Efeu - Die Kulturrundschau

Maschinen machen keine Erfahrungen

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10.08.2026. Die monumentalen Bilder von Anne Loch ziehen die NZZ in Bern in ihren Bann. Außerdem ist sie fasziniert vom experimentellen Jazz von Domi & JD Beck. Was geschieht mit dem Bauhaus-Weltkulturerbe bei einem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt, fragt der TagesspiegelWolfgang Matz ärgert sich in der FAZ über die Seelenlosigkeit von KI-Literatur. "Game of Thrones"-Fans können laut SZ nun nach Stratford-upon-Avon pilgern, wo gerade ein Prequel auf der Bühne zu sehen ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2026 finden Sie hier

Kunst

Anne Loch, AL 235, 1987, Acryl auf Nessel, 280 × 370 cm (2-teilig), Nachlass Anne Loch. Foto: Dominique Uldry, Bern.


Im Berner Zentrum Paul Klee lernt Susanna Koeberle für die NZZ die Künstlerin Anne Loch kennen, die zurückgezogen in der Schweiz lebte. Ihre so monumentalen wie radikalen Bilder lassen sich in der Ausstellung "Malerei: Na und?" entdecken: "Ihr Werk umfasst über 1.400 Bilder, die meisten davon großformatig. Wobei großformatig angesichts eines fast sechs Meter breiten und zwei Meter hohen Werks, das eine Ziegenherde zeigt, eher untertrieben ist. Man müsste viel eher von monumental sprechen. Diese unglaublichen Dimensionen schaffen einen Bruch zu den traditionellen Motiven ihrer Kunst. Durch ihre Vergrößerung erscheinen Lochs Blumen, Berge und Bäume eben nicht als lieblich, sondern beinahe als monströs und bedrohlich. Natur ist hier nicht idyllisch, sondern überwältigend. Dennoch oder gerade deswegen besitzen Anne Lochs Werke eine Sogkraft und Radikalität, wie man sie selten kennt von Naturdarstellungen. Blaue Blumen auf weißem Hintergrund ragen über zwei Meter in die Höhe und wirken schemenhaft kühl. Berglandschaften zerfallen in einzelne Farbfelder oder scheinen sich in schwarze Striche aufzulösen. Rote Pfingstrosen zoomt die Malerin so nahe heran, dass man als Betrachterin fast darin versinkt."

Weiteres: Monopol unterhält sich mit Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über Trumps Angriffe auf Museen. In der FAZ erfährt man, dass Ackermann in Berlin nun die Renovierung eines weiteren Museums auf der Museumsinsel ankündigt - das Alten Museum ist nun "auch bald zu". Monopol reist außerdem nach Konotopie in Polen, wo diese Woche eine 55 Meter hohe Marienstatue enthüllt wird.

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Edmund Kesting. Avantgardist" im Kunstmuseum Moritzburg in Halle/Saale (Berliner Zeitung) und "Cabinet of Wonders: Lothar Osterburg back from Brooklyn" im Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig (taz).
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Architektur

Nicola Kuhn fürchtet im Tagesspiegel, dass es für das Weltkulturerbe Bauhaus in Dessau ungemütlich werden könnte, sollte die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen. Hans Thomas Tillschneider, der kulturpolitische Sprecher der Partei, belegt das Bauhaus jetzt schon mit den gleichen Begriffen wie die Nationalsozialisten in den 1930ern: "Hinter den Angriffen auf Bauhaus und seine Bedeutung für die internationale Architekturgeschichte steckt mehr. Tillschneiders Rhetorik verrät einen Kulturkampf: Wir gegen die globale Gesichtslosigkeit, Heimattümelei gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins an anonyme internationale Mächte. In dieses Bild passen auch die Triumphbauten, die Trump hochziehen lässt, Herrschergesten, die vor ihm Potentaten wie Nicolae Ceaușescu oder Recep Tayyip Erdoğan bereits demonstrierten. Ihre Stadtumbauten kommunizieren wie schon bei den Nationalsozialisten eine völkische Identität, ein Zugehörigkeitsgefühl, das gleichzeitig den Ausschluss aller anderen signalisiert. In seinem Antrag vor zwei Jahren im Vorfeld des Jubiläums '100 Jahre Bauhaus' hatte Tillschneider gefordert, das Motto 'modern denken' in 'deutsch denken' umzuwandeln. Er war damit damals gescheitert. Dahinter steckt die Strategie, die Moderne pauschal zu diskreditieren und durch eine eigene Vision von Kultur zu ersetzen."

Weiteres: Für den Tagesspiegel spricht sich Nikolaus Bernau dagegen aus, die Berliner Voßstraße dort zu bebauen, wo einst Hitlers Reichskanzlei stand. Das Alte Museum soll als letztes Gebäude der Berliner Museumsinsel in den 2030er Jahren generalsaniert werden, weiß die FAZ.
Archiv: Architektur

Musik

NZZ-Kritiker Ueli Bernays ist vom maximalistischen Virtuosentum von DOMi & JD Beck zwar nicht restlos begeistert, aber staunenswert findet er allemal, was das experimentelle Jazz-Duo auf seinem neuen, auf Blue Note veröffentlichten Album "Who Asked" alles abfeuert: "Die vier-, fünfminütigen Stücke faszinieren durch die Ereignisdichte und die flirrenden Klangströme. Und abermals profilieren sich die beiden Virtuosen durch ihre elektrisierende Schlagfertigkeit. Gewöhnungsbedürftig ist hingegen der Gesang. Wenn JD Beck die Melodie intoniert, die Domi im Diskant verziert, klingen sie stimmlich ausdruckslos wie Automaten. Das hinterlässt im Sound zwar eine Science-Fiction-Tönung, wirkt zunächst etwas monoton. Mit der Zeit scheinen die Gesänge aber immer enger mit all den schabenden, surrenden, zirpenden, klirrenden, flötenden, geigenden Klängen zusammenzuwachsen und den Zauber einer Fantasy-Musik zu evozieren. Man denkt an ein musikalisches Vexierbild aus technoiden Klängen und Naturgeräuschen."



Außerdem: Achim Heidenreich spricht in der FAZ mit dem Trompeter Reinhold Friedrich. Anna Kardos porträtiert in der NZZ am Sonntag die Klassikvermittlerin Sarah Willis. Ronald Pohl verneigt sich im Standard vor den Prog-Urgesteinen von Yes.

Besprochen werden ein Konzert von Crippling Alcoholism in Berlin ("Das Theatralische dieser Performance hat etwas Befreiendes", schwärmt Benjamin Moldenhauer im ND), ein von Tugan Sokhiev dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker mit Lang Lang (Standard), ein Konzert der Jazzrausch Bigband im Kloster Eberbach (FR) sowie neue Alben von Charli XCX (FAZ), Kurt Vile (FAZ), Simone Kermes (FAZ) und Arca ("Das Chaos ist kontrolliert, es gibt darin unheimlich viel zu entdecken", verspricht Helene Slancar im Standard).

Archiv: Musik
Stichwörter: Domi & Jd Beck, Jazz

Literatur

In der FAZ ärgert sich der Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz ziemlich über seinen Zunftkollegen Erik Schilling, der kürzlich in der FAZ dafür plädiert hat, mit der KI in der Literatur einen Modus Vivendi zu finden (unser Resümee). Dass ein Literaturwissenschaftler im Interesse an handgemachter Literatur nichts als "Narzissmus, Voyeurismus, Wohlbehagen" erkennen will, wurmt Matz sehr: "Vielleicht interessiert er sich gar nicht für die recht einfache Antwort, warum Menschen sich für das interessieren, was andere Menschen denken, sagen, schreiben. ... Man schreibt, man liest, um Erfahrungen festzuhalten, zu teilen, weiterzugeben. Maschinen machen keine Erfahrungen. ... Was sollte mich daran interessieren, wenn mir die KI eine 'Italienische Reise' schreibt? Ein Liebesgedicht? Einen Roman über Krieg und Frieden, immer wieder aktuell - und meinetwegen 'sogar besser als der Mensch'? Die Antwort ist sehr einfach: nichts. Erfahrungsfreie Literatur ist nicht nur uninteressant, belanglos und sinnfrei, sie ist gar keine Literatur."

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow berichtet im taz-Gespräch mit Jens Uthoff von einer eher ermattenden Ukraine: Kriegsaufzeichnungen etwa sinken in der Gunst der Aufmerksamkeit des literarischen Publikums. Auch die Debatte um die Entkolonisierung des Landes habe merklich an Momentum verloren: "Sie ist vor allem kontraproduktiv. Es gab so viele Diskussionen auf Social Media über Bulgakow, das ist eine gute Werbung für seine Bücher! Die Bücher dieser Autoren werden dadurch eher mehr gelesen als weniger, das gleiche wird mit Isaak Babel passieren. ... Wir müssen objektive Biografien veröffentlichen und diese Schriftsteller als Teil der ukrainischen Literatur und Kultur erforschen, ihren Einfluss und ihre Kreise untersuchen. Wir dürfen nicht die sowjetische Methode wiederholen, die biografische Fakten über wichtige historische Persönlichkeiten verschwieg, andere als übertrieben darstellte und wieder andere erfand. Bulgakow zu verteufeln ist töricht."

Die Historikerin Magdalena Saryusz-Wolska erinnert in der FAZ an Hans Scholz' vor 70 Jahren in der FAZ in Fortsetzungen erschienenen Roman "Am grünen Strand der Spree", in dem sich eine Berliner Männerrunde nach Decameron-Manier Episoden aus den Kriegsjahren erzählt. Zwar passe sich der Roman "an die damals herrschenden Diskursregeln" an - aber dass das Massaker der Wehrmacht an der jüdischen Bevölkerung im belarusischen Oscha Einzug in die Erzählung fand, sei dennoch bemerkenswert: "Für den damaligen Umgang mit der Kriegsvergangenheit ungewöhnlich, betont 'Am grünen Strand der Spree' den besonderen Opferstatus der Juden. Ferner liefert Scholz die bis dahin umfangreichste Beschreibung eines Massenmords abseits der Lager. ... Mit klaren Worten benennt er zudem die NS-Rassenideologie. ... In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit der Fünfzigerjahre war so etwas alles andere als selbstverständlich: Ein Wehrmachtsoldat gibt offen zu, Massenerschießungen von Juden beobachtet zu haben."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Deniz Utlu (Tsp) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren der Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar zum 80. Geburtstag. Manfred Rebhandl plauscht für den Standard mit der Krimiautorin Petra Hartlieb.

Besprochen werden unter anderem Heinz Strunks "Memories of Heidelberg" (Standard), Tanja Kokoskas "Guten Morgen, schönes Wetter heute" (FR), Elena Fischers "Wirf einen Schatten" (NZZ am Sonntag), Maria Revas Debütroman "Ein Königreich für eine Schnecke" (NZZ) und Antonia Baums "Mein Leben als Frau" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

"The Mad King". Bild: Johan Persson.


Während Fans noch immer auf das Finale der Romanreihe George R.R. Martins warten, verkürzt sich Alexander Menden für die SZ die Wartezeit auf den letzten Band "Game of Thrones" in Stratford-upon-Avon, wo der Dramatiker Duncan Macmillan und der Regisseur Dominic Cooke mit der Royal Shakespeare Company ein Theaterstück auf die Bühne bringen. Die Handlung von "The Mad King" ist zwanzig Jahre vor der Handlung der Fernsehserie angesiedelt, der "irre König" Aerys II. Targaryen, gespielt von Michael Shaeffer, wird ermordet. Auf Shakespeare-Niveau ist die Inszenierung vielleicht nicht, aber spektakulär allemal: "Ein gewaltiger 'Herzbaum' mit in den Stamm geschnitztem Gesicht und rotem Blattwerk wächst aus der Bühne, ebenso wie der aus Schwertern geschmiedete Eiserne Thron, der hier noch monströser aussieht als in der Fernsehserie. Die kreuzförmige Bühne, die sich durch den gesamten Zuschauerraum zieht, überspannt ein Bogen wie ein metallener Ring, aus dem bei Bedarf Balkone klappen oder sich Banner entrollen können. Darunter treten Ritter zu Pferd in Turnier und Schlacht gegeneinander an, Drachen fliegen durch den Saal - eine raffinierte Mischung aus Puppenspiel und menschlichen Akteuren, unterlegt von einer nahezu ununterbrochenen, sehr lauten Klangkulisse, halb Mittelaltermarkt, halb Videospiel-Soundtrack."

Weiteres: Sandra Luzina berichtet für den Tagesspiegel von der Eröffnung des Berliner Tanzfestivals "Tanz im August". Jens Fischer berichtet für die taz vom Kampnagel-Sommerfestival "hope!". Nachtkritik, Welt und FR schwimmen im Volksbühne-Freibad (unser Resümee).

Besprochen werden: Gabriela Carrizos Inszenierung von Bizets "Carmen" bei den Salzburger Festspielen (FR).
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Film

Wie sich das Bewusstsein der Katastrophe formiert: Angelina Jolie in "Couture"

Daniel Haas ist in der NZZ absolut überwältigt von Angelina Jolie in Alice Winocours autobiografisch grundiertem Brustkrebs-Drama "Couture": "Jolie spielt die Frau, deren Leben bislang um Kunst und die Karriere kreiste und die nun alles aufgeben soll, ohne große Gestik, ohne zur Schau gestellte Erregung oder Verzweiflung. Sie kann in ihrem Blick so viel Kummer ansammeln und gleichzeitig mit Contenance verhärten, dass einem der Atem stockt. Wie sie den Übergang von der disziplinierten Karriereartistin zur tief verunsicherten Frau, deren Leben zu zerbrechen droht, darstellt, wie sie dieses sich über die Zeit formierende Bewusstsein der Katastrophe in Mimik, sprachlichen und gestischen Ausdruck übersetzt, das ergibt eines der besten Kinoporträts eines Menschen im Ausnahmezustand seit langem."

Besprochen werden Hanna Bergholms Horrorthriller "Nightborn" (Standard, unsere Kritik) und Grégory Magnes "Der Klang der Stradivari" (FAZ).
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