Zeit der Monster
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN
9783446284609
Gebunden, 288 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Der Ort ist ein Stadtviertel. Die Zeit ist die Apokalypse. Das glauben jedenfalls immer mehr, angestachelt von einer durchs Netz rasenden Prophezeiung. Durch das wilde, kaputte Viertel, in dem man trotz allem zusammenhält, streift währenddessen die junge Sanya, eine Pistole im Rucksack - bis sie eines Tages eine seltsame Gestalt trifft.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 21.08.2026
Ein "opulentes Vergnügen" ist Seyda Kurts Debütroman für den Rezensenten Leander Berger, der seinen Titel einem berühmten Gramsci-Zitat verdankt, das von der Zeit spricht, in der das Alte schon tot, das Neue aber noch nicht geboren ist. Kurt spielt mit diesem Zitat und den Elementen einer Art lokalen Dystopie, die im Kölner Stadtteil Kalk angesiedelt ist, wie Berger erklärt, es heißt, der Weltuntergang stehe kurz bevor, die Bevölkerung des ohnehin im Stich gelassenen Viertels dreht in religiösem Eifer durch. Dabei ist die angekündigte Apokalypse nur ein Trick der Fitnessstudiobetreiber Mira und Yousip, um die Bevölkerung zu politischem Aktivismus gegen eine Kanzlerin zu motivieren, die sehr an Alice Weidel erinnert, liest der Kritiker atemlos, aber die Bevölkerung ist viel zu verunsichert. Ziemlich viel kommt hier zusammen, meint er, von Kölner Karneval über assyrische Keilschrift bis zu Szenen, die an Gemälde von Pieter Brueghel erinnern. Den Überblick kann man kaum behalten und das soll man wohl auch nicht, glaubt der Kritiker. Er freut sich dennoch über die ironischen Kommentare der Erzählinstanz, die Figurenfülle und darüber, dass Kurt dem Viertel Kalk hier ein ziemlich cooles Denkmal setzt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.08.2026
Rezensent Paul Jandl nimmt erstmal Google Street View zur Hilfe, um sich Köln-Kalk zu verdeutlichen, den Schauplatz von Seyda Kurts Debütroman, der in echt viel nüchterner aussieht als in der Fiktion. Das Buch hat eine ziemliche "hohe Aufladungsintensität", findet der Kritiker: Heldin Sanya stolpert durch eine nicht näher bestimmte nahe Zukunft, ihre Ziehmutter Mira ist Rollstuhlfahrerin und Fitnessstudiobesitzerin, die auf TikTok Katastrophenprophezeiungen raushaut. Dazu gibt es mysteriöse Krankheiten und Überschwemmungen, auch die türkischen Grauen Wölfe und linke Guerillas tauchen auf. Zudem werden mesopotamische und aramäische Mythen aufgegriffen: So gibt es etwa einen Silberbecher, der magische Kräfte haben soll, was aber kaum näher erklärt wird. Für Jandl ist das bald zu viel Ideenfeuerwerk, denn alles schießt durcheinander. Anstatt dem von ihr ausgegebenen Ziel einer politischen Ausrichtung von Literatur gerecht zu werden, hat sich Kurt hier eher auf das Raunen verlegt, kritisiert er. Auch sprachlich kann ihn der Roman nicht überzeugen: Wenn gereimt wird, "Kartoffeln unter der Erde träumen tief/ Lauchzwiebeln: Stellungskrieg", ist ihm das zu dick aufgetragen. Das Dystopische unserer Zeit hat die Autorin Jandl zufolge eher im "Unglück der Gegenwart" gezeigt, das sich auf ungute Weise mit der wenig gelungenen Sprache paart, wie er schließt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.08.2026
Rezensentin Astrid Probst spaziert mit Şeyda Kurt durch den Kölner Stadtteil Kalk und bespricht nebenbei Kurts neues Buch. Es handelt sich um den ersten Roman der Sachbuchautorin, Ort der Handlung ist, eben, Kalk, die Autorin ist hier auch aufgewachsen. Freilich hat sie kein autofiktionales Buch geschrieben, vielmehr erzählt der Roman von elf Bewohnern des Stadtteils, darunter eine Kneipenbesitzerin, ein Pfarrer und ein Bürgermeister. Es geht einerseits um den Blick der Leute auf ihren Wohnort, den sie liebevoll "Sumpf" nennen, während von außen im Allgemeinen eher despektierlich auf Kalk geblickt wird. Andererseits taucht im Laufe der Handlung eine TikTok-Prophezeiung auf, die das Ende der Welt verkündet. Was den Roman außerdem auszeichnet: eine gleichzeitig rohe und lyrische Sprache und ein fragmentarischer Aufbau, der in einer fiebrig-halluzinatorischen Leseerfahrung resultiert. Was kommt bei all dem heraus? Ein herausforderndes Buch, aber auch ein "Buch für den Wandel, für den Widerstand", meint die ziemlich beeindruckte Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 25.07.2026
Wie einen "Fiebertraum" erlebt Rezensentin Jette Wiese den ersten Roman von Seyda Kurt, die sie schon als Autorin von Sachbüchern zu hochaktuellen Themen kennt. Auch dieses Buch ist von ihrer Auseinandersetzung mit den Zwängen des Bürgerlichen geprägt, erfahren wir: Die Apokalypse zwingt die Bewohner eines Stadtviertels, das die Kritikerin an den Kölner Stadtteil Kalk gemahnt, zum Kampf. Frei nach Gramscis Krisenformel ist dort die titelgebende "Zeit der Monster" angebrochen. Prinzipiell findet Wiese die Idee gut und auch die außergewöhnlichen Figuren gefallen ihr, wie zum Beispiel die körperbehinderte Fitnessstudio-Betreiberin Mira. Kurts historische Anspielungen, zum Beispiel auf eine real existierende Chemiefabrik aus dem 19. Jahrhundert und die "Missstände eines vergessenen Milieus", findet Wiese auch interessant. Leider ist die die Handlung oft recht unübersichtlich, so Wiese, auch die Figuren etwas zu klischeehaft gezeichnet. "Revolutionskitsch" vermeide das Buch weitgehend, allerdings vernimmt man in der Erzählstimme doch ein leises "Raunen" von der besseren Welt, die einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse erfordert. Schade eigentlich, findet die Kritikerin, diese mythische Dimension hätte das Buch gar nicht nötig, interessanter findet sie, wie Kurt den Widerstand der Figuren gegen Gruppen wie die "Grauen Wölfe" schildert.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 18.07.2026
Einen herausfordernden, lesenswerten Heimatroman hat Şeyda Kurt laut Rezensent Mladen Gladić geschrieben. Der Titel ihres Romans ist eine Anspielung auf Antonio Gramsci, lernen wir, es geht also weniger um reale Monster als um das Monströse in unserer Gegenwart. Die multiperspektivisch entworfene Handlung des Buches dreht sich unter anderem um Nabu, eine Frau, die eines Tages aus ihrem Elternhaus verschwindet, sowie um Sanya, die gemeinsam mit einer anderen, recht mysteriösen Figur nach Nabu sucht. Dabei blendet das Buch gelegentlich weit zurück bis ins Osmanische Reich, vor allem jedoch geht es viel um die Lokalgeschichte von Köln Kalk, ein Mord an einem Jugendlichen aus dem Jahr 2008 spielt eine Rolle, ebenso ein Einkaufszentrum; türkische Rechtsradikale haben einen Auftritt, dazu Musik von Beyoncé. Stilistisch erinnert der Text Gladić bisweilen an ein Prosagedicht. Alles in allem keine einfache, aber eine unbedingt bereichernde Lektüre, so sein Fazit.