Die Geschichte der Fotografie wird gern als Erfolgsgeschichte technischer Innovationen erzählt: Immer bessere Techniken wurden entwickelt, immer genauere Bilder hervorgebracht. Diese Erzählung vom stetigen Fortschritt durchkreuzt aber von Anfang an eine Geschichte der Störung, der Irritation und des Unfalls: Die Technik spielte nicht mit, Bilder schmolzen, verfärbten sich im Entwicklerbad oder verschwanden hinter unerklärlichen Wolken und Schleiern. Was unsichtbar bleiben sollte das Medium der Übertragung selbst kam unübersehbar zum Vorschein. Peter Geimer erzählt die Geschichte dieser fotografischen Erscheinungen: In den ersten Jahrzehnten der Fotografie gilt es, das fotografische Bild gegen immer neue Dämonen der Technik zu verteidigen. Um 1900 beginnt man, auch Unsichtbares zu fotografieren - Strahlen, Geister, Gedanken - und weiß plötzlich nicht mehr zu sagen, ob die entstandenen Bilder natürliche Phänomene zeigen oder Effekte der fotografischen Aufnahme selbst. Entfernte Galaxien oder Staub auf der Linse? Ein Abbild Christi oder zufällige Erscheinungen im Entwicklerbad?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.10.2010
Andreas Cremonini lobt Peter Geimers Buch über die Fotografie aus vollem Herzen und kann seiner Methode, das Thema über die "Gegengeschichte" der Fehlaufnahmen anzugehen, nur als ertragreich bewundern. Denn fehlerhafte oder zufällig entstandene Lichtbilder lenken den Blick auf die materiellen Produktionsbedingungen der Fotografie, die in 'gelungenen' Bildern unsichtbar sein sollen, erklärt uns der Rezensent. Von besonderem Interesse ist die Frage, ob es sich bei einem Foto um ein Abbild oder bloß um den Niederschlag des Produktionsprozesses handelt, wie der Autor an zwei fesselnden "Fallstudie", nämlich anhand einer frühen Aufnahme des Turiner Grabtuchs und der einst wissenschaftlich heiß diskutierten "Fluidalfotografie", durchdekliniert. Neben Wissenswertem zur Fotografietheorie nimmt sich der Band auch immer wieder Fragen zur Wissenschaftsgeschichte und zur Kunstphilosophie vor, so Cremonini beeindruckt. Dabei ist ihm besonders positiv aufgefallen, mit welcher Leichthändigkeit Geimer auch komplexe theoretische Fragen anschaulich werden lassen kann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2010
Mit größtem Interesse hat sich Beate Söntgen Peter Geimers Buch "Bilder aus Versehen" gewidmet, in dem er anhand zufällig entstandener Lichtbilder ein bislang vernachlässigtes Kapitel der Geschichte der Fotografie unter die Lupe nimmt. An den durch Launen der Natur oder durch wissenschaftliche Experimente entstandenen Bildern, die aus der Fotografie traditionell ausgeklammert werden, entspinnt der Autor eine fesselnde Debatte um die "unauflösbare Dialektik von Fakt und Artefakt", so die Rezensentin fasziniert. Sie referiert viele Beispiele aus Geimers Buch und sieht darin nicht zuletzt auch spannende "Wissens- und Wissenschaftskultur" beleuchtet. Söntgens lobt die Studie als erhellende Arbeit, die nachweist, dass der alte Streit, ob Fotografien als glaubwürdiges Abbild oder als bloßer Abdruck des Mediums zu verstehen sind, immer schon die falsche Frage stellt.
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