Magazinrundschau

Hand in Hand mit der Liebe

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.09.2026. Swetlana Alexijewitsch spricht in Meduza über "Menschen der Kriegskultur".  Der New Yorker porträtiert den Trump-Gesandten Jared Kushner als Virtuosen des Win-Win. Aber auch Donald Trump Jr. geht es bestens - er ließ sich laut Propublica seine Hochzeitsfeier von einem Putin-Vertrauten bezahlen.  Elet es Irodalom begleitet die Regierung Peter Magyars nun doch mit einiger Skepsis. In der London Review of Books schwärmt Literaturwissenschaftler Colin Burrow über Gedichtbesprechungen der amerikanischen Kritikerin Helen Vendler.

Meduza (Lettland), 12.09.2026

So lesenswert wie umfangreich ist das Interview der russischen Schriftstellerin Jelena Kostjutschenko mit der belarussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, das in der Rubrik "Writers at Work" des Literaturmagazins Paris Review erschien, und von Meduza in seiner russischen Fassung veröffentlicht wird. Swetlana Alexijewitsch musste 2020 Belarus verlassen, nachdem sie sich im Zuge der Massenproteste im demokratischen Koordinierungsrat gegen Alexander Lukaschenko wandte. Im Interview kommt sie auch auf ihre Bücher "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" (mehr hier) und "Die letzten Zeugen" zu sprechen. "Im Internet sehen wir täglich Getötete. Wir sehen den Tod - das sind unsere Universitäten. Mir scheint, wir wissen jetzt mehr über das Leben. Meine Generation wurde gelehrt, für das Vaterland zu sterben. Wir sind Menschen der Kriegskultur. Verstehen Sie: Dem Menschen wird sofort das Ende des Lebens vor Augen geführt. Als ob das ganze restliche Leben gar nicht da sein würde, als ob es nicht wichtig wäre. Als ich 'Der Krieg hat kein weibliches Gesicht' schrieb, war es für mich deshalb sehr wichtig, dass die Frauen sich an solche Details erinnern: 'Ich fuhr in den Krieg, bereit, für das Vaterland zu sterben. Aber eines Tages ging ich durch den Wald und sah sehr schöne Schneeglöckchen. Wenn man mich tötet, möchte ich zwischen ihnen liegen. Und dann sah ich Mädchen, die von Panzern platt gefahren worden waren.' (...) Und das Buch 'Die letzten Zeugen' - da ist eine Kinderwelt, und kleine Kinder sind gewöhnlich nicht größer als einen Meter. Wenn sie einen toten Igel oder Hasen finden, begraben sie ihn, wie es sich gehört. Ein paar Tage später wird man die Mama genauso mit Sand bedecken. Für sie hängt das alles zusammen. (...) Ich bin ja überhaupt inmitten von Gesprächen über den Tod aufgewachsen. Ich bin Jahrgang achtundvierzig, und ich glaube, dass wir, meine Generation, noch zwanzig Jahre im Kreis des Todes lebten. Da das bei uns endlos war - da der Gulag, da der Bürgerkrieg, da die Revolution - hat der Tod bei uns häusliche Züge angenommen. Aus irgendeinem Grund ging er immer Hand in Hand mit der Liebe."
Archiv: Meduza

New Yorker (USA), 21.09.2026

Dexter Filkins beschreibt am Beispiel von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und dem Sonderbeauftragten Steve Witkoff - Trumps Abgesandte für die Friedensgespräch im Ukraine- und im Gazakrieg und mit dem Iran - einen neuen Typus des amerikanischen Politikers: den Geschäftsmann, der Politik vor allem als Mittel zur Selbstbereicherung sieht: "Während der gesamten Trump-Ära hat Kushner seine Karriere darauf aufgebaut, Wirtschaft und Politik zu verbinden. Er argumentiert, dass seine Tätigkeiten als Geschäftsmann seine diplomatischen Bemühungen unterstützten, da sie es ihm ermöglichten, kreative Lösungen für Probleme zu finden, die normalerweise von einfallslosen Bürokraten behandelt würden. Doch während er für Trump um die Welt reiste, verstrickte er sich immer mehr in die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Länder, in denen er tätig war. ... In den vergangenen zwei Jahren haben zahlreiche Personen mit Verbindungen zum Weißen Haus - darunter Witkoffs Söhne, der Kryptowährungsberater David Sacks und andere Mitglieder der Trump-Familie - ihre offiziellen Positionen genutzt, um sich Milliarden von Dollar zu verschaffen. 'Ich kenne all diese Leute', erzählte mir ein ehemaliger US-Beamter, der im Nahen Osten tätig war. 'Sie gehen in diese Treffen und betreiben neben ihrer diplomatischen Tätigkeit auch noch Geschäfte. 'Okay, genug vom Waffenstillstand. Wir haben dieses Hotel, das wir bauen wollen.' Das ist die Art von Außenpolitik, die Amerika derzeit betreibt." Diplomatischen Erfolg haben sie dabei überraschenderweise nicht gerade. "In diesem Monat besuchten Kushner und Witkoff Russland und die Ukraine in der Hoffnung, ins Stocken geratene Gespräche wieder in Gang zu bringen. In Moskau begrüßten sie Putin wie einen alten Freund und ließen sich von ihren Gastgebern in einer russischen Limousine chauffieren, statt in einem Fahrzeug der US-Botschaft - ein Sicherheitsrisiko, das kaum einer ihrer Vorgänger eingegangen wäre. In Kiew sprach Kushner über den Krieg in nüchterner, geschäftsmäßiger Sprache und ging kaum auf das Blutvergießen und die Zerstörung ein, die Putins Invasion angerichtet hat. 'In der Geschäftswelt betrachtet man die Dinge im Kontext von Win-Win', sagte er. Er und Witkoff stellten sich ein 'Friedenspaket' vor, durch das Russland und die Ukraine sich 'auf die Ausschöpfung ihres enormen Potenzials konzentrieren und Wege finden könnten, voneinander zu profitieren'. Wenige Stunden nach ihrer Abreise aus Kiew nahm Putin die Bombardements wieder auf."
Archiv: New Yorker

Propublica (USA), 14.09.2026

Eine ganze Autorengruppe hat zur Hochzeit von Donald Trumps Sohn Donald Trump Jr. recherchiert. Wie es seiner Kaste gebührt, feierte er auf einer eigens angemieteten Karibikinsel mit üppigem Feuerwerk und prominenter Gästeliste. Das wäre Privatsache, wenn der Junior inzwischen nicht als einer der wichtigsten Berater seines Vater gelten würde - und wenn die Hochzeit nicht zum großen Teil von einem russischen Oligarchen finanziert worden wäre, der Wladimir Putin ziemlich nahe zu stehen scheint. Es handelt sich um Umar Kremlev, der mehrere hunderttausend Dollar für die Hochzeit hat springen lassen. Kremlev führt die "International Boxing Association" (IBA) an, einen bekannten Boxverband, der im Moment allerdings ein paar Schwierigkeiten mit dem Olympischen Komitee hat. Putin hatte ihn mit den üblichen Zugängen zu den russischen Geldflüssen groß gemacht - unter anderem gehörte er der Rockerbande "Night Wolves" an. "Da das Geschäftsumfeld in Europa gegenüber Russland zunehmend feindseliger wurde, verlegte Kremlev einen Großteil der Geschäftstätigkeiten der IBA von der Schweiz in die Vereinigten Arabischen Emirate. Eine neue Gesellschaft in Dubai, IB Challenger, sollte später die Hochzeitskosten für Trump Jr. übernehmen. Die aktuellen Finanzquellen der IBA sind undurchsichtig, und in den letzten Jahren haben Führungskräfte widersprüchliche Angaben zum Stand der Beziehungen zur Gazprom gemacht. (Kremlevs Pressestelle teilte ProPublica mit, der Sponsorenvertrag der IBA mit Gazprom sei 'schon lange abgelaufen'. Personen aus dem Umfeld der Organisation sagten, ihres Wissens nach stamme das Geld weiterhin aus Russland.)"
Archiv: Propublica
Stichwörter: Trump Jr., Donald

Quillette (Australien), 14.09.2026

Unglaublich, dass eine so kleine Gesellschaft wie die israelische ein solches Chaos entfalten kann. Sehr nützlich liest sich darum der Artikel des bekannten Historikers Benny Morris vor den Wahlen im Oktober. Wer die Lage verstehen will, muss Hausaufgaben machen. Der laut Morris aussichtsreichste Kandidat Gadi Eizenkot wird eine extrem widersprüchliche Koalition zusammenzimmern müssen - möglicher Weise mit Unterstützung einer arabischen Partei (die wiederum einen jüdischen Kovorsitzenden hat): Eines von Eizenkots Problemen "besteht darin, dass die Demokraten die Gründung eines palästinensischen Staates im Westjordanland und die Räumung vieler jüdischer Siedlungen und Außenposten auf den Hügeln im Westjordanland unterstützen (und Yair Golan wird von rechten Politikern regelmäßig als 'Verräter' angeprangert), während Avigdor Lieberman die palästinensische Staatlichkeit entschieden ablehnt. Eizenkot lehnt zwar eine palästinensische Staatlichkeit in absehbarer Zukunft ab, hat sie aber 'auf lange Sicht' nicht ausgeschlossen. Lieberman und Golan lehnen die Idee ab, die ultraorthodoxen Parteien in eine künftige Koalition nach der Wahl aufzunehmen, während Eizenkot unter bestimmten Bedingungen offen für diese Möglichkeit zu sein scheint. Und es gibt noch weitere große Streitpunkte - und es besteht keine Möglichkeit, dass eine von Eizenkot geführte Koalition ohne all diese oppositionellen Elemente zustande kommt."
Archiv: Quillette

Dekoder (Deutschland), 10.09.2026

In der Ukraine findet vermehrt Kriegstraining für die Zivilbevölkerung und insbesondere in Schulen statt, schreiben Anna Subenko und Marija Lawriw für das ukrainische Online-Medium Frontliner (deutsche Übersetzung auf Dekoder von Simon Muschick). Dazu gibt es auch Trainingszentren, wie das Zentrum für national-patriotische Erziehung Wolja (Freiheit), in dem Schüler von Veteranen auf einen möglichen Kriegseinsatz vorbereitet werden. "'Am schwierigsten ist die Ungewissheit. Deshalb bringen wir Kindern bei, sich im Gelände zurechtzufinden, Schutz zu suchen und nicht in Panik zu geraten. Medizinische Kenntnisse werden nicht nur an der Front benötigt, sondern auch im Hinterland. Das alles vermitteln wir durch Spiele und Aufgaben. Das ist kein militärischer Drill, schließlich arbeiten wir mit Kindern. Die finden das interessant, und die Ausbilder und Assistenten sind selbst gute Vorbilder für national-patriotische Erziehung'", sagt der Leiter des Zentrums Olexii Sopilko. "'Ich möchte, dass die Kinder verstehen, was passiert. Es gibt heute viele Erwachsene, die nicht mitbekommen, was im Krieg gerade los ist, und mich zum Beispiel oft fragen, ob Luhansk wirklich schon seit 2014 besetzt ist. Die Kinder müssen, während sie älter werden, den Preis dessen verstehen, was passiert. Sie marschieren nicht und singen nicht Katjuscha, wie ich damals in der Schule, sondern lernen, sich selbst und ihren Liebsten zu helfen. Damit fördern wir ihr nationales Bewusstsein', sagt [die Ausbilderin] Wira Chrystoforowa. Am Nachmittag verwandelt sich der Schulhof in ein Kampfgebiet. Die Teilnehmer werden in zwei Teams aufgeteilt und spielen Lasertag. Dabei versuchen sie, einander mit Laserstrahlen zu treffen. Am wichtigsten sind dabei Teamarbeit und die Fähigkeit, einander zu unterstützen. Sopilko verfolgt das Spiel und registriert, wer 'verwundet' wurde. Die Betroffenen müssen dann ein Tourniquet anlegen oder eine Wunde tamponieren. Nach knapp einer halben Stunde intensiven Spiels werten Ausbilder und Assistentin mit den Teilnehmenden Fehler und die Qualität der Zusammenarbeit aus."
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Ukrainekrieg, Ukraine

Seznam Zpravy (Tschechien), 08.09.2026

In der Absicht, das kulturelle Gedächtnis der Ukraine auszulöschen, greift Russland auch zunehmend ukrainische Bibliotheken, Druckereien und Buchlager an. Allein in den letzten zwei Monaten wurden nach Angaben des ukrainischen Kulturministeriums zehn Millionen Bücher zerstört (mehr dazu hier). Nun wurden in der Nacht zum 28. August in einem Vorort von Kiew auch zwei Buchlager der Firma Nova Post von Drohnen und Lenkflugkörpern getroffen, wobei aktuelle Bücher, auch ausländischer Autoren, zerstört wurden. Jonáš Zbořil unterhält sich mit der ukrainischen Literaturagentin und früheren Auslandskoordinatorin des Ukrainischen Buchinstituts Anhelina Trofymchuk, die überzeugt ist, dass die jüngsten russischen Angriffe nicht nur ihr Land, sondern auch andere Kulturen treffen. Es sei ein genereller Angriff auf das Recht zu lesen. Laut Trofymchuk sei etwa der Roman des queeren tschechischen Autors Marek Torčík in der Ukraine auf ein großes Echo gestoßen. Nun sei Torčíks ukrainischer Verlag, wie viele andere, durch den Angriff schwer geschädigt. "Es mag verrückt klingen, aber ich habe die Lagerarbeiter gefragt, ob sie vielleicht noch ein oder zwei verkohlte Bücher finden könnten. Wir wollten sie als Andenken aufbewahren. Aber es war rein gar nichts mehr übrig", erzählt Trofymchuk. "Der ukrainische Buchmarkt wird nicht verschwinden, aber er wird sich definitiv verändern", meint sie. Es werde notwendig sein, die Auslieferung der Titel auf verschiedene Lager zu verteilen und die Auflagen zu reduzieren, aber auch nach Investoren zu suchen. "Auf ukrainische Autoren, Verleger und Buchhändler kommt eine sehr schwere Zeit zu. Aber die Ukrainer sind anpassungsfähig", glaubt Anhelina Trofymtschuk, die während des WhatsApp-Gesprächs mit Jonáš Zbořil zwischendurch stundenlang nicht antwortet, da sie einen Schutzraum aufsuchen muss: Die russischen Streitkräfte greifen auch Odessa an, wohin sie am Wochenende zum dortigen Literaturfestival gereist ist."
Archiv: Seznam Zpravy
Stichwörter: Ukraine, Ukrainekrieg

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.09.2026

Der Publizist János Széky zieht eine ernüchternde Zwischenbilanz der Regierung Péter Magyars. Er zeigt sich zunehmend skeptisch, was den angekündigte "Systemwechsel" angeht und mahnt die Förderung von demokratischen Strukturen an. "Was die Veränderung des politischen Systems betrifft, so lässt sich nüchtern betrachtet nur sagen, dass es keine wesentlichen Neuerungen gibt und sogar kaum Versprechungen in die Richtung. Das System der Checks and Balances bedeutet nämlich - entgegen der in Ungarn weit verbreiteten Auffassung - nicht, dass eine auserwählte und unantastbare Gruppe von Rechtskennern den Machthabern vorschreibt, wie man richtig regiert, und sie zurechtweist, wenn sie vom Gesetzestext und bestimmten ungeschriebenen, aber heiligen Grundsätzen abweichen. Sondern dass Macht durch Macht gezügelt und ausgeglichen wird. In einer Demokratie wird die Macht durch Wahlen legitimiert. '(…) Die in einer Hand geballte Macht des Ministerpräsidenten wird auch heute noch von keiner institutionellen Kraft nennenswert gezügelt oder ausgeglichen. Péter Magyar gebührt historischer Dank dafür, dass er Ungarn von einem Tyrannen befreit hat und damit die Ära der erzwungenen Dummheit und Niedertracht beendet hat. Doch der Systemwechsel steht noch bevor, und dieser - der Übergang zu einer liberalen repräsentativen Demokratie - lässt sich nicht von einem einzigen Machtzentrum aus durchführen, das weder gebremst noch ausgeglichen wird. Es bräuchte endlich mehr echte politische Akteure und mehr Gewaltenteilung. Mit der Zeit wird sich das sicherlich entwickeln. Ich befürchte nur, dass die neue Verfassung ausgearbeitet wird, bevor sich diese Entwicklung vollzieht, und dann könnte man wieder von vorne anfangen."
Stichwörter: Ungarn

HVG (Ungarn), 10.09.2026

Norbert Olah, Ex Machina. Apollo Galerie. Ausstellungsplakat


Anlässlich der Eröffnung seiner aktuellen Ausstellung "Ex Machina" in der Budapester Apolló Galerie, spricht der Rom-Künstler und Aktivist Norbert Oláh im Interview mit Mercédesz Nagy unter anderem über die Verortung der zeitgenössischen Roma-Kultur. "Vielleicht sind unsere Erwartungen an die Mehrheitsgesellschaft zu hoch, denn es ist nicht sicher, dass jeder von einem Moment auf den anderen versteht, was es bedeutet, Roma zu sein. Aber es ist schon viel einfacher, einen Weg zu finden, sich dem Aktivismus anzuschließen. Wer als junger Künstler in diese Gemeinschaft kommt, hat das Ziel, einen Teil der ungarischen zeitgenössischen bildenden Kunst mitzugestalten. Es geht nicht darum zu sagen: 'Wir sind draußen oder wir sind drinnen', und schon löst sich das Ganze auf. Wenn wir uns als Aktivisten definieren, dann sagen wir damit auch, dass wir keine Fürsprecher der Zigeuner sind und nicht die Roma-Kultur in ihrer ganzen Breite vertreten. Wir repräsentieren einen kleinen Ausschnitt der äußerst bunten und facettenreichen Roma-Kultur: die progressive zeitgenössische Roma-Kunst. Und diese ist wiederum Teil der zeitgenössischen ungarischen und europäischen Kultur." (Mehr über Norbert Oláh bei der Deutschen Welle)
Archiv: HVG
Stichwörter: Olah, Norbert, Roma-Kunst, Ungarn

Qantara (Deutschland), 10.09.2026

Nach vier Jahren in Österreich wurde der Afghane Shirullah Hussaini 2019 wieder nach Kabul abgeschoben - und doch schreibt er weiter auf Deutsch, weil die Sprache zu einem Ort wurde, an dem er sich verstanden fühlte, wie er in einem bewegenden Text erklärt: "Viele Menschen gehen davon aus, dass mit einer Abschiebung auch die Verbindung zu einem Land endet. Meine Erfahrung ist eine andere. Man kann einen Menschen zwar zwingen, ein Land zu verlassen. Erinnerungen bleiben an der Grenze jedoch nicht zurück. Das Kabul, in das ich zurückkehrte, war nicht mehr die Stadt, die ich verlassen hatte. Und auch ich war nicht mehr derselbe Mensch: Ich hatte gelernt, mir durch Bildung und Sprache eine Zukunft vorzustellen und meine eigene Stimme ernster zu nehmen. In Kabul schrieb ich zunächst einzelne deutsche Sätze, damit sie mir nicht verloren gingen. Aus den Notizen entstanden nach und nach Essays. Mit jedem Text wurde mir klarer, dass ich nicht schrieb, um an der Vergangenheit festzuhalten. Ich schrieb, weil Deutsch zu der Sprache geworden war, in der ich meine Erfahrungen am ehrlichsten ausdrücken konnte. Heute schreibe ich aus Kabul über den Alltag in Afghanistan, über Begegnungen und über Menschen, deren Stimmen außerhalb des Landes oft kaum gehört werden. Seit der Machtübernahme der Taliban hat sich das Leben vieler Menschen in Afghanistan tiefgreifend verändert. Mädchen und Frauen wurden von weiterführenden Schulen und Universitäten ausgeschlossen. Zahlreiche Journalistinnen und Journalisten sowie Künstlerinnen und Künstler mussten ihre Arbeit aufgeben oder das Land verlassen."
Archiv: Qantara

London Review of Books (UK), 10.09.2026

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Seit 2000 ist die Zahl der Menschen, die in Großbritannien Englische Literatur studieren, um rund ein Drittel auf etwa 36.000 gesunken, und auch Verlage haben wenig Interesse daran, Literaturkritiken zu veröffentlichen, seufzt der in Oxford lehrende Literaturwissenschaftler Colin Burrow. Der Grund: zu wenig Geld. Aber was mit dem Schwinden brillanter Kritiken verloren geht, zeigt der im vergangenen Jahr erschienene Band "Inhabit the Poem: Last Essays", der amerikanischen Literaturkritikerin Helen Vendler, die hier Texte zu Gedichten von John Donne bis Ocean Vuong versammelt, versichert Burrow. Literaturkritik "erfordert die Bereitschaft, nachzudenken und umzudenken, einen Gedanken aufzunehmen und ihn weiterzuverfolgen, bis er entweder nicht mehr tragfähig ist oder (im Idealfall) seinen eigenen inneren Antrieb entwickelt. Es erfordert die Akzeptanz, dass man sich manchmal irrt und dass sich manchmal auch andere irren. Man muss eine ganze Bandbreite chaotischer menschlicher Bruchstücke zusammenführen - von Autobiografie über Philologie bis hin zum Zählen von Zeilen, Unterstreichen von Buchstaben und Erkennen fast unsichtbarer Muster, durch die Geschichte einzelner Menschen und ganzer Völker hindurch. All dies kann dazu beitragen, zu verstehen, wie ein Gedicht zusammenhängt - oder interessanterweise gerade nicht zusammenhängt. (...) Literaturkritik erfordert die äußerst vereinzelte Fähigkeit, mutig genug zu sein, sich in einem Bereich zu bewegen, in dem es keine klaren Regeln gibt oder sich eigene Regeln schaffen. Man muss selbst entscheiden, was man denkt, und dies vielleicht dem gegenüberzustellen, was andere, klügere Menschen gedacht haben. Vielleicht kommt jemand anderes vorbei und sieht das anders, aber wenn du ihn dazu gebracht hast, mit dir zu diskutieren, dann hast du etwas Sinnvolles geleistet. Wenn das an sich keinen Sinn hat, dann hat wahrscheinlich auch das Leben keinen Sinn..."