Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2024. Helden werden gebraucht, wenn nicht alle Menschen gut sind, lernt die FAZ in einer Berliner Ausstellung, die dem in der Sowjetunion ermordeten ukrainischen Dichter Wassyl Stus, gewidmet ist. Die Welt huldigt anlässlich einer neuen Einspielung Wilhelm Grosz, einem flamboyanten Übertalentierten der Musikgeschichte. Die SZ lässt sich in Zürich von Kirill Serebrennikows Inszenierung der Schnittke-Oper "Leben mit einem Idioten" erschüttern. Der Tagesspiegel lernt Thomas Mann in André Schäfers Doku "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" als glücklichen Oscar Wilde des 20. Jahrhunderts kennen.
05.11.2024. Der Prix Goncourt geht 2024 an Kamel Daoud für dessen Roman "Houris": Diese Entscheidung ist "ein Segen für Frankreich und darüber hinaus", jubelt die SZ. FAZ und FR applaudieren Nadia Loschky zu ihrer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Frankfurt, die die Heldin als reale Frau und nicht als mythisches Wesen zeigt. Die taz schaut sich in der albanischen Theaterszene um. Die Musikkritiker trauern um den Komponisten und Musikproduzenten Quincy Jones.
04.11.2024. Der Büchner-Preis ging am Samstag an den Schriftsteller Oswald Egger. Entzückt waren die Feuilletons sowohl von der Laudatio Paul Jandls als auch von der Dankesrede des Dichters, der sich in einen wahren "Rollenspiel-Furor" hineinsteigerte, wie die Berliner Zeitung staunt. Nachtkritik und taz loben Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' vieldiskutiertem DDR-Roman "Gittersee" am Berliner Ensemble. Die taz besteigt in einer Ausstellung in Wolfsburg einen von Leandro Erlich erschaffenen Mond. Außerdem beobachtet sie, wie die italienischen Postfaschisten den Futurismus wiederbeleben wollen.
02.11.2024. "Ein Schriftsteller, der das literarische Sprechen boykottiert, ist wie ein Musiker, der die Musik boykottiert", sagt der israelische Schriftsteller Ron Segal in der FAZ, fassungslos angesichts des Israel-Boykottaufrufs seiner Kollegen. Die FAZ hört bei der 17. Kunstbiennale in Lyon außerdem die Stimmen von Flüssen und wütenden Kochtöpfen. Die SZ versenkt sich tief in den "kammermusikalischen Minimalismus" der Jazz-Musiker Nils Wülker und Arne Jansen. Die taz denkt in der Ausstellung "Fellow travellers" im ZKM Karlsruhe über die Grenze zwischen Kunst und politischem Aktivismus nach.
01.11.2024. NZZ und Tagesspiegel erliegen dem morbiden Charme von The Cures neuem Album, die SZ vermisst was fürs Herz. Die Komödie am Kurfürstendamm wird Hundert, in der FAZ ist Katharina Thalbach immer noch stinksauer über den Abriss des Theaterhauses. Artechock hätte sich von Andres Veiels Riefenstahl-Doku mehr Einordnung gewünscht. Monopol lässt sich von Max Herre erklären, warum die Einrichtungsgegenstände seines Großvaters Richard plötzlich bunt sind.
31.10.2024. Wir sollten in Zukunft mehr Filme drehen, "in denen die Juden nicht als Opfer gezeigt werden, sondern als lebendige Menschen", überlegt der frühere Filmproduzent Günter Rohrbach in der Zeit. In der taz fordert die Dramaturgin Stella Leder angesichts der Ideologisierung im Kulturbetrieb, über die Geschichte des linken Antisemitismus zu reden. Der Standard versucht im Wiener Leopold Museum mit Knoblauch und Tomaten die Dämonen im Werk von Rudolf Wacker zu bannen.
30.10.2024. Einige sehr prominente AutorInnen rufen zum Kulturboykott gegen Israel auf - zu ihnen gehören etwa der Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah und einige Booker-Preisträger. Ihr Vater wäre stolz gewesen, von diesen Autoren gecancelt zu werden, sagt Fania Oz-Salzberger. Die taz schaut sich nach dem Wahlsieg der prorussischen Regierungspartei in der schockgefrorenen georgischen Clubszene um. Andres Veiels Dokumentarfilm "Riefenstahl" ist das Psychogramm einer Lügnerin, meint die SZ. Der Standard spaziert in der Kunsthalle Tirol durch Neda Saeedis gläserne Gärten, in denen echte Natur höchstens als Unkraut zu haben ist. Die FAZ fühlt sich wohl zwischen Gotik und Game of Thrones in Tobias Kratzers "Rheingold" an der Münchner Staatsoper.
29.10.2024. Die SZ packt angesichts des Tools Demandsens, das den Markterfolg eines Buches vorherzusagen soll, das Grauen: Kant, Mann oder Ernaux wären so nie publiziert worden, glaubt sie. Die taz blickt in einer Bremer Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Helena Uambembe auf die Geschichte des Bürgerkriegs in Angola. Die FAZ amüsiert sich bestens, wenn Schwachsinnige im Louvre von Bäumen plumpsen. Die NZZ erinnert sich in Lignon daran, wie man mit Marmor, Mahagoni und Voltaire eleganten Massenwohnungsbau schafft. Und der Standard staunt, wie The Cure Mahler und Analogkäse zusammenbringt.
28.10.2024. Das Herkunftsmilieu spielt bei den Aufstiegschancen im Literaturbetrieb immer noch eine große Rolle, hält die Schriftstellerin Sabine Scholl in einem Essay im Standard fest. Zeit Online blickt entgeistert nach Florida: Mit nur einer Beschwerde können rechte Cancel-Culture-Hetzer Bücher aus Bibliotheken verschwinden lassen. Die nachtkritik begegnet in Alice Buddebergs Adaption von Maxim Billers Roman "Mama Odessa" dem Zigarette rauchenden und Lederjacken tragenden Helden gleich in dreifacher Ausführung. Und die Musikkritiker trauern um Phil Lesh, den Bassisten der Grateful Dead.
26.10.2024. Ist das eher dumm oder bösartig, fragen sich die Kritiker nach dem AfD-Antrag zu einer "differenzierten Betrachtung" der "abgrundtief hässlichen" Architektur des Bauhauses. Die Welt feiert die proletarischen Männerkörper des Malers Gustave Caillebotte. Die FAZ stellt die ukrainischen Bojtschukisten vor, eine Künstlergruppe, die von Stalin ausgelöscht wurde. Zeit online hört die neue Sade. Der Freitag ist genervt vom Typus des großen, motzenden Schriftstellers.