Efeu - Die Kulturrundschau

Kauderwelsch des Schreckens

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2026. Wo sind die großen Namen auf der Longlist, fragen sich die Feuilletons: Die haben keinen Nerv mehr, umsonst Preisverleihungen absitzen zu müssen, glaubt die SZ. Es gibt kein amerikanisches Kino, behauptet James Gray in der Welt. Die Universität der Zukunft gibt es schon, meint die FAZ mit Blick auf einen Flachbau von Hans Scharoun. Der Perlentaucher erkennt in Emmanuel Mourets "Drei Freundinnen" was die Liebe mit dem Erzählen macht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2026 finden Sie hier

Literatur

Die Longlist für den Frankfurter Buchpreis ist da, auch wir Perlentaucher stellten überrascht fest, wer fehlte: Angelika Klüssendorfs Roman "Trost" etwa, Heike Geißlers "Michaela Kohlhaas" oder Christoph Peters' "Entzug". Marie Schmidt (SZ) vermisst derweil Romane von Maxim Biller, Eva Menasse oder Lutz Seiler, die erst im Herbst erscheinen werden - und mutmaßt aber, "dass gerade bekannte Autoren sich dem Preis verweigern und ihre Bücher nicht einreichen lassen. Nominierten-Lesungen, Interviews und die Preisverleihung absitzen zu müssen, um dann doch mit leeren Händen nach Hause zu gehen, hat schon manchen den letzten Nerv gekostet." Auch Gerrit Bartels vermisst im Tagesspiegel große Namen wie Daniel Kehlmann oder Sven Regener, findet die Auswahl aber gelungen - und kürt mit Lukas Rietzschel, Peggy Mädler und Svenja Leiber seine Shortlist-Favoriten. In der taz fällt Julia Hubernagel indes auf, wie wenige der nominierten Romane nicht der eigenen Biografie entlehnt sind. 

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Die Österreicher gehen kreativer mit der Sprache um als die Deutschen, erklärt Eva Menasse im Gespräch mit dem Tagesspiegel den Titel ihres morgen erscheinenden Romans "Alleinruhelage". Überhaupt scheint sie Österreich inzwischen Deutschland vorzuziehen: "Als ich 1999 kam, war das hier in Berlin wirklich so: Aufklärung, Offenheit, Geschichtsbewusstsein, Berlin wurde gerade zu dieser unglaublich flirrenden, internationalen Stadt. Jetzt geht das alles langsam wieder zu, und ich frage mich, warum ich mich mit den deutschen Reaktionären und Rechtsextremen auseinandersetzen soll, ich kenne doch schon die aus Österreich recht gut."

Weitere Artikel: Am 14. August wäre René Goscinny hundert Jahre alt geworden - Grund genug für Martin Zips (SZ) in dessen Pariser Archiv vorbeizuschauen und mit dessen Tochter Anne zu plaudern. Gerrit Bartels resümiert im Tagesspiegel den Auftakt der Gesprächsreihe, die der PEN Berlin anlässlich der Landtagswahlen in Bitterfeld-Wolfen machte und in der unter anderem Deniz Yücel über Heimat und Demokratie sprach.

Besprochen werden unter anderem Sandro Veronesis "Schwarzer September" (taz), Karosh Tahas Roman "Gulistan" (FR). Asma Mhallas "Cyberpunk" (SZ), und verschiedene Bücher zu Architektur, darunter Winfried Nerdinger: "Le Corbusier" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

Salzburger Festspiele - Europa. © Magda Hueckel

Uneins sind sich die Kritiker über Wajdi Mouawad und Krzysztof Warlikowskis "Europa". Der libanesisch-französische Autor und der polnische Regisseur verantworten gemeinsam diese Produktion des Nowy Teatr Warschau, das auf den Salzburger Festspielen zu sehen ist. Gabi Hift zeigt sich auf nachtkritik tief beeindruckt von einem Stück, das die antike Tragödie mit politischen Verwerfungen der Gegenwart kurzschließt: "Immer wieder wird es einem zu viel, man möchte sich diese Geschichten vom Leib halten, sie als Kolportage abtun, als obszönes Drehbuch für ein Splatter-Movie. Aber die großartigen SchauspielerInnen lassen diese Sichtweise nicht zu. Auf der Bühne stehen lauter echte Menschen, alle gänzlich unsentimental. (...) Wenn dann aus Andrzej Chyra als Europa mitten in der verächtlich distanzierten Erzählung für Augenblicke die hohe panische Stimme eines kleinen Mädchens herausbricht, trifft einen das wie ein Schlag in die Magengrube."

Ronald Pohl hingegen äußert sich im Standard reichlich genervt: "Vollends ärgerlich erscheint Mouawads Bestreben, die Vorspiegelung schlimmster Bluttaten in ein Kauderwelsch des Schreckens umzuformen, als gäbe es wirkliche Schandtaten nicht ohnehin wie Sand am Meer. Der 'Samentropfen des Massakers' wird in dieser Orgie sauersten Kitsches als poetisches Kleingeld weitergereicht. Man wünscht dem Tragödiendichter ein kleines Brecht'sches Organon zur Lektüre, zur Auflösung der Frage, wie man den Menschen aus seiner Schicksalsverfallenheit befreit. Europa gleicht einer Dosis Sarah Kane für Arme".

Außerdem: Das vielbeachtete Volksbühnen-Schwimmbad ist schon wieder zu, meldet unter anderem der Tagesspiegel. Grund ist, Berliner wird's nicht überraschen, ein Defekt. Manuel Brug besucht für die Welt das Buxton International, ein in einem Nest südlich von Manchester angesiedeltes Opernfestival. Christian Gohlke erinnert in der FAZ an "Die Gartenlaube", eine Zeitschrift des 19. Jahhunderts, die 1876 über die ersten Bayreuther Festspiele berichtete.
Archiv: Bühne

Kunst

Maria Clara Eimmart - Facie Solis. Quelle: SBB-PK, Kartenabteilung


Birgit Rauschert erinnert in der FAZ an die vergessene Nürnberger Künstlerin Maria Clara Eimmart (1667 bis 1707). Insbesondere in ihrer Heimatstadt erinnert praktisch nichts an ihr Werk, das teilweise andernorts, wie etwa in Sankt Petersburg, überliefert ist. Der Anlass für Rauscherts Text ist tagesaktuell: Eimmart hielt die Sonnenfinsternis vom 12. Mai 1706 bildlich fest - ihre lange verschollene Zeichnung ist nun in der Berliner Staatsbibliothek ausgegraben worden. Das Bild "zeigt die Sonnenfinsternis des Jahres 1706, bei der die Scheibe des Mondes zentral vor der Sonne steht und damit den Höhepunkt des Himmelsereignisses festhält. Der feurige Ring der 'Corona' lässt die Dunkelheit des Mondes umso stärker hervortreten. Den Hintergrund bildet ein tiefes Aquamarinblau, das an den Rändern des Blattes immer intensiver wird. (...) Die Preziose besitzt eine Sachlichkeit und Modernität, als habe Eimmart der naturwissenschaftlichen Zeichnung weniger einen künstlerischen als vielmehr einen mathematisch-abstrakten Charakter verleihen wollen."

Außerdem: Silke Hohmann ärgert sich auf monopol über die Netzskulptur der Künstlerin Janet Echelman, die in Frankfurt über der Konstablerwache aufgespannt wurde (unser Resümee). In der BlZ wiederum ärgert sich Ulrich Seidler darüber, dass der britische Staat ein Wandbild von Banksy auf Kosten der Steuerzahler entfernen lässt. In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Fotograf, Sammler und Kurator Wilhelm Schürmann zum Achtzigsten. Hans-Joachim Müller porträtiert in der Welt den Kunsthändler Michael Werner.

Besprochen werden die Schau "Everybody" im Berliner Georg-Kolbe-Museum (Tagesspiegel), die Ausstellung "Fiesta Mexikana", die die Dresdener Galerie Holger John dem deutsch-amerikanischen Künstler Oliver Estavillo widmet (BlZ) und zwei Filme von Mila Zhluktenko und Daniel Asadi Faezi, die in IBB-Videoraum der Berlinischen Galerie zu sehen sind (taz).
Archiv: Kunst

Film

India Hair und Vincent Macaigne in "Drei Freundinnen".

Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster ist rundum begeistert von "Drei Freundinnen", dem neuen Film des französischen Meisterregisseurs Emmanuel Mouret, der in den letzten zwanzig Jahren ein "auf unaufdringliche Weise eigensinniges Werk" geschaffen habe. Im "Zentrum seiner stets komödiantisch, manchmal und, im Fall des hier besprochenen mehr denn je, auch tragisch grundierten Filme steht einerseits stets, explizit, die Liebe; und andererseits, implizit, die Frage, wie man von ihr erzählen kann. Oder auch, anders herum: was die Liebe mit dem Erzählen macht" Der neue dreht sich um drei Frauen, um die mehr als drei Männer herumschwirren. "Zur Beziehungs-Farce, die in der Figurenkonstellation (...) durchaus angelegt ist, teils zum Greifen nah scheint, wird der Film nie. Anstatt sich in Schlüpfrigkeit und Indiskretion zu entäußern, bleiben die Spannungen, Sehnsüchte, Enttäuschungen und Hoffnungen, die die Liebe mit sich bringt, tendenziell in Figurensubjektivität eingeschlossen."

Hildegard Schmahl und Corinna Harfouch in "Im Spiegel meiner Mutter"

Andreas Kilb ist in der FAZ angetan von Jutta Brückners Film "Im Spiegel meiner Mutter", in dem Corinna Harfouch eine kinderlose Archäologin spielt, die nach dem Tod der eigenen Mutter in eine Lebenskrise gerät. Für Kilb ist der Film ein "Fundstück in der planierten Landschaft des deutschen Gegenwartskinos"; denn er "ist unverkennbar von der Ästhetik des Frauenfilms der Siebzigerjahre inspiriert, einer Bewegung, die sich nicht nur gegen patriarchale Frauenbilder, sondern auch gegen kulturindustrielle Konventionen des Erzählens richtete. Eine Geschichte im landläufigen Sinn gibt es hier nicht, nur Assoziationen, Zeitsprünge, filmische Mosaiksteine, die sich zum Porträt einer von ungelebtem Leben innerlich vergifteten Frauenfigur zusammenfügen."

James Gray, aktuell mit seiner Milieustudie "Paper Tiger" in den Kinos, hat in Locarno den Preis für sein Lebenswerk erhalten. Im Welt-Gespräch mit Jan Küveler stellt er die These auf, dass es gar kein amerikanisches Kino gibt: "Das amerikanische Kino wurde - von Walt Disney und Darryl Zanuck abgesehen - größtenteils von Migranten geschaffen, darunter vielen osteuropäischen Juden, die in die Vereinigten Staaten kamen und dort eine Industrie aufbauten. Wer hat die wunderbare Sprache des Erzählkinos entwickelt? Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Fritz Lang, William Wyler, Alfred Hitchcock aus England, Douglas Sirk, Robert Siodmak, so viele. Was Deutschland zum amerikanischen Kino beigetragen hat, ist unermesslich. Dazu Frank Capra, ein Italiener. Der einzige wirkliche Amerikaner ist im Grunde Howard Hawks - und seine Filme wirken folgerichtig ganz anders."

Weitere Artikel: Christine Dössel gratuliert dem Schauspieler Gerd Anthoff in der SZ zum Achtzigsten. Gut, dass es in den USA und in Deutschland inzwischen einen gewissen Rechtsschutz gibt, der Schauspieler vor der posthumen Wiederbelebung ihrer Bilder durch KI schützt, atmet Lisa Berins in der FR auf - aber was ist mit Privatpersonen? "Jeder Mensch, von dem jemals - sei es nur aus Versehen - ein Foto oder Video gemacht wurde, könnte in der Zukunft in realitätsnah erscheinenden Clips Dinge treiben, die er zu Lebzeiten nie getan hätte. Oder beispielsweise in KI-Trainingsdaten verschluckt und als 'Werbegesicht für Pickelcremes' wieder ausgespuckt werden, wer weiß." In der NZZ porträtiert Tobias Sedlmaier die Schauspielerin Zoe Saldana.

Besprochen werden außerdem Roderick Warichs Film "Funeral Casino Blues" (taz) und George Jacques' "Sunny Dancer" (Tagesspiegel).
Archiv: Film
Stichwörter: Gray, James, Brückner, Jutta

Architektur

Wie schaut die Universität der Zukunft aus? Hans Scharoun hat sie, glaubt Isabelle Dolezalek der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in der FAZ, schon vor über 60 Jahren entworfen. Der Architekt verantwortete damals den Flachbau der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin (TU) am Ernst-Reuter-Platz. Das Gebäude überzeugt bis heute unter anderem darin, wie es mit Tageslicht arbeitet. Dadurch "entsteht jene ungewöhnliche Klarheit, die Orientierung schafft und das Arbeiten in diesem Haus bis heute prägt. Eingangshalle, Freitreppe, Galerien, Bibliothek, Seminarräume und Büros gehen nahezu bruchlos ineinander über. Kaum irgendwo endet der Blick an einer Wand. Sichtachsen verbinden Geschosse, Arbeitsräume und Brücken mit Himmel und Bäumen; Innen- und Außenraum greifen ebenso selbstverständlich ineinander wie Universität und Stadt. Schon beim Betreten spürt man: Dieses Haus entlastet die Augen und ordnet die Gedanken."

Arne Schirrmacher wundert sich hingegen ebenfalls in der FAZ darüber, dass an der TU kaum jemand etwas über die Geschichte des Studentenhauses weiß. Der repräsentative NS-Bau überlebte - als einziges Gebäude der Uni - den Krieg und wurde später zu einem Studentenwohnheim umfunktioniert. "Man möchte dem Studierendenwerk dazu gratulieren, dass durch die neue Nutzung des Studentenhauses mit seinem 'Freiraum' für explorative, unabhängige und keiner Erziehungsdoktrin verpflichtete studentische Projekte ein Weg gefunden wurde, einen Ort der NS-Erziehung und Propaganda zu überschreiben. Doch bisher habe ich niemanden im Studierendenwerk getroffen, der das als bewusste Entscheidung gesehen hätte. Es ist wohl eher ein historischer Zufall vor dem Hintergrund historischen Desinteresses."
Archiv: Architektur

Musik

Im Jahr 1980 wurde Antonin Artauds verbotenes Hörspiel "Pour en finir avec le jugement de Dieu" ("Schluss mit dem Gottesgericht") erstmals auf Deutsch veröffentlicht, Wolfgang Rihm begann sofort mit der Komposition einer Musik zu dem darin enthaltenen Gedicht "Tutuguri", in dem Artaud seine Erfahrungen beim indigenen Stamm der Tarahumara in Mexiko verarbeitete, erinnert Eleonore Büniung in der NZZ. "Tutuguri" hat keine Handlung und kaum Text - und so kann erst eine konzertante Aufführung "die eigentliche Sensation … adäquat zur Geltung bringen: als ein revolutionäres, sinnlich-körperlich erschütterndes Hörtheater, das zu einem Gesamtkunstwerk wird aus Tönen und Geräuschen, Schrei und Klang, Symbol und Farbe, Gedanken und Erinnerungen", schwärmt Büning, nachdem sie Jörg Widmanns Interpretation beim Lucerne Festival gehört hat: "Bereits im ersten Bild von 'Tutuguri', nach einem gewaltigen, orgelartigen Crescendo-Höhepunkt, tritt erstmals auch ein Chor in Erscheinung, vom Band zugespielt. Er tut das rhythmische Mantra aus dem Meskalinrausch kund, welches Artaud seinem Gedicht als schützende Zauberformel vorangestellt hat: 'Kré/kré/pek/kré/puk/kruk' und so fort." Hier ein Ausschnitt einer älteren Interpretation:



Besprochen wird außerdem ein Konzert mit Werken von Beethoven und Schumann, dirigiert von Daniel Barenboim mit seinem West Eastern Divan Orchestra im Kurhaus Wiesbaden (FR).
Archiv: Musik