Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Über das Leben eines jüdischen Mannes, der nach seiner Vertreibung aus Rumänien in Großbritannien landet. Philippe Sands Briefe, Dokumente, Fotos, ein ganzer Koffer voll. Sie sind es, die Frances Stonor Saunders von ihrem Vater Donald bleiben; aber sind sie es auch, die Aufschluss geben über seine lebenslange Verschlossenheit? In seiner Kindheit bereits gerät der Sohn eines polnisch-jüdischen Erdölingenieurs in die Mühlen der Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wird die Familie aus Rumänien vertrieben, Donald landet nach Stationen in der Türkei und in Ägypten in einem britischen Internat. Und dann? Es ist eine fesselnde Erkundung, die Saunders unternimmt - und die letztlich in der Frage mündet, ob es besser ist, die Büchse der Pandora zu öffnen - oder zu vergessen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2024
Rezensent Hendrik Buchholz warnt vor nicht eben leichter Lektüre. Wer sich auf Frances Stonor Saunders' Buch einlässt, bekommt es mit der Geschichte Großrumäniens zu tun, mit einer Vielzahl von Namen historischer Personen und Orte. Dazu kommt Saunders' eigene Familiengeschichte, die die Autorin anekdotisch erzählend mit den historischen Ereignissen verknüpft. Beeindruckt zeigt sich Buchholz von den Schilderungen des Kriegsverlaufs ab 1939 oder des Begräbnisses der Königin Maria von Rumänien. Wer die dichte, von Querverweisen geprägte Erzählweise nicht scheut, dem empfiehlt Buchholz das Buch.
Wie Erinnerung entsteht und als Buch Form annehmen kann, liest Kritiker Cornelius Wüllenkemper bei Frances Stonor Saunders, die die Metapher von Koffern, die Erinnerungen tragen und Grenzen, die Menschen und Geschichten trennen, nutzt, um das Leben ihres Vaters zu erforschen. Dessen Familie wurde durch ständige Vertreibungen und Fluchten zu "ewigen Ausländern", Welt- und Familiengeschichte werden auf Saunders' Spurensuche auf anregende Weise miteinander verbunden, lobt Wüllenkemper. Ihm gefällt die Erkenntnis, dass Wahrheit "kein Ereignis" ist, "sondern ein Prozess". Schön, dass Saunders die kleinen Zwischentöne als Antworten auf große Fragen zulässt, freut sich der überzeugte Rezensent.
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