hochhaussiedlung in Soi Cheangs "City of Darkness".

Die kleine Schwester der Scham

27.11.2024. Friedenspreisträger Boualem Sansal steht in Algerien wegen seiner Äußerungen zur algerischen Geschichte vor Gericht. Man muss Sansals Thesen nicht zustimmen, um ihn gegen solche Angriffe zu verteidigen, kommentiert Claus Leggewie im Perlentaucher. Nichtjüdische Israelhasser brauchen jemanden wie Nan Goldin, um ihrem Antisemitismus einen Koscher-Stempel zu verschaffen, meint Michael Wolffsohn in der NZZ. Die FAZ besucht das Schwetzinger Winterbarockfestival und hört ein ganzes Rokokotheater vor Liebesglut glühen. Die SZ deliriert sich beglückt durch den Disco-Funk-Schwof des neuen Father-John-Misty-Albums. monopol würdigt die generösen, spielerischen Bauten der Turiner Architekten Sergio Jaretti und Elio Luzi.

Fluide Verbindung zum Göttlichen

26.11.2024. Die Feuilletons diskutieren weiter über das Symposion zur Nan-Goldin-Ausstellung. In London mussten mehrere Veranstaltungen zur Veröffentlichung von Joe Mulhalls Buch "Rebel Sounds" aus Angst vor rechtsradikalen Attacken abgesagt werden, berichtet die NZZ. Yan Feis und Peng Damos Film "Successor" zeichnet ein sehr düsteres China-Bild - obwohl er von der chinesischen Propagandaabteilung stammt, staunt die taz. Die Welt badet bei Romeo Castelluccis Amsterdamer Inszenierung von "Le Lacrime di Eros" zu barocken Klängen im Blut.

Kein titanisches Manifest

25.11.2024. Bei der Eröffnung der Nan-Goldin-Retro in Berlin kam es zum erwarteten Eklat: "Why can't I speak, Germany", fragte die Künstlerin - während sie eine Rede hielt, staunt die SZ. Zeit Online lobt Direktor Klaus Biesenbach, der seine Rede zweimal halten musste, weil er beim ersten Mal niedergebrüllt wurde. Die NZZ schreibt zum Siebzigsten des Regisseurs Emir Kusturica, der sich bei Russland einschmeichelt. Außerdem hatten die Kritiker einen tollen Theaterabend mit Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Thomas-Brasch-Revue am Deutschen Theater.

Aus dem Windkanal des Angesagten

23.11.2024. Die FAZ entschließt sich, die politische Aufregung um die Nan-Goldin-Ausstellung kurz zu vergessen und sich stattdessen ihre Kunst anzuschauen. Die Nachtkritik sucht in Nurkan Erpulats Berliner Version von Nora Abdel-Maksouds Komödie "Café Populaire Royal" die rußverschmierten Arbeiter. Auch nicht-lebendige Dinge können handeln, versichert uns die Künstlerin Agnieszka Kurant in der taz. Das neue Jaguar-Rebranding macht aus einem "Rooooooaaaarrrrr" ein "Miau", schimpft die SZ.

In was für einer absurden Welt wir leben

22.11.2024. In Le Point macht sich Kamel Daoud große Sorgen um seinen Kollegen und Freund Boualem Sansal, von dem nach einer Festnahme in Algerien niemand mehr etwas gehört hat. Dass Daoud den Prix Goncourt erhalten hat, dürfte die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien weiter strapazieren, heißt es. Die Schönheit des Bronzegießens lässt sich der SZ zufolge in Amsterdam erkennen. Wenn jemand für eine Banane 5,9 Millionen Euro zahlt, ist das für den Standard kein Blödsinn, sondern Kunstbetriebskritik. Zeit Online porträtiert die israelische Sängerin Noga Erez, die von BDS-Unterstützern angefeindet wird.

Sie sind nackt, erschöpft und aufgekratzt

21.11.2024. Während immer mehr KünstlerInnen das Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" absagen, hält Nan Goldin in der Zeit Berlin für ein "Zentrum der Unterdrückung". taz und Zeit wüssten gern, wer genau eigentlich unterdrückt wird. Die FAZ sucht in der Berlinischen Galerie die Verbindung zwischen Stierkämpfern und Müttern nach der Entbindung im Werk von Rineke Dijkstra. In der Zeit erzählt Serhij Zhadan, wie schwer es ist, im Krieg zu schreiben. Und die Filmkritiker lassen sich von Bruno Dumont mit extraterrestrischen Bauern in der französischen Provinz bekanntmachen.

Vom Diskurs benebelt

20.11.2024. Das ganze Brimborium des Katholizismus bietet Edward Bergers Film "Konklave" auf, freut sich die FAZ. Die Kürzungspläne des Berliner Senats werden konkreter - und treffen insbesondere auch die Theater hart, wie Zeit Online berichtet. Die Feuilletons gratulieren Thomas Manns "Zauberberg" zum Hundertsten, einem Buch, das man am besten im Zustand der fiebrigen Erkältung lesen sollte, wie die FAZ außerdem findet. Die Welt tanzt sich in den Sophiensälen mit Gisèle Viennes "Crowd" durch eine abgründige Rave-Party.

Wispern, grummeln oder summen

19.11.2024. In der NZZ warnt Ronya Othmann vor allem angesichts des BDS vor einer Welt, "in der nicht die Haltung, sondern die Herkunft darüber entscheidet, wo man mitmachen darf." Der Spectator stellt unter anderem mit Blick auf Roman Polanskis kaum noch gezeigten Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre fest, "wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden." Die Welt befürchtet derweil bei der Nan-Goldin-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie einen Skandal mit Ansage. Die FAZ schwärmt in Stuttgart von der venezianischen Haute Couture des Vittore Carpaccio. Und die TheaterkritikerInnen gruseln sich vor Barrie Koskys "Sweeney Todd" an der Komischen Oper.