Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2024. Die FR lässt sich von Neo Rauch und Rosa Loy im Museum der schönen Künste in Liberec die Kunst als "Hoffnungsmaschine" zeigen. Dass man vor Francis Bacon keine Angst haben muss, erkennt die FAZ in der Londoner National Portrait Gallery. Der Standard macht sich anlässlich des Deutschen Buchpreises Gedanken zur Ökonomie des Schreibens. Auch die Filmkritik ist in ökonomischen Schwierigkeiten, hält Artechock fest. Häuser können ihre Bewohner zurücklieben, lernt die Welt in Eileen Grays Villa E.1027. Valentina Magaletti zeigt der taz, was feministisches Schlagzeugspiel bedeutet.
24.10.2024. Weniger Rebellion als hellwache Reflexion bestaunt die Welt in der großen Carol-Rama-Retrospektive in der Frankfurter Schirn. Die taz lernt auf einer Kölner Veranstaltung, welche systemischen Hürden Literatur aus der Arbeiterklasse nehmen muss. Die Zeit erliegt dem Charme der Heiterkeit, den der französische Superstar Zaho de Sagazan ausstrahlt. Van resümiert die Donauerschinger Musiktage. Die SZ versinkt mit Mati Diops "Dahomey" in der Dunkelheit der Depots von Raubkunst.
23.10.2024. Pedro Almodóvars Sterbedrama "The Room Next Door" entzweit die Filmkritik: Die FAZ schwärmt, der taz ist es zu blasiert. Die SZ verwandelt sich in Zürich mit Leonie Tholl vergnügt in Kafkas Käfer. Die FAZ wird ebenfalls in Zürich in Anne Lenks "King Lear" von Vaginas dentatas gebissen. Die SZ möchte lieber wieder über Clemens Meyers "Projektoren" reden. Zeit Online wundert sich: Bayerns Kulturminister Markus Blume fordert eine opferfreundlichere Restitutionspraxis - und drückt in einem prominenten Raubkunstfall selbst auf die Bremse.
22.10.2024. Die FAZ lässt sich von Bruno Gollers Bildern, die im Kunstmuseum Bonn zu sehen sind, bereitwillig in ein ortloses Irgendwo entführen. Ebenfalls in Bonn schwingt die SZ in der Ausstellung "Tanzwelten" die Hüften. Außerdem staunt sie im Münchner Bergson-Kraftwerk über das Vivace-Klangsystem und "die perfekte klangliche Simulation eines Raums, der gar nicht da ist." Die FR verliebt sich, wie ganz Frankreich, in den jungen Chanson-Star Zaho de Sagazan.
21.10.2024. Die Zeitungen beschäftigen sich weiter mit dem Ausraster von Clemens Meyer bei der Buchmesse: das "unverstandene Originalgenie" verkörpert er für den Spiegel, die NZZ findet, der Buchmarkt muss seine Stars auch im Straucheln unterstützen. Die Zeit trifft in Christina Friedrichs DDR-Film "Zone" auf die wütenden Gespenster der Vergangenheit. Die Echos der Kolonialgeschichte hallen bei Serge Coulibalys neuer Choreografie "Balau" wieder, die die FAZ in München besucht hat.
19.10.2024. "Es ist eine Scheiße, eine Unverschämtheit", dass er den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen hat, legt Clemens Meyer im Spiegel-Gespräch nach. Besonders gut ist die Stimmung auf der Frankfurter Buchmesse ohnehin nicht, notiert die FAZ mit Blick auf einen Jahrmarkt zwischen Stofftaschenanbietern und religiösen Eiferern. Der Tagesspiegel bewundert indes Bürstenwürmer in einer fulminanten Arte-Povera-Ausstellung in Paris. Der Filmdienst erinnert an die Videokünstlerin Friederike Pezold, die das Schauen revolutionierte, indem sie etwa ihr Gesäß zerlegte. Und der Standard grunzt mit der Band Blood Incantation im Wutraum.
18.10.2024. Hat die frischgebackene Nobelpreisträgerin Han Kang das Gwangju-Massaker verfälschend dargestellt, fragt die Welt. Sich auf das Ende der Welt zuzubewegen, kann auch sehr beschwingen, erfahren SZ und Standard in György Kurtágs Oper "Fin de Partie." Queere Synagogen sieht der Tagesspiegel in Navot Millers Bildern. Astronauten fliegen demnächst mit Prada-Weltraumanzügen durchs Universum, staunt die SZ. Musikproduzent Ben Bazzazian gibt der SZ Hoffnung für die deutsche Musik.
17.10.2024. Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Stück "Der nackte Wahnsinn" macht das Beste aus der Berliner Theaterkrise, freut sich die FAZ: gutes Theater. Elif Shafak beschwört auf der Frankfurter Buchmesse in ihrer von der FAZ dokumentierten Rede die Macht der Literatur, die Peripherie ins Zentrum zu bringen. Florentina Holzingers Nonnen-Skateboard-Spektakel "Sancta" zieht an der Staatsoper Stuttgart Triggerwarnungen und Onlineempörung nach sich, weiß die Zeit. Der Perlentaucher fühlt sich wohl in Andreas Dresens neuem Film "In Liebe, eure Hilde", der den Körper der Widerstandskämpferin ins Zentrum rückt.
16.10.2024. Jean Tinguely war kein Schweizer Dinosaurier, sondern ein Meister der Kinetik, dessen Maschinen selbst zu Künstlern werden, jubelt die FAZ in einer Ausstellung in Mailand. Außerdem freut sie sich über inspirierten Georges-Perec-Schabernack in einer Inszenierung von Anita Vulesica in Hamburg. Übersetzer machen sich existentielle Sorgen angesichts immer besserer KI-Programme, die ihren Job übernehmen könnten, berichtet die SZ. Die besucht auch die Frankfurter Buchmesse und kann sich zwischen den Elefanten im Raum kaum bewegen.
15.10.2024. Die Literaturkritiker sind zufrieden, dass die Buchpreis-Jury mit Martina Hefters Roman "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" Mut zur Avantgarde zeigt. Nur die Welt hat genug von der kleinen Welt des Privat-Familiären, und hätte lieber Clemens Meyer ausgezeichnet. Die NZZ blickt in Bern auf die existenzielle Nacktheit von Chaim Soutine, der Farben dem Fleisch anverwandelte. Einer auch physisch nackten Marina Otero begegnet die Welt, die im Berliner HAU Narzissen mit ihrem Urin begießt. Im Tagesspiegel verspricht die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle Filme als Filme und nicht als Transportmittel für Ansichten zu würdigen.