Contrapposto
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2026
ISBN
9783462055689
Gebunden, 496 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Andrea O'Brien. Als Cricket herausfindet, dass er zeichnen kann, ist es Olympia, die sein Talent entfesselt. Mit einer ersten gemeinsamen Mutprobe beginnt eine lebenslange Verbindung, die alles überdauert: Kunsthochschulen, den absurden Hype des globalen Kunstmarkts, Kriege, Triumphe und tragische Verluste. Während Cricket in Olympia seine Bestimmung sieht, sucht sie stets nach dem nächsten Horizont - und dem nächsten Liebhaber. Doch in einer Welt voller Scharlatane und vergänglicher Trends bleiben sie die einzige Konstante des jeweils anderen.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 08.08.2026
Rezensent Yannic Walter kann Gefallen finden an Dave Eggers' Künstlerroman, mit dem dieser nach mehreren Tech-Dystopien überrascht. Es geht um den ambitionierten und idealistischen jungen Zeichner Cricket, der vom profanen Kunstmarkt mitsamt Selbstdarstellung und Verkaufstalent nichts wissen will, sondern beharrlich an seinen Kunstidealen von richtiger Technik und richtigem Ausdruck festhält - und dabei von seiner Liebe Olympia zunächst unterstützt, dann beargwöhnt wird. Die Handlung, die Crickets komplettes Leben nacherzählt, komme dabei zur Erleichterung des Kritikers zwar "altmodisch", aber nach amerikanischer Erzähltradition trotzdem schwungvoll-ereignisreich daher; auch, wie Eggers das Kontrapost - eine Körperhaltung antiker Statuen - erzählerisch verschiedentlich umsetzt, gefällt ihm meistens. Nur manchmal leidet darunter die Authentizität einzelner Figuren. Erstaunen bereitet ihm außerdem das nicht abreißende Glück des Protagonisten, der trotz innerer Zweifel und Zerrissenheit alle Nase lang von irgendwem für sein Talent entdeckt wird, und über Sex konnte Eggers noch nie gut schreiben, seufzt er. Trotzdem eine "gute Geschichte", die weder ins "Antiintellektuelle" noch ins "Missgünstige" kippt, muss Walter festhalten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.08.2026
Dave Eggers kann nicht nur Tech-Dystopie, sondern auch "Kunst und Liebe", staunt Rezensentin Susan Vahabzadeh. Überraschend analog geht es in seinem neuen Roman zu: Beginnend in den Achtzigern geht es um den passionierten Maler Cricket und um seine ganz anders gepolte Liebe Olympia, die im großen Stil den Kunstmarkt manipuliert, während Cricket sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Wie schon in anderen Romanen findet Vahabzadeh dabei die Figuren "besser gelungen als das große Ganze": wie selbstzweifelnd, aber trotzdem beharrlich an seinen Kunstidealen festhaltend Cricket gezeichnet wird, und wie schwungvoll und eigenwillig, aber trotzdem loyal Olympia auftritt, findet die Kritikerin beeindruckend. Aber auch das große Ganze ist dann doch immerhin sehr unterhaltsam zu lesen und stellt für sie interessante Fragen nach dem Wert von "altmodischer" Kunst oder dem Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk, lobt sie. Besonders schön findet sie außerdem die Passagen, in denen Cricket ganz bei sich und seiner Malleidenschaft sein darf; beim Zeichnen mit Kohle oder in der Bewunderung anderer Gemälde - hier merke man der Figur wie dem Autor die "Lust und Überzeugung" am eigenen Handwerk an, schließt Vahabzadeh.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2026
Spürbar zerrissen bespricht Rezensent Paul Jandl den neuen Roman von Dave Eggers, der so ganz anders ist als die Vorgänger: Denn in diesem Künstlerroman geht es nicht um KI, Technik oder unsere miserable Zukunft, sondern um das Paar Olympia und Cricket, die wir ein Leben lang begleiten dürfen. Cricket ist ein talentierter, aber wenig ambitionierter Künstler, Olympia wird zur berühmten Kuratorin, beide reisen getrennt voneinander um die Welt, bleiben aber doch im "Schwebezustand einer freundschaftlichen Liebe" eng verbunden. Wie Eggers die "Amour fou" der beiden, die irgendwann gemeinsam Lebensbilanz ziehen, beschreibt, findet Jandl erfrischend und kurzweilig. Nur ist dieser Roman leider auch Kunstbetriebssatire - und als solche ziemlich langweilig, seufzt der Kritiker. Zum einen sind die Passagen viel zu lang, zum anderen bieten sie nichts Neues, schon gar keinen eigenen Gedanken, so Jandl: Wie es in Chicagoer Galerien aussieht oder wie "verblasen" Kunstdiskurse sind, wusste er auch vorher schon. An der raffinierten Übersetzung von Andrea' O Brien hat er hingegen nichts auszusetzen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.07.2026
Ein wenig überrascht ist Rezensentin Miriam Zeh schon: Dave Eggers, für seine Tech-Dystopien berühmt, hat einen geradezu "altmodischen" Künstlerroman geschrieben. Und das gelingt ziemlich gut, findet die Kritikerin, die hier dem in prekären Verhältnissen im Mittleren Westen der USA aufgewachsenen Cricket bei seiner Künstlerwerdung folgt. Von früh auf besessen von der Malerei trifft er später auf Olympia, die Geliebte und Kuratorin seiner Arbeiten wird, beide reisen gemeinsam durch Galerien und Künstlerkolonien in den USA und Europa - die Rezensentin lernt dabei allerhand über die Gegensätze von Handwerk und Konzept oder Kunst und Markt. Vor allem aber sind es jene Passagen, in den Eggers, der selbst zeichnet, über das Malen als "Akt geduldiger Erkenntnis" schreibt, die Zeh bestechen: So viel wohltuender Raum für Langsamkeit und Aufmerksamkeit ist der Kritikerin ein derart willkommenes Antidot in Zeiten "digitaler Raserei", dass sie mit ein paar erzählerischen Längen gut leben kann.