Jüdische Studentenverbindungen als Orte der deutsch-jüdischen Identitätsfindung. Als Reaktion auf die zunehmende Ausgrenzung aus den traditionellen deutschen Studentenverbindungen gründeten jüdische Studenten 1886 die erste eigene Korporation. Die in der Folge entstehenden jüdischen Verbindungen übernahmen die traditionellen verbindungsstudentischen Formen: Sie legten Farben an, trugen bei Feierlichkeiten die studentische Uniform, den Wichs, sangen "auf ihren Kneipen" studentische Lieder und bildeten einen "Lebensbund". Vor allem der Ehrbegriff und die Wehrhaftigkeit nahmen in der verbandsinternen Erziehung eine wichtige Rolle ein. Durch Mensur und Fechtübungen sollte die Anerkennung seitens der nichtjüdischen Studenten erreicht werden. Miriam Rürup untersucht in ihrer Arbeit vor allem die Vielfalt der Zugehörigkeiten und Selbstbeschreibungen innerhalb der Verbindungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2008
Instruktiv scheint Martin Baumeister diese Studie über jüdische Studentenverbindungen zwischen 1886 und 1937, die Miriam Rürup vorgelegt hat. Wie er berichtet, untersucht die auf Recherchen in zahlreichen Archiven basierende Arbeit insbesondere die Frage, warum die deutsch-jüdischen Eliten Organisationsformen und Wertvorstellungen adaptierten, die nicht nur rückwärtsgewandt waren, sondern auch den Nährboden für den aufkommenden Antisemitismus bildeten. Er hebt Rürups Deutung hervor, die Gründung jüdischer Studentenverbindungen habe das Bestreben ihrer Mitglieder widergespiegelt, zur "Ehrgemeinschaft" der satisfaktionsfähigen Gesellschaft zu gehören und das Stereotyp des "weibischen" Juden hinter sich zu lassen. Dabei betrachte Rürup die jüdischen Verbindungen keineswegs nur als Beispiel für die Aneignung einer Hegemonialkultur durch soziale Außenseiter, sondern betone auch die Diskussionen von Fragen nach Zugehörigkeit und Orientierung der deutschen Juden, die im Umfeld der Verbindungen stattfanden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.11.2008
Eindrucksvoll findet Ludger Heid diese Dissertationsschrift von Miriam Rürup. Wie sich jüdische studentische Korporationen als Reaktion auf den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit herausbildeten und wie deren Einfluss auf das bildungsbürgerliche Milieu aussah, lässt sich Heid von der Autorin gerne auseinandersetzen. Ihre "quellengesättigte" Darstellung der Begeisterung deutscher Juden für das traditionelle Verbindungswesen führt dem Rezensenten einen Determinismus vor Augen, der den Nationalsozialismus stets als Fluchtpunkt der deutsch-jüdischen Geschichte begreift.
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