Edition Tiamat, Berlin 2026
ISBN
9783893203383 Kartoniert, 160 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Vor 50 Jahren entführte ein arabischdeutsches Kommando eine Air France- Maschine und nahm eine Selektion jüdischer Passagiere vor. Jan Gerber beschreibt, wie damals die antizionistische Verbalmilitanz der Protestbewegung in offenen Antisemitismus umschlug.
Rezensent Wolf-Dieter Vogel liest interessiert Jan Gerbers Buch über die antisemitische Grundierung des militanten linken Extremismus in Deutschland, hat aber auch ein paar Einwände. Gerber rekonstruiert, wie stark die radikale Linke der 1970er und 1980er von antizionistischem Gedankengut durchdrungen war, das oftmals in offenen Antisemitismus umschlug. Das Buch geht auf diverse Aktionen und Verlautbarungen von Gruppierungen wie der RAF und den Revolutionären Zellen ein - letztere suchten besonders vehement den Schulterschluss mit radikalen Palästinensern und nahmen in ihren bewaffneten Aktionen immer wieder jüdische Einrichtungen und Personen ins Visier. Ein "regelrechtes Gruselkabinett" besichtigt Gerber da, meint Vogel, der allerdings kritisiert, dass der Autor ein zu einseitiges Bild zeichnet und spätere selbstkritische Einlassungen unter anderem von Teilen der Revolutionären Zellen nicht genug würdigt. Auch meint Vogel, dass Gerber nicht wirklich erklären kann, warum Antizionismus heute noch mehr als damals zu den zentralen ideologischen Bestandteilen der extremen Linken zählt. Insgesamt jedoch beurteilt Vogel die antizionistische Tradition der Linken ähnlich kritisch wie Gerber, dessen Buch, so das Fazit, "in erschreckender Weise" aufzeigt, dass "auch Linke keine Grenzen" kannten, wenn es gegen Juden geht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 03.07.2026
Rezensent Marko Martin liest das Buch des Historikers und Politikwissenschaftlers Jan Gerber mit großem Interesse. Anders als sensationslüsterne Filme nimmt Gerber Fakten und Kontexte um die "Revolutionären Zellen" von '68 ernst, meint Martin, und fügt dieselben besonnen zusammen. Martin lernt unter anderem, dass die Entführer der Air-France-Maschine nach Uganda 1976 eben keine Clowns waren, sondern kalkuliert vorgingen. Erhellende Parallelen zur Gegenwart zieht der Autor laut Martin, indem er den antisemitischen Wettbewerbsgeist linker Gruppierungen von damals mit Entwicklungen nach dem 7. Oktober 2023 vergleicht.
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