Vorgeblättert

Leseprobe zu Christian Buckard: Cafe Babylon

Ausgewählte Leseproben.

Leseprobe zu Christian Buckard: Cafe Babylon. Diese Lesprobe entspricht den Seiten 44 bis 53 des Buchs. D.Red.

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Wer war als Erster auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet das Romanische Café die neue Heimat der Bohème werden sollte? Leonhard Frank, so heißt es, soll einer der Initiatoren des Umzugs gewesen sein. Möglich auch, dass der emigrierte Oberkellner Hahn oder der «rote Richard» als Kundschafter der Bohème das «Romanische» für geeignet befunden hatten. Oder vielleicht war es der Stammtisch der Freunde Orlik und Slevogt gewesen, der die Bohèmiens aus dem alten Café auf den Gedanken gebracht hatte, sich im «Romanischen» niederzulassen.

Zu Orliks und Slevogts Malerstammtisch, so Max Krell, gehörte auch «der witzige Matisse-Schüler Rudolf Levy, auf den sich alle Pariser verließen, die Berlin passierten». Der mal in Paris, mal in Berlin lebende Levy war «nicht nur Fachmann im Boxen und Pokern, er hatte Stendhal übersetzt und selber ein Stück geschrieben, das weder erscheinen noch aufgeführt werden konnte, weil die königlich preußischen Zensoren», wie Krell meinte, «nicht zwischen Kunst und Schmutz hätten unterscheiden können». Jedenfalls war Levy nicht allein der erste Autor, der zu einem «romanischen» Stammtisch gehörte, er fungierte auch als eine Art Brücke zu den Neuankömmlingen, die zumeist ebenfalls Literaten waren.

So fiel die Bohème unversehens und lärmend in «das befestigte Lager» des Berliner Bürgertums ein, wo die Gespräche bislang nur gedämpft geführt wurden und die Geldbörsen der Gäste stets prall gefüllt waren. In Doris Wittners Augen waren diese Invasoren «‹Schlawiner›, wie man sie in den analogen Lokalen der Münchener Künstler-Vorstadt Schwabing nennt. Ein undefinierbares Parfüm von Exotik und Erotik umwittert sie. Nach Seife duften sie selten, nach Kölnischem Wasser nie. Aber – malgré tout – es ist um sie eine Atmosphäre von Gegenwart und von Zukunft, von Traum und Erfüllung, von Selbstüberschätzung, die das Lächerliche, und von Selbstvertrauen, das die Erhabenheit streift.»

Man kann getrost davon ausgehen, dass all jene Mütter der höheren Stände, die bisher ihre Töchter ins «Romanische» geführt hatten, um für sie eine gute Partie aufzutun, angesichts der nun eindringenden wilden, ungekämmten Horde schleunigst das Weite suchten. Ebenso wahrscheinlich ist, dass nicht wenige dieser Töchter Jahre später, angelockt vom berüchtigten Flair der Bohème, ins Romanische Café zurückkehrten.

Dem Eigentümer des «Romanischen», so der Journalist Paul Marcus alias Pem, «waren die neuen Stammgäste willkommen. Er kannte ihre Eigenarten noch nicht – zum Beispiel, daß manche keine Zeche machten, sondern sich mit den Kellnern geeinigt hatten, ihnen nur das doppelte Trinkgeld des Umsatzes schweigend in die Hand zu drücken, den sie als reguläre Gäste hätten machen müssen. Kaum denkbar, daß der Wirt den Trick nicht gemerkt haben sollte. Aber er sprach nicht darüber, der gutherzige Mäzen.»

Wer war dieser «Mäzen», der scheinbar achselzuckend in Kauf nahm, dass seine bisherige, verlässlich solvente Klientel die Flucht ergriff und sich an ihrer statt Künstler im «Romanischen» einquartierten, deren finanzielle Mittel sprichwörtlich bescheiden waren? Tatsächlich ist ausgerechnet Bruno Fiering der große Unbekannte im Romanischen Café. Unbekannt, doch nicht unerkannt: Wohl kein europäischer Kaffeehausbesitzer hat mehr Lobpreisung erfahren als Fiering, den der Journalist H. Ben-Shachar 1923 in der jüdisch-amerikanischen Zeitschrift Menorah zum «Fürsten der Galut», der jüdischen Diaspora, erklärte. Denn «nicht einmal Babylon oder Alexandria, [das babylonische] Pumbeditha oder selbst Cordoba in seinen größten Tagen, und nicht einmal Wilna, waren mit mehr Recht als Hauptstadt der Diaspora zu bezeichnen als das heutige Berlin».

Gewiss hatte den guten Bruno Fiering nichts in seinem Leben darauf vorbereitet, einst zum «Fürsten der Galut» erhoben zu werden. Im Sommer 1909 hatte er, nachdem er jahrelang das «Café Riedel» am Kreuzberger Belle-Alliance-Platz geführt hatte, das «Romanische» für stolze 200 000 Mark gekauft. Als «Romanisches Café Bruno Fiering» hatte es der 44-jährige Cafétier selbstbewusst im Handelsregister eintragen lassen. Offenbar hatten er und seine Ehefrau Anna Riedel ihr Kreuzberger Café sehr erfolgreich betrieben und waren so in der Lage gewesen, das Romanische Café zu übernehmen.

Wie seine Gäste, so lebte auch Bruno Fiering – wenn er nicht gerade als deutscher Delegierter auf einer internationalen Kaffeesiedertagung mit Kollegen Kaffee trank – von früh bis spät im «Romanischen». Und natürlich nahm er dort auch sein Mittagessen ein. Das mochte seine Gäste verwundern, denn seine Einstellung zur «romanischen» Küche war bekannt: «Das ist nur für die Laufkundschaft. Meine Stammgäste essen woanders, wenigstens die, die Geld haben. Und die, die kein Geld haben, essen höchstens zwei Eier im Glas. Und auch die werden noch geteilt.» Ganz so bescheiden, wie Fierings Auskunft suggeriert, war das kulinarische Angebot im «Romanischen» allerdings nicht, denn Schnitzel oder Würstchen in Gulaschsaft standen ebenfalls auf der Karte. Sein tägliches Schnitzel aß Fiering abends um neun Uhr, und zwar am Tisch von Slevogt und Orlik, die ihren angestammten Platz für diese Zeit gegebenenfalls zu räumen hatten.

Fierings Geduld mit seinen oft bettelarmen Gästen – die im Café nicht selten diskret mitgebrachte Butterbrote verzehrten – war legendär. Gleichwohl konnte er unerbittlich werden, wenn er den Eindruck hatte, dass jemand seine Großzügigkeit über Gebühr strapazierte, womöglich gar zum wiederholten Male die Zeche prellte. Den säumigen Gästen ließ er dann durch einen der Kellner eine Karte überbringen, auf der geschrieben stand: «Sie werden gebeten, unser Etablissement nach Bezahlung Ihrer Zeche zu verlassen und nicht wieder zu betreten. Bei Nichtbeachtung dieser Aufforderung würden Sie mit Maßnahmen wegen Hausfriedensbruchs zu rechnen haben.» Da ein Hausverbot für manche Gäste existenzbedrohend war, musste Fiering mitunter mit wilden Protesten seiner Bewohner rechnen. Und da er nicht nur Geschäftsmann, sondern auch gutmütiger «Mäzen» und «Fürst» war, konnte ein ausgesprochenes Hausverbot von ihm auch schnell widerrufen werden. Schließlich wurde die eine oder andere geprellte Zeche durch die wachsende Berühmtheit des Cafés mehr als wettgemacht.

Die Tatsache, dass das Romanische Café nun nicht mehr in erster Linie die «gutbürgerlichen» Gäste beherbergte, sondern zur neuen Heimat der deutschen und internationalen Bohème in Berlin, der erklärten Außenseiter, geworden war, rückte Fiering ins Visier jenes Berlins, das von Kaiser Wilhelm II. geradezu personifiziert wurde: des nationalistischen, antidemokratischen, provinziell-großspurigen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Lagers. Angefangen hatte alles mit dem sagenhaften Erfolg des zum Berliner «Kaffeehaus-König» aufgestiegenen österreichischen Juden Heinrich Braun. Dieser hatte es innerhalb weniger Jahre geschafft, mit mittelgroßen Kaffeehäusern Millionen zu verdienen. Mit diesem Kapital eröffnete er das über Berlins Grenzen hinaus berühmte «Café Piccadilly» am Potsdamer Platz und den «Tauentzien-Palast», der von «einer Eleganz, einem Luxus ohnegleichen» geprägt war. Brauns Aufstieg weckte den Neid der weniger erfolgreichen alteingesessenen Berliner Kaffeehausbesitzer. So kam es dann, dass das Zentral-Organ der «Internationalen Organisation für Kaffeehäuser, Bars und Restaurants» im Frühjahr 1914 einen Artikel veröffentlichte, der sich gegen alle «jüdischen Kaffeehäuser» in Berlin richtete. Zwar waren der «Kaffeehaus-König» Braun und alle anderen (angeblich) jüdischen Cafétiers das Hauptziel dieser antisemitischen Kampagne, doch versäumte es das Zentral-Organ nicht, ausdrücklich auch das Romanische Café anzugreifen: «Solche Kaffeehäuser sind die Schulen für Revolutionäre und politische Verbrecher. Es lohnt sich, den Zusammenhang zu untersuchen zwischen Attentaten und Kaffeehäusern. (…) Man betrachte nur den Fall eines mittleren Kaffeehauses in Charlottenburg, in das die geflohenen Juden aus Rußland gehen! Das Attentat auf Stolypin ist auch in dem ‹Romanischen Kaffeehaus› in Berlin beschlossen worden!»

Die Behauptung, dass das im September 1911 in Kiew begangene Attentat auf den russischen Ministerpräsidenten Pjotr Arkadjewitsch Stolypin ausgerechnet von russischen Juden im Romanischen Café geplant worden sei, wird Fiering belustigt haben. Jedenfalls ließ er sich von den antisemitischen Anfeindungen der organisierten Kaffeehausbesitzer nicht beeindrucken. Hätte er es gewollt, so hätte er seine neuen Gäste durch erhöhte Preise und rigide Einschränkung der Verweildauer leicht wieder loswerden können. Doch dazu machte er keinerlei Anstalten. Allerdings lief der Prozess der gegenseitigen Annäherung zwischen ihm und seinen neuen Mitbewohnern sicher nicht ohne Missverständnisse ab. Und Fiering mögen bisweilen Zweifel gekommen sein, ob er langfristig überhaupt in der Lage sein würde, Gäste zu beherbergen, die stundenlang Zeitung lasen und dabei nur einen einzigen Kaffee konsumierten.

Was die gegenseitige Gewöhnung erleichterte, war vielleicht der allmähliche Verlauf der Veränderung: Nachdem die Renovierung des alten Cafés des Westens abgeschlossen war, zog es manche früheren Stammgäste ab und an zurück in die einstige Heimat. Sogar die mit Hausverbot belegte Else Lasker-Schüler tauchte nun wieder im Café des Westens auf. Tatsächlich existierte das alte Café noch bis Sommer 1921 weiter, sodass die Bohème bis zu diesem Zeitpunkt gleich zwei Stammcafés besaß. Als Egon Erwin Kisch 1913 von Prag nach Berlin zog, um an einem Roman zu arbeiten, verkehrte er ausschließlich im frisch renovierten alten Café des Westens. Dass das legendäre Café ein nur vorübergehend wiederbelebter Patient war, hat er wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen.

Kisch hielt sich gerade in Binz auf Rügen auf, als er Ende Juli 1914 aus der Presse erfuhr, dass Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärt hatte. Seine Familie setzte ihn davon in Kenntnis, dass er sich sofort beim Prager Korps melden müsse, was er selbstverständlich auch tat. Wie fast alle in Österreich-Ungarn mobilisierten Männer war er anfangs noch überzeugt, dass der Waffengang nur wenige Wochen dauern würde. Außerdem fand er, dass gerade ein Reporter und Schriftsteller wie er dieses «Abenteuer» nicht verpassen dürfe! Nicht nur in Österreich-Ungarn, auch in Berlin waren viele zunächst begeistert von der Aussicht, endlich in den Krieg zu ziehen. Ganz Deutschland, so erinnert sich Alexander Granach, «war kriegs- und siegestrunken. Die Zeitungen waren voll von Bildern, vom Kaiser und den Prinzen und Generälen.» Obwohl der junge jüdische Galizianer alles andere als erfreut darüber war, nun in der Armee von Kaiser Franz Joseph marschieren zu müssen, statt auf der Bühne stehen zu dürfen, trat auch er den Weg nach Hause an, um wie verlangt einzurücken.

Sogar Emil Orlik, inzwischen immerhin 44 Jahre alt, meldete sich zum Dienst in Kaiser Franz Josephs Vielvölkerarmee. Zu seinem Glück verzichtete Österreich-Ungarn jedoch darauf, ihn in eine Uniform zu stecken. Der gutmütige Orlik wäre auch kaum eine Hilfe gewesen: Er konnte Menschen zeichnen, hätte es aber kaum vermocht, ihnen ein Bajonett in den Leib zu rammen. Doch vielleicht betrachtete ja auch er den Krieg gegen den Zaren als Befreiungskrieg, gerade auch für die in Russland unterdrückten Juden. Er wäre mit dieser Einstellung nicht allein gewesen: Große Teile des amerikanischen Judentums waren deswegen zunächst pro-deutsch eingestellt, weil sie auf eine Erlösung der Juden vom zaristischen Joch hofften.

Orliks Freund Max Slevogt ließ sich im Oktober 1914 dazu hinreißen, seinen «romanischen» Freunden Lebewohl zu sagen und mit Pinsel und Leinwand bewaffnet als «Kriegsmaler» an die Westfront zu ziehen. Während seines dortigen Aufenthalts besuchte er auch die belgische Stadt Leuven. Dort hatten die deutschen Truppen im August 1914 – nach einem angeblichen Schusswechsel mit Widerständlern – grausam gewütet: Nahezu 300 Bewohner hatten sie hingerichtet, erschossen. Zahllose Zivilisten waren vertrieben, andere nach Deutschland deportiert worden, wo man sie in einem Armee-Lager in Munster bis 1915 internierte. Ein Sechstel der Häuser Leuvens hatten die Deutschen in Brand gesetzt, selbst die jahrhundertealte Bibliothek der weltberühmten Katholischen Universität hatten sie nicht verschont. Des Kaisers Soldaten hatten sogar noch mit Waffengewalt verhindert, dass der Brand gelöscht wurde. Hunderttausende Bücher und Manuskripte wurden so ein Raub der Flammen.

Den feinfühligen, kultivierten Slevogt müssen all diese von der «Kulturnation» Deutschland begangenen Verbrechen tief erschüttert haben. Dasselbe galt für den ganz normalen Alltag des Krieges hinter der Front: die Leichen von Menschen und Tieren am Wegrand, die endlosen Flüchtlingszüge auf Flanderns Landstraßen und die oft in Kirchen eingepferchten Kriegsgefangenen. Zwei Monate hielt es Slevogt in diesen «durch blinde Zerstörung geschändeten» Gebieten aus. 1917 schaffte er es, bei seinem Freund Paul Cassirer ein Kriegstagebuch zu publizieren, das zwar vorsichtig, aber doch deutlich in Wort und Bild gegen den Krieg Stellung bezog: «Im Banne der Verwüstung vermögen wir noch die Verstümmelung von Häusern, Bäumen stimmungsvoll, reizvoll, auch darstellbar empfinden, nicht so den verstümmelten Menschen, den Kadaver. (…) Diese auf den Kopf gestellte Umwelt wird den Menschen in uns treffen, den Darsteller abstoßen. Das treueste ‹Bild› von ihr wird das möglichst erbärmliche Panoptikum geben.»

Ob Max Slevogt, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky, Hersh David Nomberg, Otto Dix, Marc Chagall, George Grosz oder Erich Maria Remarque – die meisten Gäste, die nach dem Ersten Weltkrieg zum Stammpublikum des Romanischen Cafés gehörten, waren Gezeichnete, Überlebende des Weltuntergangs: Entweder hatten sie als Soldaten an der Front überlebt, oder sie waren in den Bürgerkriegen, Pogromen, Aufständen und Hungersnöten, die in Ost- und Mitteleuropa wüteten, dem Tod nur knapp entronnen. Obgleich man es den meisten dieser Menschen, wenn sie im Café beim Gespräch beisammensaßen, von außen nicht ansah, während ihres Überlebenskampfes hatten sie doch alle etwas verloren. Die hellen und warmen Stunden im Café konnten sie vielleicht für einige Augenblicke die Schreckensbilder der Vergangenheit vergessen lassen. Allerdings saßen dort auch solche, bei denen gerade die Erinnerungen an die Kriegsjahre der Treibstoff für ihre Träume von einer besseren Welt waren. Einer von ihnen war Alexander Granach.

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