Mit 27 Abbildungen. Die oft unglaublichen Geschichten individuellen Widerstands zeigen die angeblich passiven Opfer als couragiert handelnde, historische Akteure. Die ab 1933 einsetzenden Maßnahmen des NS-Regimes zur Verfolgung und Entrechtung der deutschen und später auch der europäischen Jüdinnen und Juden haben nach allgemeiner Auffassung bei den Betroffenen kaum öffentlichen Widerspruch ausgelöst. Wolf Gruner widerspricht dieser verbreiteten Vorstellung von jüdischer Passivität. Er erzählt das Leben von fünf jüdischen Menschen - einem Kaufmann, einer Hausfrau, einem Immobilienmakler und zwei Jugendlichen -, die sich der NS-Judenverfolgung widersetzten. Jede Geschichte steht für eine vom Autor benannte Kategorie individuellen Widerstands: Kampf gegen NS-Propaganda und gegen antijüdische Maßnahmen, mündlicher und schriftlicher Protest gegen die Verfolgung sowie Selbstverteidigung gegen Angriffe. So löste der 17-jährige Hans Oppenheimer 1940 falsche Feueralarme aus, um von alliierten Bombentreffern abzulenken. Henriette Schäfer kritisierte 1938 öffentlich das Novemberpogrom. Jedes Leben steht für viele andere Fälle, wie der Autor mit Dutzenden weiteren Beispielen demonstriert. Für ihren individuellen Widerstand in Deutschland und Österreich büßten jüdische Frauen und Männer mit Gefängnisstrafen; manche erhielten die Todesstrafe. Eine breitere Definition, die über das traditionelle Verständnis von Widerstand als kollektiv und bewaffnet hinausgeht, sowie zahlreiche neue Quellen verändern unseren Blick und zerstören die verbreitete Annahme jüdischer Passivität.
Rezensent Jens Rosbach ist froh, dass es nun zusehends mehr Forschung zum jüdischen Widerstand im Nationalsozialismus gibt, dazu leistet auch Wolf Gruners neues Buch einen wichtigen Beitrag: Er hat etliche Polizei- und Gerichtsakten gewälzt, um besonders den nicht-organisierten Widerstand ans Licht zu bringen. Er erzählt zum Beispiel von Hertha Reis, die 1941 als Jüdin aus ihrer Wohnung geworfen wird und daraufhin den Mut hat, die "Scheißregierung" auf offener Straße zu beschimpfen, Rosbach erfährt auch von einem Selbstverteidigungskurs, den die junge Jüdin Daisy Gronowski besucht hat und den sie nutzen konnte, um einem Jungen ein Messer in den Bauch zu rammen, der sie in der Pogromnacht damit bedroht hatte. Die Studie belegt laut dem Kritiker, dass es viel breiteren jüdischen Widerstand gab als zuvor angenommen wurde, das zeigen auch die Akten, laut derer am laufenden Band Jüdinnen und Juden verhaftet wurden, die sich beispielsweise dem gelben Stern oder dem Hitlergruß verweigert hatten und zumindest bis 1941 nach ihrer Haft oft sogar fliehen konnten. Rosbach hat hier eine gute lesbare Darstellung des Widerstands vor sich, die er für ein breites Publikum empfehlen kann, das damit die Annahme einer Passivität der Juden widerlegen kann, ein Buch, das den Opfern mit den historischen Fotos zudem wortwörtlich "ein Gesicht gibt".
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