Aus dem Französischen von Lis Künzli. In einem Dorf irgendwo in Afghanistan sitzt eine Frau am Bett ihres schwerverletzten Mannes, der im Koma liegt. Im Zimmer ist es still, draußen hört man Schüsse, die Frau betet. Dann beginnt sie zu reden. Sie erzählt ihm, was sie ihm vorher nie sagen konnte, sie berichtet dem reglos Daliegenden von dem Drama, das die Ehe für sie bedeutet. Wie dem magischen "Stein der Geduld" aus der afghanischen Mythologie vertraut sie ihm ihren Schmerz an und beichtet ein Geheimnis, das sie seit langem bedrückt. Doch auch die Geduld eines Steins ist nicht unendlich.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.12.2009
Mit ambivalenten Gefühlen hat Rezensentin Angela Schader Roman gelesen, für den der seit 25 Jahren in Frankreich lebende afghanische Autor Atiq Rahimi den Prix Goncourt erhalten hat. Bis zum Schluss wurde Schader den Verdacht nicht los, dass hier nicht nur literarische Qualität, sondern auch das politisch korrekte Thema gewürdigt wurde. Es geht um eine afghanische Frau, die ihren im Koma liegenden Ehemann pflegt und dabei all die Grausamkeiten klagt, die er ihr angetan hat. Vieles dürfte der Lebensrealität in diesem "brutalisierten" Land entsprechend, glaubt Schader, die allein von der Sexualität des Mannes bestimmte Existenz der Frau, der Hass, die Abhängigkeit. Eher unrealistisch erscheint der Rezensentin dagegen das westlichen Vorstellungen doch sehr nahe Reflexionsniveau der Protagonistin, ihre Beredsamkeit und ihr rebellischer Geist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2009
Joseph Hanimann zeigt sich äußerst beeindruckt, wie der afghanische Autor und Filmemacher Atiq Rahimi, der seit über zwei Jahrzehnten in Frankreich lebt, seinen Roman aus engstem Raum heraus entfaltet. Ein im Koma liegender afghanischer Partisanenkämpfer wird in einem Zimmer von seiner fürsorgenden wie anklagenden Frau gepflegt, deren ganze Existenz von seinem Überleben abhängt, auch wenn sie in der Ehe unter seiner Tyrannei gelitten hat, erfahren wir. Wenn sich die Frau in unaufhörlichen Reden über die Männerwelt mit ihrem brutalen Ehrenkodex Gedanken macht, entsteht eine durch und durch überzeugende Figur und nirgends gerinnt der Roman zur reinen "Thesenliteratur", wie der Rezensent bewundernd betont. Knapp und gleichzeitig voller Poesie demonstriere dieses Buch, wie "Beiläufiges in Geschichtsträchtiges mündet und umgekehrt", preist Hanimann. Dabei hebt er besonders hervor, dass die Emanzipation der Frau, die sich im begrenzten Areal des Zimmers abzeichnet, nicht auf die Sprengung "alter Bande", sondern auf "Zuwendung" setzt. Ganz großartig erscheint dem Rezensenten auch die Übersetzung von Lis Künzli, der es hervorragend gelinge, die rhythmischen Qualitäten des Romans ins Deutsche zu bringen.
Tony Tulathimutte: Fiasko Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr. Ein erklärter Feminist fällt ins Wurmloch der Incel-Szene. Eine Frau versinkt in einer selbstzerstörerischen… Eva Menasse: Alleinruhelage Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen.… Heinz Strunk: Memories of Heidelberg Heidelberg im Frühling! Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in der romantischen Kurpfalz mal einen richtig schönen Kurzurlaub… Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter Die Familie eines deutschen Jahrhunderts: Margarethe, Marianne, Monika, Miriam. Vier Generationen. Sie lieben sich, sie tun sich weh, sie kämpfen um ihre Unabhängigkeit.…