Magazinrundschau

Wir sind bei lebendigem Leib verrottet

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.08.2026. Wer Opfer zum Kotzen findet, sollte vielleicht nicht Katholik werden, denkt die LRB nach Lektüre von J.D. Vances "Communion". Dekoder widmet sich dem belarusischen Kino. The Atlantic sieht Freud gerettet - durch neueste Technologien. Der New Yorker besuchte den russischen Gulag für gefangene Ukrainer. Le Grand Continent entdeckt die fabelhafte Dichterin Zuzanna Ginczanka. Wired staunt, wie sich die radikale Rechte Argumente des Unabombers zu eigen macht.

London Review of Books (UK), 13.08.2026

James Butler schreibt über J.D. Vances zweites Buch "Communion", in dem der US-Vizepräsident über seine Bekehrung zum Katholizismus berichtet. Butler kann sehr wenig mit einem Buch anfangen, das offensichtlich vor allem dazu dienen soll, Vances kommende Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Am ehesten sind noch jene Passagen in "Communion" lesenswert, findet er, die sich mit zentralen Konzepten der katholischen Theologie beschäftigen. "Vances Innenwelt bekommt man in 'Communion' nur selten zu Gesicht, aber er schreibt mit Bezug auf eine Begegnung mit einem Therapeuten, dass 'der Gedanke daran, ein Opfer zu sein, mich zum Kotzen brachte'. Stattdessen findet er Befreiung durch Schuld. Für nichtkatholische Ohren klingt das paradox, doch Schuld bewahrt ihn sowohl vor der Passivität, die er in psychologischen Traumamodellen findet, als auch vor dem protestantischen Modell einer einmaligen, endgültigen göttlichen Gnade: Für Katholiken offenbart sich Gnade in der Beschaffenheit eines individuellen Lebens, in Fehlern, Reueakten und Versuchen, etwas wieder gutzumachen. Generationen katholischer Neurotiker könnten gegen den vermeintlichen Nutzen von Schuld Einspruch erheben, aber zumindest dürfte Vance kaum das Rohmaterial dafür ausgehen. Interessanter ist seine heftige Reaktion darauf, als Opfer wahrgenommen zu werden. Der Skandal des Christentums, der bei seinen heidnischen Kritikern Spott und Unverständnis hervorrief, bestand gerade darin, dass es die Opferrolle als Triumph darstellte: die Hinrichtung des menschgewordenen Gottes wie einen gewöhnlichen Verbrecher, gedemütigt und verlassen. Zweitausend Jahre später preist die Liturgie, die Vance jeden Sonntag hört, 'dieses reine Opfer, dieses heilige Opfer, dieses makellose Opfer'. Es kommt selten vor, dass ein Leben gelebt wird, ohne dass ein Mensch sich irgendwann als Opfer von Kräften wiederfindet, die außerhalb seiner Kontrolle liegen - eine Tatsache, über die ein katholischer Politiker an der Spitze des mächtigsten Imperiums, das je existiert hat, eigentlich nachdenken sollte."

Anahid Nersessian beschäftigt sich mit dem Werk Catherine Breillats, einer Regisseurin, deren Filme regelmäßig sexuelle und moralische Transgressionen thematisieren. In einem Interviewbuch, das Nersessian als Anlass für ihren Text nimmt, spricht Breillat mit der Filmkritikerin Murielle Joudet nicht nur über ihre eigenen Filme, sondern auch über Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris", in dem sie selbst als Schauspielerin zu sehen ist. Dabei geht es auch um eine vieldiskutierte Sexszene mit Marlon Brando und Maria Schneider, die inzwischen oft als Beispiel für übergriffiges Verhalten an Filmsets benutzt wird. Breillat hält nichts von der Lesart, dass es sich bei dieser Szene, wie teils zu lesen ist, um "echten Missbrauch" handelt, weil Bertolucci und Brando Schneider angeblich vorab nicht in Details der Szene (Butter als Hinweis auf Analsex) einweihten: "Am Set sei nichts passiert, betont Breillat, doch nachdem der Film herausgekommen war, wurde Schneider in der Presse und von der Öffentlichkeit verspottet, die 'glaubten, sie dürften ganz offen über sie lachen'. 'In Restaurants legten die Leute regelmäßig ein Stück Butter vor ihr auf den Tisch', sagt Breillat. 'Das war es, was sie zerstörte. Nicht die Dreharbeiten zu dem Film.'" Gegen Vorwürfe, dass es am Set ihres eigenen Films "Romance" zu Übergriffen gekommen sei, wehrt Breillat sich ebenfalls. Nersessian hält fest: "Heute könnte ein Film wie 'Romance' wahrscheinlich nicht mehr ohne Intimitätskoordinatoren gedreht werden - oder, in Breillats Worten, ohne jene 'kleinen Ayatollahs, die auf den Wellen unseres gegenwärtigen Puritanismus surfen'. Aus ihrer Sicht sind die Menschen, die Schneider Butterpäckchen an ihren Tisch schickten, und jene, die wollen, dass Liebesszenen bis zum letzten Wimpernschlag durchgeplant werden, zwei Seiten derselben Medaille. Sie alle halten Sex für etwas Schmutziges und Abstoßendes, dem sich keine tugendhafte Frau aussetzen würde und vor dem sie geschützt werden müsse. Da dürfte etwas dran sein. Überzeugender wäre eine solche Haltung allerdings, wenn Breillat bereit wäre, die Lehre anzunehmen, die ihre eigenen Filme vermitteln: Das Innenleben anderer Menschen mag uns verschlossen bleiben, aber das bedeutet nicht, dass wir es als Erfindung oder Fantasie abtun sollten."

Dekoder (Deutschland), 04.08.2026

Szene aus "Pad scherym nebam" (Under the grey sky) von Mara Tamkovich


Im belarusischen Kino tobt ein Kampf um die Erinnerungskultur, schreibt Irena Kazjalowitsch für Reformation (deutsche Übersetzung von Tina Wünschmann bei Dekoder). Die staatlichen Filme sind sehr von russischen Narrativen abhängig, während die unabhängige Filmbranche Differenzierungen sucht: "Die staatliche Filmindustrie fördert aktuell offen die russische Perspektive und heroisiert die Sowjetära, was eher Russland nützt, das die Sowjetunion mit dem Russischen Imperium gleichsetzt und ihrem Zerfall nachtrauert. Durch die Zusammensetzung der Filmcrews, durch die Bezeichnung Belorusia im Abspann, durch ein positives, idealisiertes Bild der Sowjetmacht und der Sowjetarmee zieht das nationale Filmstudio zwischen den Zeilen Belarus an Russland und dessen Gefühlswelt heran. Dazu passt als trauriges Beispiel der Film 'Shisn posle shisni' (Das Leben nach dem Leben) des russischen Regisseurs Dmitri Astrachan, produziert von Belarusfilm, in dem der Protagonist auf Kosten unser aller Steuergelder nicht einmal korrekt [den Namen des Nationalschriftstellers - dek] Jakub Kolas aussprechen kann." Filme über den Zweiten Weltkrieg und nostalgische Erinnerungen dominieren die Produktionen des staatlichen Monopolisten Belarusfilm. "Die unabhängige Filmbranche zeigt dagegen ein ganz anderes Bild der belarusischen Sicherheitsstrukturen - statt edler Helden sehen wir die Auslöser von Terror und Angst. (...) Der unabhängige Film transportiert auch ein anderes Konzept des Heldentums, so frei von Pathos, dass man 'Heldentum' besser in Anführungsstriche setzt. Helden sind hier nicht die Vertreter der Macht und der Sicherheitskräfte, sondern alle, die sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzen. Der asketische Film 'Pad scherym nebam' (Under the grey sky) von Mara Tamkovich zeigt, wie eine Journalistin in politischer Gefangenschaft Entscheidungen treffen muss, getreu ihren Werten, aber auch unter den Bedingungen von Haft und psychologischem Druck."

Außerdem: Vor sechs Jahren klaute Alexander Lukaschenko 2020 die belarussischen Präsidentschaftswahlen und regiert seither das Land noch autoritärer als vor 2020, ist bei Dekoder zu lesen. Dort wird auch eine Bildstrecke mit den Wegmarken der belarusischen Opposition seither gezeigt und auf die Stärke der belarusischen Protestkultur verwiesen.
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Belarus, Belarusisches Kino

Elet es Irodalom (Ungarn), 07.08.2026

Vergangener Woche wurde der Staatspräsident Ungarns Tamás Sulyok entlassen. Grundlage dafür ist eine Verfassungsänderung, die das ungarische Parlament mit einer zwei Drittel Mehrheit im Juli beschlossen hatte: Die Amtszeit des Präsidenten wurde auf 8 Jahre begrenzt, die von Abgeordneten auf 12 Jahre (mehr dazu bei der Deutschen Welle). Dies löste eine anhaltende Debatte darüber aus, ob Funktionäre des Orbán-Regimes unter Wahrung der Rechtstaatlichkeit auch dann entlassen werden können, wenn ihr Mandat noch nicht abgelaufen ist. Der Staatspräsident hat die seine Entlassung besiegelnde Verfassungsänderung unterschrieben. Damit wird der Prozess jedoch keineswegs verfassungsrechtlich akzeptabel - meint der ehemalige Politiker der aufgelösten liberalen Partei, Tamás Bauer: "Hätte Fidesz somit Recht, wenn sie vom Ende der Demokratie spricht? Nein, hat sie nicht. Die ungarische Demokratie wurde gerade von Fidesz seit 2010 Schritt für Schritt abgebaut. Das Problem ist, dass die Maßnahmen des neuen Parlaments im Nachhinein legitimieren, was Fidesz zuvor sechzehn Jahre lang getan hat. Nun wird es zur Norm, dass derjenige, der bei den Wahlen eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat erlangt, alles tun kann - die Verfassung spielt dabei keine Rolle mehr. Was Orbáns "Revolution in den Wahlkabinen" seit 2010 in Gang gesetzt hat, könnte nun endgültig besiegelt werden. Es ist jedoch zu befürchten, dass wer sich in dieser Angelegenheit nicht an die Verfassungsmäßigkeit hält, sich später auch in anderen Angelegenheiten nicht daran halten wird."
Stichwörter: Ungarn, Verfassungsänderung

The Atlantic (USA), 10.08.2026

Was, wenn Freuds Herangehensweise an psychische Krankheiten der medikamentösen Behandlung doch einiges voraus hatte? Das zumindest ist die These von Mark Solms Buch "The Only Cure: Freud and the Neuroscience of Mental Healing", das Scott Stossel zwar skeptisch, aber doch interessiert liest. Freuds Konzeption des Unbewussten kann erst durch heutige Technologien für ihre Hellsichtigkeit gewürdigt werden, argumentiert Solms: "Über viele Jahre schienen Beweise für das Unbewusste der objektiven Wissenschaft unzugänglich. Wie will man etwas beweisen, das per Definition keiner von uns subjektiv erfassen kann? Aber Technologien, die Freud noch nicht zur Verfügung standen, haben demonstriert, dass tatsächlich vieles von dem, was im Gehirn passiert, unbewusst abläuft. Studien mit fMRT-Geräten haben gezeigt, dass das Gehirn auch dann Angststimuli registriert, wenn verstörende Bilder oder wütende Gesichter eigentlich zu schnell ablaufen, um bewusst wahrgenommen zu werden: Die Geräte konnten neben weiteren Reaktionen einen Anstieg der Hirnaktivität in der Amygdala feststellen, worauf Puls, Blutdruck und Stresshormone ansteigen. Das Gefühl der Angst bricht dann im Körper zum Bewusstsein durch und das Gehirn trifft Entscheidungen als Antwort darauf. Es ist schwer zu bestreiten, dass Freud Recht hatte, was das Unbewusste angeht, zumindest grundlegend." Die These des Wissenschaftlers, dass einzig und allein Psychoanalyse einen erkrankten Menschen retten kann, will Stossel zwar nicht bekräftigen, die generelle Haltung Solms' teilt er dennoch: "'Psychoanalyse ist eine Heilung, die dadurch wirkt, dass man seinen Nächsten als sich selbst liebt.' Solms hat sich aufgemacht, das Freudsche Konzept zu vervollständigen, indem er ihm eine neurowissenschaftliche Basis gibt - aber wichtiger ist es vielleicht, dass er damit der Psychiatrie ihre Humanität zurückgegeben hat."
Archiv: The Atlantic

New Lines Magazine (USA), 10.08.2026

In einem Interview in The Economist behauptete Elon Musk neulich, die Abwicklung von USAID habe nicht ein einziges Menschenleben gekostet, erinnert Abdulwaheed Sofiullahi. Ein Blick nach Nigeria straft Musk Lügen. Vor allem für HIV-Infizierte stellten die Kürzungen eine Katastrophe dar:"Anfang 2025 brach die Unterstützung für die HIV-Versorgung in ganz Nordnigeria zusammen, nachdem die US-Regierung unter Trump den Großteil der Auslandshilfe - einschließlich PEPFAR und USAID - eingestellt hatte; dies betraf auch die Kliniken in Lagern, die für Tausende von Patienten die wichtigste Bezugsquelle für antiretrovirale Medikamente darstellten." Besonders sind Frauen betroffen, zum Beispiel jene, die Opfer von Vergewaltigungen wurden: "Nusaiba Abubakar war bereits vertrieben worden und lebte in einem Lager im Bundesstaat Borno, als ein Angriff im Juni 2022 ihr Leben veränderte. Sie war mit anderen Frauen auf einem Markt, als Kämpfer von Boko Haram ihr Lager stürmten, verwüsteten und mehrere Geiseln nahmen - darunter ihren Ehemann Muttakkah Omar. Nach wochenlangen Verhandlungen einigten sie sich auf ein Lösegeld, das von den Ehefrauen der Männer persönlich übergeben werden sollte. 'Als man mir sagte, ich müsse mit den drei anderen Frauen, deren Männer ebenfalls entführt worden waren, in den Wald gehen, habe ich jeden Tag geweint', sagte Nusaiba. Als sie den Treffpunkt tief im Wald erreichten, traten drei bewaffnete Männer mit vermummten Gesichtern aus den Bäumen." Die Frauen wurden vergewaltigt, berichtet Sofiullahi, aber am nächsten Tag freigelassen und "kehrten schließlich ins Lager zurück, ohne zu ahnen, dass die traumatischen Vergewaltigungen noch ein weitere Wunde hinterlassen würden: Sie hatten sich mit HIV infiziert." 

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Javier Milei in Argentinien, José Antonio Kast in Chile, Laura Fernández in Costa Rica und Keiko Fujimori in Peru - diese lateinamerikanischen Länder sind in den letzten Monaten stark nach Rechts gerückt. Santiago Ospina Celis versucht sich einen Reim darauf zu machen. Eine in den Medien gängige Begründung für den Rechtsdrall lautet, dass die Bevölkerungen der Länder von den linken Regierungen enttäuscht seien, stellt der Autor fest. Und es stimmt ja auch: "So haben sich beispielsweise Länder wie Venezuela und Nicaragua nach der Wahl nominell sozialistischer Präsidenten zu regelrechten autoritären Regimen gewandelt. Die Folgen der venezolanischen Katastrophe - politische Unterdrückung, wirtschaftlicher Zusammenbruch, eine Massenflucht historischen Ausmaßes - sind hinlänglich bekannt." Nicaragua, dessen Staatschef Daniel Ortega gerade angekündigt hat, keine Wahlen mehr abhalten zu wollen, befindet sich auf demselben Weg." Aber auch die Mitte sei schuld am Rechtsruck. Themen wie Sicherheit, Freiheit und persönlicher Wohlstand würden von links ignoriert, aber "genau diese Begriffe sind zentral für das Selbstverständnis der aufstrebenden unteren Mittelschicht - einer Wählergruppe, die bei den letzten Wahlen die extreme Rechte gewählt hat. Viele werden die Versprechen dieser 'rechtsgerichteten Internationalen' (um es mit Mileis Worten zu sagen) als eine unappetitliche Form des Populismus oder schlichtweg als Manipulation abtun. Ihre Rhetorik ist zweifellos antidemokratisch und autoritär, aber sie wurzelt auch in materiellen Bedingungen, die sich nicht einfach wegwünschen lassen: zunehmende Unsicherheit, sich verschlechternde öffentliche Dienstleistungen, wirtschaftliche Instabilität und ein allgemeines Gefühl existenzieller Unsicherheit." Zum weiteren Verständnis des Rechtsrucks in Lateinamerika empfiehlt der Autor das Buch "The Social Underpinnings of Political Discontent in Latin America" von Gabriel Kessler und María Victoria Murillo.

New Yorker (USA), 10.08.2026

Der neue Gulag in Russland sind Gefängnisse, in denen Ukrainerinnen und Ukrainer festgehalten werden, Militärangehörige ebenso wie Zivilisten, berichtet Joshua Yaffa. Die Inhaftierten sind dort Gewalt, Folter und Zwang ausgesetzt: "Ein russischer Menschenrechtsaktivist, der sich für ukrainische Häftlinge einsetzt, hat mir berichtet, dass sich die Bedingungen oft verbessern, wenn der Prozess näherrückt: 'Verteidiger dürfen sie besuchen. Die Insassen dürfen Briefe empfangen und schreiben. Sobald sie vor Gericht stehen, ist es schwer, Folter zu verbergen.'" Das hält die Wärter aber nicht davon ab, in der Zwischenzeit grausam mit den Häftlingen umzugehen: "Die Kellerzelle hatte weder Waschbecken noch fließend Wasser; die Toilette war ein Abflussrohr im Boden. 'Der Gestank war so beißend, dass uns die Augen tränten', so Prutian, die kurz nach Tekin (zwei Häftlingsfrauen, d. Red.) im Donetsker Gefängnis ankam. Die Frauen sind dazu übergegangen, etwas von dem Borschtsch aufzuheben, den es zum Mittagessen gab, um damit das dreckige Rohr zu spülen. Sie haben Binden aus ihren eigenen T-Shirts zusammengebastelt und untereinander kleine Seifenstückchen geteilt, obwohl die Wärter sie nur selten zu den Duschen gebracht haben. Nach einer Woche hatten viele von ihnen eiternde Wunden auf den Armen, Beinen und Händen. Mohitych, eine Köchin der Asov-Brigade, erzählte mir: 'Wir sind bei lebendigem Leib verrottet'. Sie hat darum gefleht, dass ein Arzt in die Zelle kommt. Eine Krankenpflegerin aus der Belegschaft im Gefängnis erwiderte, sie solle das gleich vergessen. 'Es gibt keine Ärzte im Konzentrationslager', sagte sie." Einige Militärangehörige können über Gefangenenaustausche freikommen, für die zivilen Häftlinge, die etwa wegen Sabotage oder Terrorismus gegen den russischen Staat in den besetzten Gebieten gefangengenommen wurden, gibt es aber bislang keine Lösung: "Russland zufolge sind Zivilisten aus der Ukraine keine Kriegsgefangenen, sie sind Personen, die für mutmaßliche Verbrechen angeklagt und vor Gericht gestellt werden. 'Für die Ukraine sind sie rechtswidrig inhaftiert', so Andriy Yusov, Stellvertreter des Koordinationsbüros für Kriegsgefangene. 'Aber die russischen Beamten können die Existenz einer solchen Kategorie nicht einräumen, sonst würden sie ja öffentlich ihre Kriegsverbrechen eingestehen.' In anderen Worten, solche Inhaftierten durch das normale Justizsystem zu schleifen, gibt Russland  einen Weg, das Illegale zu legalisieren."
Archiv: New Yorker

Aktualne (Tschechien), 10.08.2026

Wiktor Dubrowin: "Perestroika 88" (1991)


Alena Bilková empfiehlt wärmstens die Ausstellung "Hit by news", die nur noch bis 23. August im Prager DOX, Zentrum für zeitgenössische Kunst, zu sehen ist und einen faszinierenden Dialog zwischen Kunst und Medienwelt eröffnet. Das Medium ist nicht mehr nur Botschaft, das Medium ist Kunst - so paraphrasiert Bilková die Worte des Medientheoretikers Marshall McLuhan. Die Schau basiert ausschließlich auf Werken aus der Schweizer Sammlung von Annette und Peter Nobel, darunter Werke von Künstlern wie Georges Braque, Joan Miró, Le Corbusier, Andy Warhol und David Hockney. Fast alle haben Medien - überwiegend schriftlich und in Papierform - in ihr Werk integriert. "Die Ausstellung bietet einen außergewöhnlich umfassenden Einblick in das Phänomen der Press-Art - einer Kunstform, die sich mit Nachrichten, Schlagzeilen, Zeitungsdruck und der Rolle der Medien in der Gesellschaft selbst auseinandersetzt. Medien - meist in Form von Zeitungen aus Papier - finden auf vielfältige Weise Eingang in die fast 400 ausgestellten Werke. Zeitungspapier kann als mit unbestimmtem Inhalt überladenes Material dienen, wenn Robert Rauschenberg Picasso huldigt. Ein anderes Mal verstopft Zeitungspapier symbolisch eine Toilette oder verpackt die Chinesische Mauer als Geschenk. ... Oft ist jedoch eine Zeitungsmeldung die wesentliche Botschaft des Werks. Wenn der Vater des Pop-Art, Richard Hamilton, in seinem Werk 'Swinging London 67' auf die damalige Voreingenommenheit der Medien gegenüber der Band Rolling Stones hinweist, spielen die Informationen in den Zeitungsausschnitten auf dem Bild die Hauptrolle. Die monströse Collage von Will Steacy: 'Down These Mean Streets' hingegen setzt aus entlehnten Zeitungsüberschriften und -ausschnitten ein schonungsloses Bild der damaligen Vereinigten Staaten zusammen."
Archiv: Aktualne

Le Grand Continent (Frankreich), 08.08.2026

Camille Nédellec führt ein wunderschönes Gespräch mit der Historikerin Judith Lyon-Caen, einer Spezialistin für Warschau und vor allem die Geschichte des Warschauer Ghettos. Sie hat zusammen mit einer Kollegin Schriften von Rachela Auerbach auf Französisch herausgebracht, die vor zwei Jahren auch auf Deutsch ediert wurden. Auerbach war eine der Archivarinnen des Warschauer Ghettos, eine der ganz wenigen, die überlebt haben. In Deutschland hatte Natan Sznaider in der SZ das Buch nach dem 7. Oktober als sein Buch des Jahres gewählt (mehr dazu auf der Seite des Metropol Verlags).

Die Dichterin Zuzanna Ginczanka, 1938. Musée de la Littérature / East News.



Judith Lyon-Caen spricht von einer weiteren Autorin, die vielleicht auch in Deutschland neu zu entdecken wäre. Sie beweist für sie, dass das Gedächtnis, auch wenn es keine Überlebenden mehr gibt, am besten durch Literatur übermittelt werden kann: "Ich möchte ein Beispiel anführen: die Dichterin Zuzanna Ginczanka, Jüdin, Widerstandskämpferin, die 1944 in Krakau von der Gestapo ermordet wurde. Sie war erst 27 Jahre alt. Dank der sehr schönen Übersetzungen von Isabelle Macor kann man ihr Werk auf Französisch lesen. Die Modernität von Ginczanka, die in Kiew geboren wurde, aber die polnische Staatsangehörigkeit besaß, ist verblüffend: Der einzige zu ihren Lebzeiten veröffentlichte Gedichtband, 'Die Zentauren', drückt auf sehr intensive Weise ihr Verlangen nach Freiheit - einschließlich sexueller Freiheit - durch die Verherrlichung ihres eigenen Körpers aus. Ginczanka war eine verehrte Figur der Warschauer Avantgarde der Zwischenkriegszeit gewesen. Eine junge Filmemacherin polnischer Herkunft, Joanna Grudzinska, hat kürzlich einen wunderbaren Dokumentarfilm über sie gedreht, der den Titel 'Tout de moi ne disparaîtra pas' (Nicht alles von mir wird verschwinden) trägt." Polnische Fauen, die in den letzten Jahren für ihr Recht auf Abtreibung demonstrierten, rezitierten bei ihren Demos auch Gedichte von Ginczanka. "Ginczankas Gedichte gewinnen ihre Kraft und Schönheit zurück, wenn sie von diesen Frauen vorgetragen werden, die für ihre Freiheit kämpfen. Das unterscheidet sich grundlegend von den Gedenkinitiativen wie den sogenannten 'archäologischen' Ausgrabungen, den großen Museen oder der Neuschreibung eines nationalen Narrativs, die paradoxerweise manchmal einen schmerzhaften Effekt der Erstarrung und Auslöschung hervorrufen können." Einige Gedichte von Ginczanka kann man hier auf Deutsch lesen.

Hier der Trailer zu Grudzinskas Film:

HVG (Ungarn), 06.08.2026

Die anhaltende Hitzewelle und der damit einhergehende Niedrigwasserpegel der Donau lösten in Ungarn eine Energiekrise aus, denn die Leistung des einzigen AKW des Landes in Paks musste mangels Kühlwasser erheblich gedrosselt werden. Parlamentspräsidentin und Interimsstaatspräsidentin Ágnes Forsthoffer rief angesichts der Krise die Parlamentsparteien sowie weitere Repräsentanten der Zivilgesellschaft dazu auf, im Rahmen eines runden Tisches Strategien zur Bewältigung der Krise auszuarbeiten. Der Aufruf überraschte die meisten Akteure, denn in den vergangenen Jahren gab es solche meinungsbildenden und entscheidungsvorbereitenden Foren nicht. Die Publizistin Boróka Parászka sieht darin eine - wenn auch geringe - Chance zu einem anderen Umgang mit politischen Gegnern: "Bis zum Regierungswechsel haben wir uns der Illusion hingegeben, dass, wenn die staatlichen Anzeigekampagnen verschwinden und die Propagandamaschinerie zum Stillstand kommt, auch der Hass langsam verfliegt. Aber warum und wovon sollte er aufhören? Tatsächlich wissen wir nicht, welche mittel- und langfristigen Spuren diese Art von Politik hinterlassen hat. ... Die Situation der ungarischen Gesellschaft ist insofern einzigartig und zum Verzweifeln, weil es hier über anderthalb Jahrzehnte hinweg kaum eine Alternative zur alles überdeckenden staatlichen Propaganda gab. Jeder ist hinter irgendeiner Frontlinie festgefahren, jeder steht jemandem entgegen - in der Regel genau demjenigen, mit dem er im Interesse eines so sehr ersehnten funktionierenden Landes eigentlich zusammenarbeiten müsste. Die Bürgergemeinschaft ist heute noch immer nur eine Illusion. ... Es sei denn, es kommt unerwartet, an unerwarteter Stelle zu einer Wende. Zum Beispiel, dass die Parteien im ungarischen Parlament wieder lernen, sich an einen Tisch zu setzen. Und an diesem Tisch miteinander sprechen, im Wissen, dass es etwas gibt, das größer ist als sie selbst."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn

Wired (USA), 04.08.2026

Gegen Künstliche Intelligenz und die dafür nötigen gigantomanischen Datenzentren, die in den USA gerade wie Pilze aus dem Boden schießen, regt sich erheblicher Protest - und das kurioserweise von radikal rechter wie radikal linker Seite, berichtet Molly Taft. Eine der schillerndsten Persönlichkeiten im rechten Spektrum ist Joe Allen, Vertrauter von Steve Bannon und Teil des Teams dessen Podcasts War Room, in dem Allen einen radikaltheologisch unterfütterten Humans-First-Ansatz der Technikstürmererei vertritt. Dass gerade die radikalen Rechte sich ludditisch neu definiert, hat auch viel mit deren Re-Lektüre des Manifests des "Unabombers" zu tun, ein Pseudonym, hinter dem sich der Mathematiker Ted Kaczynski verbarg, ein radikalökologischer Anarchist und Terrorist: "Allens Redebeiträge folgen einem bekannten Muster: schrille Themen der Rechten (bei der Georgia Tech machte er einen Witz über den 'großen Austausch'!) verrührt mit halluzinorisch-albtraumhaften Schilderungen unserer Zukunft (die Vorstellung, dass eine globalistische Kabale von Tech-Oligarchen die gesamte Menschheit durch Roboter ersetzen will)." Der Einfluss des Unabombers "ist offensichtlich: In War Room nimmt Allen die Rolle jenes Predigers ein, der uns von der hohen Kanzel herab vor dem nahenden dystopischen Zeitalter warnt. Viele seiner Arbeiten siedeln nahe am Body Horror: Was geschieht mit unseren Seelen, fragt er sich, wenn unsere Körper und Umgebungen zunehmend digitalisiert werden?" Aber wie kommen diese Gruppierung und ein radikalökologischer Bombenleger zusammen? "Ich habe ganz vergessen, wie sehr Kaczynski den modernen Linksradikalismus - mit seiner Fürsprache für schwule Rechte, Feminismus und ähnlichem - für die 'Durchgeknalltheit unserer Welt' verantwortlich macht (um fair zu sein, verabscheute er auch Chancengleichheit und schrieb, dass Konservative 'Narren sind: Sie jammern über den Niedergang traditioneller Werte und doch unterstützen sie enthusiastisch technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum'). Für Kaczynski war der Linksradikalismus ein unausweichliches Nebenprodukt der modernen Gesellschaft, die Menschen gegen die natürliche Ordnung der Welt ausspielt und dem daher also mit Widerstand entgegen getreten werden muss."
Archiv: Wired