Französischen von Isolde Schmitt. "Die Scham ist der wesentliche Affekt unserer Zeit" schreibt Frédéric Gros in seinem neuen Buch, in dem er nach der gesellschaftlichen Bedeutung dieses oft unterschätzten Gefühls fragt. Für Gros ist die Scham nicht bloß Ausdruck von individueller Trauer und Verletzlichkeit, sondern auch von Wut. Sie birgt eine transformative Kraft: Wir schämen uns angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt, des Rassismus, des Sexismus, der obszönen Unterschiede zwischen Arm und Reich oder der Klimakatastrophe. Im Anschluss an Karl Marx, der die Scham als revolutionäres Gefühl charakterisiert hatte, versucht Frédéric Gros die politischen Potenziale der Scham freizulegen: Anstatt sich in sich selbst zurückzuziehen und zu verstummen, will Gros die Menschen dazu ermutigen, ihre Scham zu verbalisieren und damit ihre gesellschaftlichen Ursachen ans Licht zu bringen. Ein offener Diskurs über die Scham kann die Menschen aus ihrer Isolation befreien und Wege zum selbstbestimmten und verantwortlichen Handeln aufzeigen - und damit zur Veränderung der Gesellschaft.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.11.2025
Rezensentin Catherine Newmark scheint in Frédéric Gros' Buch den perfekten Essay zu finden: nicht nur "eminent lesbar" falle dieser aus, sondern thematisch dringlich, spannend und theoretisch gut gestützt. Es geht um das Thema der Scham, wobei schon die erste Übersetzungs-Eigenart, nämlich dass das französische "honte" (wie auch das italienische "vergogna") sowohl "Scham" als auch "Schande" bedeuten kann, für die Kritikerin die Komplexität des Themas deutlich macht: die Überschneidung eines subjektiven Gefühls mit einem objektiven, gesellschaftlich fundierten Urteil. Wie der französische Science-Po-Professor und Historiker darüber hinaus zahlreiche Beispiele und Fälle "leichthändig" und "anschaulich" anführe und eine Verschiebung des Schamhaften vom Kollektiven ins Private (und vor allem: Sexuelle) historisch nachzeichne, findet die Kritikerin sehr gekonnt. Die Krönung sei dann die ebenfalls überzeugende Verbindung zum Untertitel des Buchs: denn Scham könne, verwandelt in Wut, umstürzende Kräfte entfalten, liest Newmark - gerade auch gegen ein "phallokratisches" System, das sexuelle Scham stets auf der Seite der Opfer verortet wissen will. Ein "äußerst anregender und kluger" Essay, jubelt die Kritikerin.
Tony Tulathimutte: Fiasko Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr. Ein erklärter Feminist fällt ins Wurmloch der Incel-Szene. Eine Frau versinkt in einer selbstzerstörerischen… Eva Menasse: Alleinruhelage Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen.… Heinz Strunk: Memories of Heidelberg Heidelberg im Frühling! Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in der romantischen Kurpfalz mal einen richtig schönen Kurzurlaub… Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter Die Familie eines deutschen Jahrhunderts: Margarethe, Marianne, Monika, Miriam. Vier Generationen. Sie lieben sich, sie tun sich weh, sie kämpfen um ihre Unabhängigkeit.…