Rembrandt und Descartes halten sich gleichzeitig in Amsterdam auf und arbeiten jeweils an demselben Thema: Der eine schreibt über die Vorstellung, dem Menschen könne seine Wahrnehmung durch einen bösen Geist lediglich vorgetäuscht werden, der andere malt eine junge Frau, deren Hand über den Rahmen heraus in die Realität des Betrachters zu greifen scheint, ein Trompe-l'oeil, eine Augentäuschung. Während der eine seine Gewissheit in dem Satz "ego cogito, ergo sum" (Ich denke, also bin ich) sucht, lotet der andere die Gattung des Selbst-Porträts bis zu seinem Lebensende immer wieder von Neuem aus. Beide verstehen sich auf das Spiel der Maskerade, darauf, sich zu verkleiden, in Rollen zu schlüpfen und somit sich auf der Bühne der Öffentlichkeit einerseits zu präsentieren sowie andererseits zu verbergen - das Täuschen verschafft ihnen Freiräume. Ausgehend von Rembrandts Gemälde "Mädchen im Bilderrahmen" entfaltet Wolfgang Kemp in seinem Essay ein historisches Tableau, auf dem beide Akteure sich auf sehr unterschiedliche Weise an Täuschung, Subjektivität und Freiheit abarbeiten. Nicht nur kommt dabei die Frage auf, ob beide durch ihre jeweils unterschiedlichen Tätigkeiten, Werkzeuge und Medien letztlich gegensätzliche Einsichten und Erfahrungen ermöglichen. Kemps historischer Rückblick lässt unwillkürlich auch unseren gegenwärtigen medialen Umgang mit Täuschung und Maskerade in einem veränderten Licht erscheinen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2024
Rezensent Helmut Meyer lässt sich von Wolfgang Kemps Essay über Rembrandts "Mädchen im Bilderrahmen" von 1641 inspirieren. Wie der Kunsthistoriker sich dem Kunstwerk über Descartes und über Valerys Texte über den Philosophen annähert, findet Meyer höchst anregend, gelingt es dem Autor seiner Ansicht nach doch, auf elegante Weise, etwa reale Räume und Topoi wie das Trompe-l'oeil in seine Betrachtung miteinzubeziehen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.08.2023
Mit großem Interesse hat Rezensent Thomas Steinfeld diesen schmalen Band des Hamburger Kunsthistorikers Wolfgang Kemp gelesen, aus dem er zunächst erstmal erfährt, was ein "Tronie" ist: Ein gemaltes Abbild ohne Vorbild, also ein auf reiner Fantasie beruhendes Porträt. Rembrandt malte Tronies, auch für andere Täuschungen wurde er bekannt, Trompe-l'Oeils etwa. Im Jahr 1641, als Rembrandt ein "Tronie" mit dem Titel "Das Mädchen im Bilderrahmen" malte, schrieb Descartes seine "Meditationen über die Grundlagen der Philosophie" mit dem berühmten Satz "Cogito ergo sum". Kemp macht mit kunsthistorischer Expertise und "detektivischem Spürsinn" auf die verblüffenden Parallelen aufmerksam, ohne Rembrandt zum Illustrator von Descartes' Ideen zu machen, staunt der Kritiker. Aber die "rationalistische Philosophie" hinter Rembrandts barocken Täuschungen erkennt Steinfeld hier nicht zuletzt dank Kemps kluger Bildauswahl allemal.
Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer Der Selbstfindungstrip nach Bali? Samara hat niemanden gefunden. Die hippe Agentur in Berlin-Mitte? So öde wie irgendein anderer Job. Samara weiß, was sie alles nicht mehr… Eva Menasse: Alleinruhelage Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen.… Heinz Strunk: Memories of Heidelberg Heidelberg im Frühling! Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in der romantischen Kurpfalz mal einen richtig schönen Kurzurlaub… Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle Konstantin und Lada haben den Kontakt verloren. Während Konstantin in einem unterirdischen Forschungslabor festsitzt, das Lenins Leichnam konserviert, kämpft seine Schwester…