Lidia Jorge

Die Stunde der Nelken

Roman
Cover: Die Stunde der Nelken
Secession Verlag, Zürich 2026
ISBN 9783966391436
Gebunden, 450 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Nachwort von Michi Strausfeld. Drei Jahrzehnte nach dem 25. April 1974, dem Tag der portugiesischen Revolution, soll die in den USA lebende Ich-Erzählerin Ana Maria Machado, Tochter eines linken portugiesischen Journalisten, für die CNN eine Fernsehreportage über die sogenannte "Nelkenrevolution" machen. Die junge Generation Portugals will eigentlich nichts mehr wissen von dieser Vergangenheit und sieht die "Helden" der Revolution eher als Verräter an ihren eigenen Idealen. Doch dies ändert sich für Ana Maria und zwei ihrer ehemaligen Kommilitonen, als sie sich gemeinsam an die Reportage für die CNN begeben. Ausgehend von einer Fotografie mit den Protagonisten des Umsturzes porträtieren sie einige der damaligen Akteure. Lídia Jorge setzt mit diesem Roman all jenen Menschen ein Denkmal, die im April 1974 heldenhaft für ihr Land kämpften und nun größtenteils desillusioniert sind, und sie zeigt den Widerspruch zwischen den großen, heroischen Augenblicken der Geschichte und dem späteren Realitäts-Clash auf. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.07.2026

Ein komplexes Buch über die portugiesische Nelkenrevolution 1974 und deren Erbe liest Rezensentin Verena Harzer. Der Roman von Lídia Jorge nimmt seinen Ausgangspunkt bei einer Fotografie, die diverse Protagonisten dieser historischen Umwälzung zeigt - je länger die Hauptfigur des Buches, Ana Maria, dieselbe betrachtet, desto rätselhafter erscheint sie ihr. Ana Maria hat die Aufgabe, für einen amerikanischen Fernsehsender eine Dokumentation über die Nelkenrevolution zu drehen. Ihre Eltern waren damals selbst unter den Aufständischen. Die persönliche Involvierung hindert sie daran, als neutrale Beobachterin aufzutreten, überhaupt werden viele Mythen über die Revolution entzaubert, ein jeder feilt an seiner eigenen Legende. Mit feinem Gespür für gesellschaftliche Schwingungen nähert sich Jorge dem konfliktreichen Thema der Vergangenheitsbewältigung, freut sich Harzer. Am Ende steht die Erkenntnis, dass wer sich "mit der Vergangenheit auseinandersetzt, immer auch sich selbst mitnimmt" - was die Rezensentin nicht zuletzt auch an Deutschland und die derzeit wieder intensivierte Aufarbeitung familiärer Verstrickungen in der Nazizeit erinnert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 25.04.2026

Lídia Jorge hat einen weiteren starken Roman über die portugiesische Nelkenrevolution geschrieben, lobt Rezensent Maximilian Mengeringhaus. Das ursprünglich 2014 erschienene Buch nähert sich dem Umsturz, der im Jahr 1974 die Diktatur beendete und zunächst von sozialistischen Utopien beflügelt war, über eine metafiktionale Konstruktion, erklärt der Kritiker: 30 Jahre nach der Revolution regt der amerikanische Botschafter in Portugal eine Fernsehsendung über dieses historische Ereignis an, verantwortet wird es von der Tochter eines berühmten Journalisten. Die bald herausfindet, dass die Sache damals keineswegs so einfach und eindeutig war, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, schnell stößt sie auf widersprüchliche Zeitzeugenberichte und auch auf Helden mit gebrochenen Biografien. Mengeringhaus hat das der einen oder anderen langatmig introspektiven Passage zum Trotz insgesamt gern gelesen und hofft, dass künftige deutsche Wenderomane - die hiesige Entsprechung der Nelkenrevolutionsliteratur - sich eine Scheibe bei Jorge abschreiben werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026

Rezensent Paul Ingendaay lernt mit dem neuen Roman von Lidia Jorge, welch kurze Halbwertzeit historische Momente haben können. Auf die "zerschlissenen" Illusionen ihrer Generation blickt Jorge mit ihrem Text über eine Handvoll Figuren und ihren kurzen Auftritt auf der Weltbühne während der Nelkenrevolution, erklärt Ingendaay. Die Journalistin Ana Maria Machado soll eine Dokumentation über die Revolution drehen und befragt dazu Zeitzeugen. Herauskommt allerdings eine "Demythisierung" des Ereignisses, bei Jorge nimmt das die Dimensionen einer "hintergründigen Sozialkomödie an", findet der Kritiker. Neben Saramago und Lobo Antunes erweist sich Jorge damit für Ingendaay einmal mehr als gesellschaftskritische Stimme ihres Landes. Faszinierend findet er, dass der Text keinerlei Fakten über das Ereignis nötig hat, nur die Sicht der Figuren, um die Gesellschaft derart kritisch zu durchleuchten. Ein kluger, psychologisch raffinierter Roman über das Ende der Heldengeschichten, so Ingendaay. 

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