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30.07.2026. Die taz lernt bei den diesjährigen "Rencontres de la photographie" in Arles, was "Hydrofeminismus" ist. Die Zeit erfährt von Christine Burgartz, wie die letzten Jahre der Schriftstellerin Brigitte Reimann verliefen. Der FAZ ist das von Gustavo Dudamel dirigierte Mahler-Konzert bei den Salzburger Festspielen geradezu zu perfekt. Außerdem besucht die FAZJuli Zeh auf dem Lande.
Lara Tabet, Le corps vitré, Canal de Marseille, bactériographie, impression UV sur verre, 2026. Foto: Laura Tabet und BMW ART MAKERS. Über vierzig Ausstellungen gibt es bei den diesjährigen "Rencontres de la photographie" in Arles zu sehen, freut sich Maxi Broecking in der taz. Unter dem Motto "World View" hat das Fotografie-Festival einiges zu bieten, zum Beispiel die Bilder der Künstlerin, Biochemikerin und Ärztin Lara Tabet: "Es sind Fotografien, die ohne Kamera entstanden sind. Taber verarbeitet hier Ideen über den 'Hydrofeminismus' der kanadischen Kulturtheoretikerin Astrida Neimanis, menschliche Körper seien fluide und über Wasserkreisläufe materiell mit der Umwelt verbunden. Dafür entnahm Tabet Wasserproben vom Mittelmeer - von seinen Häfen, Industrieanlagen, Fluchtrouten -, legte in einer Petrischale die vorhandenen Bakterienkulturen an und setzte diese dann auf Filmmaterial. Durch das fortlaufende bakterielle Zersetzen der aufliegenden Emulsion entstehen jene organischen Farbmuster. Sie machen sichtbar, wie ökologisch prekär das Meer als Lebensraum heute ist, aber auch wie die politischen Missstände der Mittelmeerregion im Gewässer ihre Spuren hinterlassen."
Weitere Artikel: Beate Scheder schreibt in der taz den Nachruf auf die fast hundertjährig verstorbene US-amerikanische Künstlerin Betye Saar. Ulf von Rauchhaupt berichtet in der FAZ über einen brisanten Fund aus der Altsteinzeit: "kaum daumennagelgroße" Elfenbeinskulpturen in Form zweier Vögel, gefunden im Hohle Fels bei Schelklingen. Besprochen wird die Gabriele-Stötzer-Ausstellung im Berliner Gropiusbau (Zeit).
In der FAZ porträtiert Jannis Koltermann JuliZeh in ihrem Wohnort, einem Dorf im brandenburgischen Havelland, wo die 1974 in Bonn geborene Schriftstellerin sich mal wieder als AfD-Wähler- und Ostdeutschen-Versteherin gibt: "Die Bestsellerautorin, die nach einer Tanznacht in Berlin durch brandenburgische Wälder spaziert und gegenüber einem Großstadtjournalisten die Wut der Landbevölkerung verteidigt: Damit ist Zehs Stellung in der deutschen Diskurslandschaft schon ziemlich gut bezeichnet. Mit so viel Nachdruck wie sonst kaum jemand setzt sie seit zehn Jahren die Unterschiede zwischen Stadt und Land auf die literarische und die politische Agenda." Allerdings zeigen sich in ihren Geschichten vom abgehängten, vom Staat verlassenen Ost-Provinz doch erhebliche Risse: Der ihrer Ansicht nach allein durch private Spenden finanzierte Spielplatz etwa wurde mit 50.000EurovomLandgefördert, auch ihr Lamento, dass hier kein Schulbus fahre, wird dadurch abgeschwächt, dass die Kinder dort mit dem regulären Stadtbus in die Schule gebracht werden, wie Tom Uhlig auf Bluesky darlegt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In "Was zwischen zwei Menschen geschieht" erzählt ChristineBurgartz von der Beziehung ihres Vaters RudolfBurgartz mit der SchriftstellerinBrigitteReimann, die er in in den Jahren vor ihrem Tod gepflegt hat, bevor er die Mutter seiner Tochter kennenlernte. Später verwaltete er auch Reimanns Nachlass. Dieser und die Aufzeichnungen ihres Vaters gestatteten Burgartz einen sehr privaten und wohl auch sehr intensiven Einblick ins Leben der Eheleute, wie sie im Zeit-Gespräch verrät: "Ich bin bei der Recherche immer wieder auf Szenen gestoßen, wo ich schlucken musste. ... Aus den Quellen geht hervor, dass er nicht immer bis ins Letzte würdevoll mit Brigitte Reimann umgegangen ist. ... Ich wollte die Dynamiken von machtmissbrauchendem Verhalten aufzeigen und sichtbar machen, wann eine Beziehung kippt. Brigitte Reimann war zuletzt komplett abhängig von ihm. Sie war eine großartige Schriftstellerin und eine mutige, unglaublich starke Frau - aber auch eine Frau, die sich in Liebesbeziehungen begab, in denen körperliche und psychische Gewalt herrschte. Mich hat immer beeindruckt, dass sie nach außen hin kein Blatt vor den Mund genommen hat, dass sie bereit war, Widersprüche auszuhalten und Dinge zu benennen, die unbequem waren. Aber in der Beziehung zu meinem Vater wurde viel geschwiegen."
Weitere Artikel: In der FAZ-Reihe zur USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Kai Sina über ToniMorrisons "Beloved". Besprochen werden unter anderem JohannaSebauers "Popóm" (Standard), Mœbius' Comic "Jäger und Gejagter" (taz), neue Comics zu politischen Themen, darunter TobiDahmens und AkramAlSauds "Al-Fazia' - das Grauen" (Tsp), JoannaBators "Die Flucht der Bärin" (Zeit), EnaKaterinaHalers "Die Schuldlosen" (FAZ) und SonyaWalgers "Löwe" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"Carmen" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Virginia Rota. Ziemlich enttäuscht ist Michael Stallknecht in der NZZ von der Eröffnungsoper der Salzburger Festspiele: Gabriela Carrizo inszeniert George Bizets "Carmen", Teodor Currentzis dirigiert. Ohne Zweifel ist Currentzis ein "grandioser" Dirigent, findet Stallknecht, aber hier kann er nicht überzeugen: "Das Utopia Orchestra spielt zentrale Stellen im Stehen, mit trennscharfem Klang, in gemeißelten Phrasen; auch der Utopia Choir ist ein Muster an Präzision. Aber eben deshalb klingt alles auch maximal kontrolliert, die Rhythmen fest noch im dionysischen Taumel der Kneipenszene. So verliert die Musik ihre Biegsamkeit, ihre Höflichkeit erst recht, zumal gegenüber den Solisten, denen Currentzis das Leben mit den gedehnten Tempi schwermacht, ebenso mit den Extra-Akzenten bei Bläsern und Schlagwerk. Mit knapp vier Stunden bleibt die Premiere nur knapp unter Wagner-Länge. Denn Currentzis hat einige Striche der Urfassung geöffnet, die Bizet für die Uraufführung im Jahr 1875 bei der Pariser Opéra-Comique eingereicht hatte."
In der Zeit brainstormed Christine Lemke-Matwey über die Bayreuther Festspiele, fehlende Übertitel bei Rienzi und Wolfram Weimers Vorab-Fotostory in der Bunten. Am Ende kommt sie auch nochmal auf die Friedman-Rede zu sprechen (unsere Resümees): "Abgesehen davon, dass der 70-jährige Friedman ein virtuoser Redner und Rhetoriker ist, dem das Publikum im Saal an diesem Vormittag ergeben folgte, fragt man sich: Und jetzt? Eilen die Wagner-Forschenden (für deren Arbeit sich der Redner leider gar nicht interessierte) zurück an ihre internationalen Schreibtische und fahnden mit neuer Leidenschaft nach Desideraten, Unentdecktem, noch längst nicht kritisch Aufgearbeitetem? Tritt die Familie zusammen, um dafür zu sorgen, dass auch die Nachlässe der beiden Komponisten-Enkelinnen und, wie ihre Brüder, Hitler-Vertrauten Verena Lafferentz und Friedelind Wagner der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Großartig wäre das, höchst wünschenswert. Um mehr zu verstehen und nicht mit den verstreichenden Jahrzehnten immer weniger."
Weitere Artikel: Wilhelm von Sternburg resümiert in seiner FR-Serie über die Geschichte der Bayreuther Festspiele die Jahre 1924-1944. Besprochen wird Jossi Wielers Inszenierung des Handke-Texts "Schnee von gestern, Schnee von morgen" bei den Salzburger Festspielen (mehr hier) und die zweite Folge der Bayreuther "Ring"-Inszenierung "Die Walküre", bei der ebenfalls mit KI gearbeitet wurde (SZ).
Das von GustavoDudamel bei den Salzburger Festspielen dirigierte Konzert der Wiener Philharmoniker - es gab Gustav Mahlers zweite Symphonie - war nach Ansicht von FAZ-Kritiker Gerald Felber in all seiner Perfektion dann doch zu sämig, kulinarisch, eingängig: "Die Klangmaschinerie schnurrte bestgeölt dahin", doch "waren der Symphonie weitgehend jene Stachel rebellisch wütender Verzweiflung und bitterer Ironie gezogen, die im schwarzkochenden Kopfsatz oder dem hurtig leerlaufenden Scherzo Mahlers weltumspannende Visionen grundieren. ... So können, wie die Menschen, auch Klänge domestiziert werden. Gänzlich anders der Klavierabend GrigorySokolovs, wo sich das genaue Gegenteil solch stromlinienförmiger An- und Einpassung offenbarte: ein grüblerisch-hypersensibles Erkunden und Sich-Verlieren, das in seinem Wissen um zeitliche Vergänglichkeit immer die Werke und ihre Schöpfer, aber, wie es schien, gleichzeitig auch den weit über siebzigjährigen Pianisten selbst meinte. Das konnte bis an die Ränder strukturellen Zerreißens führen wie beispielsweise bei manch aufklaffenden Pausen in den Ecksätzen von Franz Schuberts letzter, episch gedehnter Klaviersonate B-Dur." Mehr zu Sokolovs Konzert bei BR Klassik.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Axel Brüggemann spricht für Backstage Classical mit WolfgangRathert über dessen neue Karajan-Biografie. Michael Bremmer blickt für die SZ zurück auf 30 Jahre SportfreundeStiller (das dazu passende Filmporträt liefert die ARD-Mediathek). Leon Frei wundert sich in der SZ über den anhaltenden viralen Erfolg des so sagenhaft beknackten, wie schlichten Rap-Stücks "Aura" der Influencerin LeniWoess: "Man hatte das Feld des qualitativ niederschwelligen Musikinternets schon gänzlich an die KI verloren geglaubt, da rammen die Geschwister Woess eine riesige Flagge in den verbrannten Boden." In der FAZ schreibt Jan Wiele zum überraschenden Unfalltod des irischen Folkmusikers und Oscarpreisträgers GlenHansard.
Und eine weitere traurige Nachricht: Stefan Weiss meldet im Standard den Tod des französischen Elektroproduzenten DJKavinsky. Mit seinem auch von NicolasWindigRefn für den Film "Drive" (2011) aufgegriffenen Stück "Nightcall" aus dem Jahr 2010 brachte er die Vapor- und Synthwave-Ästhetik aus dem Internet-Underground der späten Nuller- in den Mainstream der retro-80s-verliebten Zehnerjahre:
Besprochen werden das neue Album von CharliXCX (FR, Zeit Online, mehr dazu bereits hier) und das neue Album der Strokes (NZZ).
Eine Welt ohne Außen: Pedro Almodóvars "Bitteres Fest" PedroAlmodóvar igelt sich zusehends ein - ins Kunstmilieu Madrids einerseits, in die eigene Lebensrealität andererseits, lautetPerlentaucher Nicolai Bühnemanns Befund nach "Bitteres Fest", den wir bereits gestern kurz resümierten. "Dass die Saturierung des großen spanischen Filmemachers sich auch auf das Umfeld der Figuren seiner Filme überträgt, ist umso bedauernswerter, als er früher einen Modus für die Darstellung abseitiger, nicht nur in sozialer Hinsicht prekärer Lebenswelten fand, der alle Fallen von Exotismus und Miserabilismus elegant und scheinbar mühelos umschiffte. ... An wunderschönen Schauwerten mangelt es in 'Bitteres Fest' so wenig wie irgendeinem anderen" Film des Spaniers, doch dafür fehlen dessen Filmen mittlerweile "eine gewissen Reibung, weil seine Geschichten über die vertrackten Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Realitätsebenen einfach kein Außen mehr kennen; weil sie sich nicht mehr wirklich für die sozialen Bedingungen des Milieus interessieren, von dem sie erzählen."
Pascal Ehrlich fragt sich auf critic.de ob der ziemlich meta gestaltete Film über einen Filmemacher nun "ein kritisches Alterswerk ist oder postmoderneSpielerei. Die Form selbst gibt darauf keine Antwort mehr: Die Ebenenverschachtelung ist längst Konvention geworden und sie hat einen unangenehmen Nebeneffekt - die Mise en abyme ist immer auch ein Dementi. Wo alles Zitat ist, muss nichts eingestanden werden. Meine Antwort lautet deshalb: mehr business as usual als tatsächliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Almodóvar bleibt seinen Alter Egos gegenüber zu nachsichtig, die Selbstanklage ist so elegant ausgeleuchtet, dass sie sich wie ein Kompliment anfühlt." Weitere Besprechung im Standard, in der FAZ, Zeit und SZ.
Außerdem: Serien versprachen doch in den goldenen Nullerjahren, der Roman des 21. Jahrhunderts zu werden - aber immer mehr heutige Serien binden ihr Publikum nur noch mit exzessivenGewaltdarstellungen "und anderen Schockeffekten" an die Empfangsgeräte, ärgert sich Daniel Gerhardt in der Zeit. Silvia Szymanski erinnert in ihrer critic.de-Reihe zum deutschenGangsterfilm an FatihAkins "Kurz und schmerzlos" von 1998.
Besprochen werden OliviaWildes Beziehungs-Tragikomödie "The Invite" mit ihr selbst, Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton (Perlentaucher, FR, Welt), David Schalkos Serie "Braunschlag 1986" (Tsp), Destin Daniel Crettons neuer "Spider-Man"-Film (Tsp, taz, Welt, FR, Standard, NZZ, SZ) und der ARD-Film "Servus Eddie - Spätes Glück" mit GüntherMariaHalmer in seiner letzten Rolle (FAZ). und
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
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