Jedes Zeitalter hat seine Krankheit. Und keine Krankheit prägte das 19. und frühe 20. Jahrhundert so sehr wie die Tuberkulose, damals bekannt als Schwindsucht. Ulrike Moser wirft anhand des zeitgenössischen politischen, medizinischen und kulturellen Umgangs mit dem Lungenleiden, das Tausende dahinraffte, einen neuen Blick auf die deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dabei rekonstruiert sie anschaulich, wie die Schwindsucht zunächst als schicksalhafte Krankheit der Genies, der Künstler und der Bohème verklärt wurde, deren Individualismus man damals wertzuschätzen begann. Sie lässt die dazu erschaffene Welt der Sanatorien wieder auferstehen und schildert ihren Niedergang, der mit der Massengesellschaft eintritt. So wird die Schwindsucht während der Industrialisierung zur Krankheit der zu Sauberkeit zu erziehenden "schmutzigen Proletarier" abgewertet. Angesichts der am Horizont stehenden Radikalisierung dieses Kampfes um den gesunden Volkskörper, der später im Nationalsozialismus zu Internierungslagern und Tötungen führte, kann Thomas Manns Schwindsucht-Roman "Der Zauberberg" als letzter Auftritt der morbiden Romantik des Einzelgängers und der Schwindsucht gelten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2018
Um 1900 galt Tuberkulose als eine der häufigsten Todesursachen und noch heute sterben weltweit etwa eine Millionen Menschen an der Krankheit, liest Rezensent Alexander Kosenina, in dieser, wie er findet, "faszinierenden" und zugleich leichthändig erzählten Gesellschaftsgeschichte der Journalistin Ulrike Moser. Wie die Krankheit vor allem in Künstlerkreisen verklärt wurde, kann ihm Moser an zahlreichen Beispielen, vor allem aus der Literatur, verdeutlichen. Spannender noch findet der Kritiker allerdings den harten Schnitt der Autorin, die hier in einer Gegenerzählung nicht nur festhält, dass die Tuberkulose insbesondere im Industrieproletariat wütete, sondern auch auf der Grundlage eingehender Recherche nachzeichnet, wie Tuberkulosekranke für die perverse Gesundheitspolitik und die Menschenexperimente der Nazis missbraucht wurden.
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