Peter Blickle erläutert in seiner umfassenden Darstellung, wie die politische Organisationsform der Häuser die Gesellschaft der Bauern und - später - der Bürger auf einer horizontalen Ebene verbindet und sie über das Haus der Adligen und des Fürsten hierarchisch strukturiert. Die hohe Bedeutung des Hauses für die Entwicklung der Werte Solidarität und Recht erweist sich, wenn die Vielzahl der Häuser zur Gemeinde wird und Bauern und Bürger ihr Miteinander gemeinverträglich und so frei wie möglich organisieren. Diese Struktur - so zeigt der Autor anschaulich - ist in ihrer europaweit flächendeckenden Ausbreitung die Voraussetzung für den Siegeszug des Christentums, in dem der Erlöser als leidender Christus in die Mitte von Sakralität und Spiritualität rückt: Christus und die Märtyrer fördern durch ihr Vorbild die für die Gemeinschaft konstitutionell unverzichtbare Ethik des Mitleidens; zudem erscheint Christus als Inkarnation des gegen die herrschaftliche Unterjochung gerichteten Freiheitsbegriffs: Wenn Christus den Menschen befreit, dürfen weder weltliche noch geistliche Herren den Menschen wieder in Unfreiheit pressen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.01.2009
Peter Blickles Abhandlung über das "Alte Europa" vom 13. Jahrhundert - als sich die sesshafte Besiedelung durchsetzte - bis Anfang des 19. Jahrhunderts hat Urs Hafner gefesselt, auch wenn ihm die Darstellung des emeritierten Berner Historikers mitunter allzu sehr von seinen "normativen" Quellen geprägt scheint. In Anlehnung an Otto Brunners durchaus umstrittenes Bild des "Ganzen Hauses", das für die mittelalterliche Gesellschaft steht, spricht Blickle dem dritten Stand mit seinen kommunalen und familiären Strukturen prägende Wirkung zu. Die Verteidigung der "kommunal-häuslichen Freiheiten" und der auf wahrem Mitleid gestützten Frömmigkeit gegenüber Adel und Geistlichkeit spiele dann beim Autor auch eine entscheidende Rolle in der Geschichte Europas, so Hafner weiter, der jedoch einwirft, dass es in der historischen Realität weniger "idealtypisch" zuging. Die zivilisatorischen Errungenschaften durch Bauern und Bürger seien interessant und manchmal gar "ergreifend" dargestellt, die "Schattenseiten der Zivilisation" allerdings würden vornehmlich verschwiegen, gibt der Rezensent mit Blick auf Hexenverfolgung und Judenpogromen zu bedenken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.12.2008
Ein weiteres Buch zum "Jahr der großen Summen" hat Christian Jostmann gelesen. Peter Blickles aus der Schweizer Perspektive verfasster Versuch einer intellektuellen Vergewisserung des Alten Europas, also seiner Geschichte von 1200 bis 1800, findet er allerdings ehrgeizig und gelungen genug, um in der Menge der großen Überblicksbücher zu bestehen. Eher schmal im Umfang, erscheint der Inhalt des Bandes dem Rezensenten durchaus als systematisches, abstrahierendes Konstrukt, das, ausgehend vom "Grundbaustein" des Hauses und von der Kommune Sozialstrukturen und die ihnen eigenen Spannungen untersucht. Was Jostmann vermisst, ist ein weniger scharfer Trennstrich zwischen dem Mittelalter und Alteuropa, der auch längerfristige Entwicklungen berücksichtigt, sowie der Einbezug des Alteuropa mitprägenden Fremden, die Türkenkriege etwa oder die Kolonisierung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2008
Als allzu widerspruchslose Identitätsbehauptung liest Michael Borgolte den Band von Peter Blickle. Dessen teleologische Darstellung eines kompakten Europas mit verbindlichen Wurzeln und Werten erscheint Borgolte zu nonchalant und generalisierend. Das von Borgolte als Blickles "Universalschlüssel" für die Vergangenheit erkannte Interpretament des "ganzen Hauses" als Basiselement für vormoderne, vertikale und horizontale Gesellschaftsordnungen, möchte der Rezensent so nicht gelten lassen. Zu sehr lässt Blickles ideengeschichtlicher Ansatz ihn anthropologische und kulturwissenschaftliche Denkweisen und den Einbezug wichtiger Forschungsergebnisse vermissen.
Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer Der Selbstfindungstrip nach Bali? Samara hat niemanden gefunden. Die hippe Agentur in Berlin-Mitte? So öde wie irgendein anderer Job. Samara weiß, was sie alles nicht mehr… Eva Menasse: Alleinruhelage Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen.… Heinz Strunk: Memories of Heidelberg Heidelberg im Frühling! Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in der romantischen Kurpfalz mal einen richtig schönen Kurzurlaub… Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle Konstantin und Lada haben den Kontakt verloren. Während Konstantin in einem unterirdischen Forschungslabor festsitzt, das Lenins Leichnam konserviert, kämpft seine Schwester…