9punkt - Die Debattenrundschau

Dialog zwischen Morgen- und Abendland

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2026. Den Osten als undankbares Kind zu behandeln, greift zu kurz, erklärt in der FAS der Soziologe Steffen Mau, denn der Westen profitierte erheblich von der Wende. Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, hält auch in der FAS dagegen: Schuld an der Misere des Ostens ist nicht der Westen, sondern die DDR. Im FR-Gespräch will der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty dem Klimawandel mit einer Milliardärssteuer beikommen. Die taz erinnert daran, welche Wunder sich Michel Foucault von der iranischen Revolution erhoffte. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2026 finden Sie hier

Europa

Die FAS widmet sich heute in einem Dossier dem Thema AfD und Ostdeutschland:

"Die Bilanz der deutschen Einheit ist bis heute ungeschrieben", erinnert in der FAS der Soziologe Steffen Mau. Das hält er jenen entgegen, die den Osten im Angesichts des Rechtsrucks "als undankbares Kind behandeln und nach Taschengeldentzug" rufen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie der Westen nach der Wende vom Osten profitierte: "Während die internationale Konjunktur zu Beginn der 1990er-Jahre schwächelte, verschaffte die Wiedervereinigung der alten Bundesrepublik einen kräftigen Nachfrageschub und Wachstumsraten, von denen die Wirtschaft erheblich profitierte. Das westdeutsche Bruttoinlandsprodukt stieg 1990 und 1991 jeweils um die fünf Prozent, die neuen Absatzmärkte im Osten überdeckten aber viele strukturelle Probleme." Dann "kam es durch die Ost-West-Migration vor allem junger und gut ausgebildeter Ostdeutscher zu einer erheblichen Vergrößerung des Erwerbspotentials im Westen. Der Nettowanderungsverlust Ostdeutschlands bedeutete spiegelbildlich erhebliche Humankapitalgewinne für Westdeutschland. Knapp zwei Millionen Menschen gingen seit 1989/90 im Saldo von Ost nach West, die meisten dürften Teil der westdeutschen Arbeitnehmerschaft geworden sein. Die im Westen generierte Wertschöpfung dieser Zuwanderer ist erheblich."

Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, sieht es ebenfalls in der FAS ganz anders. Er ist genervt von den ständigen Klagen aus Ostdeutschland und möchte unzufriedene AfD-Wähler an "ein paar historische Fakten" erinnern: "Die wirtschaftliche ist: Wenn Ostdeutsche heute klagen, in den Ländern der ehemaligen DDR gebe es ja nichts zu vererben und die Leute seien ärmer als im Westen, dann liegt das nicht daran, dass die Westdeutschen ihnen etwas weggenommen haben, sondern dass die DDR 40 Jahre lang von der Substanz gelebt hat und nicht in der Lage war, ein dem Westen vergleichbares Wirtschaftsvermögen aufzubauen. Die DDR war 1989 bankrott; ein ökonomisch aufgezehrtes, von innen zerstörtes Land. In den 37 Jahren, die Ostdeutschland seither Transferinvestitionen erhält, hat man gesehen, wie viel Entwicklung möglich ist - aber eben auch, dass man in 37 Jahren nicht vorher verlorene Jahrzehnte des Wohlstandsaufbaus nachholen kann."

Im Osten gibt's nicht nur AfD, ruft Kathleen Hildebrand, die ursprünglich aus Erfurt kommt, in der SZ und setzt an zu einer Verteidigung ihrer Heimat: "Beim Wort 'Ostdeutschland' oder 'Thüringen' nur an hohe blaue Balken in Wahl-Säulendiagrammen zu denken, wird der Realität nicht gerecht." Die Indienstnahme deutscher Geistesgrößen, die im Osten wirkten, ist ohnehin Quatsch, erinnert sie: "Am allerwenigsten lässt sich natürlich Goethe vereinnahmen: Er hat den Begriff der 'Weltliteratur' erfunden und den 'West-östlichen Divan' geschrieben, einen poetischen Dialog zwischen Morgen- und Abendland. Der 'Divan' hat nichts anderes im Sinn als gegenseitige Bereicherung verschiedener Kulturen. Goethe war alles andere als ein Nationalist. Schiller sah seine Stücke als Erziehung zur Menschlichkeit und die im Osten legendären Simson-Mofas wurden von zwei jüdischen Brüdern in Suhl erfunden."

Die Ereignisse in Ceuta machen die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leila Slimani immer noch fassungslos, wie sie in der FAS erklärt. Wilde Spekulationen gab es bald in der Presse über die Gründe, die zehntausende junge Marokkaner dazu bewegten, ihr Leben von einem Moment auf den anderen hinter sich zu lassen. Dabei muss man nur einen Blick auf die wirtschaftliche Situation in Marokko werfen: "Die Krise von Ceuta widersetzt sich einer vereinfachten Darstellung, zu breit gefächert ist das Profil derer, die die Überquerung versucht haben: Sie waren nicht nur jung, nicht nur arbeitslos, nicht nur Männer, nicht nur aus dem Norden … Sondern ein ganzer Ausschnitt der Gesellschaft, der von seiner Arbeit nicht anständig leben kann, dem der Horizont versperrt, die Zukunft verschlossen erscheint, der Wut empfindet angesichts der mangelnden öffentlichen Versorgung und einer ungleichen Entwicklung." Laut "den kürzlich vom Haut-Commissariat au Plan (dem marokkanischen Amt für Statistik, A. d. Red.) veröffentlichten Zahlen ist etwa einer von drei Marokkanern zwischen 15 und 29 Jahren weder angestellt noch studierend oder in Ausbildung. Beinahe 72 Prozent davon sind Frauen, und die regionalen Unterschiede sind erheblich."

Die russische Journalistin Ksenia Lutschenko hat im Exil ein Buch über die russische Kirche geschrieben (das bisher nur auf Russisch vorliegt). Im FAS-Interview erklärt sie, wie der russische Patriarch Kyrill den Krieg in der Ukraine unterstützt, denn auch die Kirche will "die Ukraine und den postsowjetischen Raum. Die Aufgabe war, das sogenannte kanonische Territorium der Kirche nicht loszulassen." Fast lächerlich angesichts heutiger Strafen wirken mittlerweile die zwei Jahre Haft, die die Mitglieder von Pussy Riot nach ihrem Auftritt 2012 erhielten, meint Lutschenko. Danach "begann innerhalb der Kirche der Kampf gegen Andersdenkende. Alle, die um Begnadigung baten, bezeichnete Kyrill als 'Verräter in Soutanen'. Seitdem gilt die Regel: Entweder du gibst dem Patriarchen deinen Segen, oder du gehst."
Archiv: Europa

Politik

"Geringere Ungleichheit eine Voraussetzung erfolgreicher Klimapolitik", hält der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty im FR-Interview fest. Eine Milliardärssteuer käme auch grüner Politik zu Gute, denkt er: "Wenn man beispielsweise einfach eine allgemeine CO₂-Steuer erhebt, die alle gleichermaßen zahlen, empfinden viele Menschen das zu Recht als ungerecht. Menschen aus der unteren Mittelschicht haben nur begrenzten Einfluss auf Investitionsentscheidungen und Produktionstechnologien. Sie gehen in den Supermarkt und können versuchen, ihren Konsum zu verändern. Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Sehr wohlhabende Menschen dagegen besitzen große Vermögensportfolios und kontrollieren damit Investitionsentscheidungen. Deshalb tragen sie eine andere Verantwortung. Darum brauchen wir in vielen Bereichen stärkere öffentliche Kontrolle über große Investitionen. Eine Steuer auf Milliardäre soll nicht einfach nur Geld einnehmen und es anschließend ausgeben. Ein Teil dieser Vermögenswerte könnte in öffentliche Fonds überführt werden, damit demokratisch entschieden werden kann, wohin investiert wird - etwa in grüne Energie oder kohlenstoffarme Verkehrsinfrastruktur. Wir können Menschen mit sehr unterschiedlichen Vermögen nicht so behandeln, als befänden sie sich in derselben Lage."
Archiv: Politik

Ideen

Andreas Fanizadeh beleuchtet in der taz ein Kapitel im Leben Michel Foucaults, das bis heute von vielen Linken ausgeklammert wird: Seine Unterstützung und Faszination für die iranische Revolution. Er folgte den Narrativen religiöser iranischer Nationalisten, erinnert Fanizadeh, die Ayatollah Chomeini den Weg zur Macht ebneten. Heute noch liest Fanizadeh mit Verblüffung, was Foucault nach seinen beiden Reisen in den Iran veröffentlichte. In einem am 1. Oktober 1978 im Corriere della Sera veröffentlichten Artikel schrieb Foucault, wie Fanizadeh zitiert: "Der Schah 'träumt den überholten Traum, sein Land durch Säkularisierung und Industrialisierung zu öffnen'. 'Archaisch' sei, so Foucault, 'heute sein Modernisierungsprojekt', und nicht etwa die Predigten seiner Kontrahenten, der bärtigen Männer mit den Turbanen. Denn, so Foucault in einem weiteren Artikel vom 22. Oktober 1978, 'unter einem 'islamischen Staat' versteht niemand im Iran ein politisches Regime, in dem der Klerus die Leitung übernähme oder den Rahmen setzte.' Die im Koran formulierten Regeln interpretiert Foucault als vom Volke ausgehend, vergleichbar den 'Grundformeln der bürgerlichen oder revolutionären Demokratie' Europas des 18. Jahrhunderts. Mehr noch, wie sich Foucault von einem fiktiven Gesprächspartner versichern lässt: 'Der Koran hat sie ('die Grundformeln') schon lange vor euren Philosophen formuliert, und auch wenn der christliche und industrielle Westen ihren Sinn vergessen hat, wird der Islam an ihrer Bedeutung festhalten und sie zur Wirkung kommen lassen.'"
Archiv: Ideen
Stichwörter: Foucault, Michel

Geschichte

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Im FAZ-Interview erzählt der Historiker Jan Robert Weber, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, von der Versklavung christlicher Europäer im Mittelalter - in der Forschung bisher ein blinder Fleck: "Die Quellen zeigen, dass Europa gleichzeitig mit Subsahara-Afrika das schreckliche Schicksal des permanenten Versklavungskriegs teilte. Beide waren Randzonen, slaving zones, die den Menschenbedarf der großen Zentren Byzanz und des Kalifats deckten." Zwischen "etwa 834 und 933 berichten die Quellen Jahr für Jahr von Versklavungszügen. Die Zahl der Verschleppten dürfte in die Hunderttausende gegangen sein - ich veranschlage ungefähr eine halbe Million." Die "USA und europäische Nationen müssen ihre Geschichte als Sklavenhaltergesellschaften selbstverständlich aufarbeiten. Aber Sklaverei reicht über zeitliche, räumliche und ethnische Grenzen hinaus. Die Geschichte des Mittelalters zeigt Weiße und Schwarze als Versklavte wie auch als Akteure von Menschenjagd und Menschenhandel. Sklaverei gehört nicht zum Wesen einer bestimmten Kultur oder Hautfarbe."
Archiv: Geschichte

Wissenschaft

"Vielleicht war der Fall Jason Arday noch viel größer, als er jetzt erscheint", überlegt Elena Witzeck in einem großen FAS-Artikel, in dem sie auf eine Recherche der Plattform Byline Times zurückkommt, die hinter der Aufdeckung von Ardays Fall eine "koordinierte Kampagne" von Rechten sieht (unser Resümee): "Noch einmal zurück zum Wissenschaftsrassisten Nathan Cofnas, der inzwischen vorläufig von der Universität Gent suspendiert wurde, wo seine Äußerungen zu Arday geprüft werden. Die Plattform Byline, bei der frühere BBC-Reporter, Investigativjournalisten und Medienprofessoren arbeiten, hat Anfang der Woche eine Recherche über ein 'explizit antischwarzes Rassenwissenschaftsnetzwerk' veröffentlicht, das, wie der Autor argumentiert, unterstützt vom Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel schon eine ganze Weile damit beschäftigt sein soll, britische Universitäten und die europäische extreme Rechte zu durchdringen. Thiel soll etwa mithilfe des Cambridge-Professors James Orr Spenden an die Universität, Orrs Umfeld, Nathan Cofnas und das Onlinemagazin 'Quillette' veranlasst haben, das wiederum Attacken auf Arday veröffentlichte. (...)." Nathan Cofnas und die Universität Cambridge bestreiten die Vorwürfe. 

Für Jannis Koltermann in der FAZ liegt der Fehler ganz klar bei der Cambridger Diversitätspolitik. Die Universität verkaufte "die Berufung eines in vielerlei Hinsicht Benachteiligten bei jeder Gelegenheit als Ausweis der eigenen Diversitätsbemühungen." Deshalb sei es fehlgeleitet, "Rassismus für die Generalisierung des Falles überhaupt erst verantwortlich zu machen, nach dem Motto: Bei weißen Wissenschaftlern spreche man über Individuen, bei schwarzen immer gleich über alle Schwarze. Denn es waren nicht zuerst rechte Medien und Influencer, es war vielmehr die Universität, die Arday unter seiner bereitwilligen Mitwirkung zum Repräsentanten seiner Gruppe und Symbol der eigenen Diversitätsbestrebungen gemacht hat. Wenn ein solches Symbol gestürzt wird, ist es nur natürlich, dass auch das System hinterfragt wird, in dem es seine Bedeutung gewann."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Arday, Jason, Cambridge, Rassismus