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28.08.2026. In der SZ erzählt der libanesisch-kanadische Autor Wajdi Mouawad, wie er von seiner maronitischen Familie dazu erzogen wurde, alle zu hassen - außer Christen. FAZ und critic.de begeben sich mit Will Gluck eine vergnügte Nacht lang auf die Jagd nach einem Kondom. Der Guardian lernt in London, wie der südkoreanische Maler Ha Chong-Hyun die Geschichte seines Landes durch die Rückseite seiner Bilder presste. Der Tagesspiegel erinnert zum 75. Geburtstag der Berliner Festspiele daran, wann der Versuch, Brücken nach Osten zu bauen, schief ging.
Für die SZ trifft sich Christine Dössler mit dem libanesisch-kanadischen Autor Wajdi Mouawad, dessen Stück "Europa" gerade erst bei den Salzburger Festspielen zu sehen war (unsere Resümees). Ausgangspunkt vieler seiner Arbeiten sei das Bus-Massaker von Ain el-El Remmaneh in Beirut am 13. April 1975, als christliche Milizionäre einen Bus mit palästinensischen Zivilisten angriffen. "Mouawad stammt aus einer maronitischen, also christlichen Familie. Er sagt, er sei von seinen Eltern sehr geliebt worden, doch hätten sie ihn auch zu hassen gelehrt. Wen? 'Jeden, der nicht war wie wir. Muslimische Schiiten, Sunniten, Palästinenser, Juden, Israelis, Iraner, all die sogenannten Attentäter.' Die Christen hingegen seien sich keiner Schuld bewusst. 'Jeder in Libanon behauptet, er sei das Opfer.' Mit zunehmendem Alter hinterfragte Mouawad diese Haltung und beschloss: 'Gut, dann gebe ich eben den Täter. Ich übernehme die Verantwortung. Ich werde zu der Person, von der meine Eltern wollten, dass ich sie hasse.' Für ihn als Autor heißt das: 'Die besten, liebenswürdigsten Charaktere in meinen Stücken sind Muslime, Juden, Schiiten - nie Christen. Niemals. Christlich sind bei mir nur die schlechten Figuren.'"
Seit 2020 besteht das Lausitz-Festival, das möglichst viele Orte in Brandenburg und Sachsen mit Kunst zu beleben will schon: "Ein überwiegend aus Wessis bestehender Kulturzirkus zieht sommers durch die Lausitz, um den vermeintlich abgehalfterten Osten mit Prominenz in der Provinz zu beglücken - und dann schnell wieder zu verschwinden", meint Patrick Wildermann im Tagesspiegel, räumt aber ein, dass der Auftakt mit Marcel Kohlers Hamlet-Inszenierung, nicht zuletzt dank Corinna Harfouch und Götz Schubert in den Hauptrollen gelingt. Anders sieht das allerdings nachtkritiker Vincent Koch: "Auch wenn Marcel Kohler seine Fassung mit Peter Handke, Heiner Müller und Ferdinand Freiligrath angereichert hat, na gut, ein bisschen K.I.Z. auch, ist das ein klassisch abschnurrender Shakespeare, dem es trotz starbesetzten Ensembles an Wumms fehlt."
Rüdiger Schaper gratuliert den Berliner Festspielen im Tagesspiegel zum 75. Geburtstag. Stets wurde versucht Brücken nach Osten zu bauen, was nicht immer gelingen wollte, wie Schaper erinnert: "Die Festspiele zeigten sich als West-Spiele und als Test-Spiele, die Möglichkeiten des Austauschs ausloteten, eine 'internationale Begegnungsstätte der Künste', wie es Matthias Pees formuliert. Und das sind sie im Grunde geblieben. Sein Vorgänger Thomas Oberender nahm den Gedanken des Bückenbauens ein wenig zu wörtlich, als er mit dem DAU-Projekt Unter den Linden hinter Originalstücken der Berliner Mauer ein stalinistisches Dorf zu Studienzwecken errichten wollte. Das Projekt scheiterte, wie leider auch Oberenders Initiative zur Wiederbelebung des ICC, das die Festspiele 2021 mit einem breiten Programm für das Publikum vorübergehend öffnen konnten. Der Riesenbau harrt weiter einer Lösung." Im Rahmen der Feierlichkeiten startet auch das Projekt "What if Berlin" des japanischen Theatermachers Akira Takayama, für das er in sechs Stationen an der Berliner Ringbahn nach alternativen Visionen der Stadt sucht, berichtet Beate Scheder in der taz.
Besprochen wird außerdem Elias Perrigs Inszenierung von Marina Carrs Stück "Girl on an Altar" am Hamburger Ernst Deutsch Theater (nachtkritik).
Der südkoreanische Maler HaChong-Hyun wurde in den frühen 1970er Jahren berühmt, als er begann, Farbe durch die Rückseite der aus Hanf gewebten Malgründe zu drücken, die er verwendete, erinnert Gabrielle Schwarz, die sich für den Guardian bereits die Ausstellung in der Londoner Lisson Galleryangeschaut hat. Von seinen abstrakt malenden Zeitgenossen unterscheidet den Maler eine kulturelle Besonderheit seines Ansatzes, erklärt die Kritikerin. So ist seine künstlerische Sprache auch eine Reaktion auf den Koreakrieg, die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit und eine Militärdiktatur, die erst 1988 endete: "Die Abstraktion war für ihn und andere Künstler zumindest teilweise ein Mittel, sich gegen den vom Staat bevorzugten figurativen Stil aufzulehnen. Die Verwendung von Hanf als Malgrund begann hingegen aus der Not heraus. 'In der Armut nach dem Koreakrieg waren herkömmliche Malutensilien schwer zu beschaffen', erklärt Ha. 'Zu den Materialien, die uns zur Verfügung standen, gehörten grobe Säcke, in denen Getreide und andere Hilfsgüter aus dem Ausland transportiert worden waren.' Für Ha bedeutete sein Bekenntnis zur 'Back-to-Front'-Technik 'niemals, einfach immer dasselbe zu wiederholen'."
Die unter dem Namen Rita Flores bekannte Margarita Konowalowa, Aktionskünstlerin und Mitglied von Pussy Riot, hat sich vor wenigen Tagen als Zuträgerin des russischen Geheimdienstes FSB geoutet, berichtet Stefan Scholl auf den politischen Seiten der FR: "Nach einer Hausdurchsuchung im Februar 2023 seien zwei Beamte in Zivil in ihrer Wohnung geblieben, hätten ihr unter anderem gedroht, ihre Mutter zu töten und sie wegen eines Antikriegs-Posts für viele Jahre ins Gefängnis zu bringen. Wenn sie nicht als Spitzel für den FSB arbeite. (...) Aber Flores versichert, sie habe ihrem FSB-Führer 'Iwan' möglichst alles verschwiegen, was die Leute, auf die sie angesetzt war, belastet hätte. Mit mehreren zerstritt sie sich sogar absichtlich, um allen Kontakt zu ihnen abbrechen zu können. (...) Wie viele Oppositionelle für die russischen Dienste spitzeln, zuerst vor Ort und später im Exil, ist unbekannt. Aber die Angst vor den Ohren der anderen wächst überall."
Auch die deutschen Zeitungen bringen heute Nachrufe auf die im Alter von 97 Jahren verstorbene japanische Künstlerin Yayoi Kusama. In der FAZ erinnert Ursula Scheer daran, wie sich Kusama aus ihrem gewalttätigen Elternhaus befreite: "Rettung kam von der anderen Seite des Pazifiks: Kusama hatte Kontakt mit der amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe aufgenommen und wurde von ihr ermutigt. Das war der Anstoß zum Umzug 1955 in die USA - und zum Bruch mit der eigenen Familie. Es war ein Befreiungsschlag sondergleichen, auch wenn der Anfang hart war. In den ersten New Yorker Jahren lebte Kuasama praktisch von der Hand in den Mund." In der FR erinnert Lisa Berins: "1966 crasht sie, offiziell nicht eingeladen, die Biennale von Venedig: Sie legt 1.500 verspiegelte Plastikkugeln auf den Rasen vor dem italienischen Pavillon und bietet sie den Besucherinnen und Besuchern für zwei Dollar das Stück an, bis die Veranstalter einschreiten. Es ist eine typische Kusama-Geste - halb Kunstaktion, halb Selbstbehauptung einer Frau, die in der von Männern dominierten Kunstwelt lange nicht die Anerkennung findet, die männliche Zeitgenossen wie Warhol oder Claes Oldenburg erhalten." In der Welt schreibt Gesine Borcherdt, in der SZ David Pfeifer und im Tagesspiegel Birgit Rieger.
Arno Widmann schreibt in der FR zum Tod von PéterNádas und erinnert sich dabei als erstes daran, wie er sprach: "Es war Musik. Nein, nein, kein strahlender Heldentenor", sondern "ein Nina-Nana, wie man auf Italienisch sagt. Ein Schlaflied, etwas, das mehr gesummt als gesungen erschien. Man spricht gerne vom Heraussingen. Nádas sang in sich hinein. Leise, zugewandt. Als wollte er sich beruhigen. Seinen Gesprächspartner ließ er teilhaben an dieser Versenkung ins offenbar höchst gefährdete Selbst." Unser Resümee der ersten Nachrufe auf Nádas finden Sie hier. Dlf Kultur hat Thomas Davids Nádas-Porträt aus dem Jahr 2012 wieder online gestellt, mit darunter verlinkten weiteren Gesprächen mit dem Schriftsteller.
Weiteres: Auf Intellecturesfreut sich Thomas Hummitzsch über die Auszeichnung des ÜbersetzersChristianHansen mit dem Straelener Übersetzerpreis. Gustav Seibt liest für die SZ in den zahlreichen Zeilen, die Goethe über den französischen Staatsmann Charles Maurice de Talleyrand verfasst hat. Besprochen werden unter anderem Caroline Wahls "1999 Meter über dem Meer" (FR, NZZ), Charlotte Knoblochs "Trotzdem weiter" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Hans-GünterWagners "Buddhismus: Eine Spurensuche in der westlichen Kultur" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Feuilletons trauern um den Schauspieler TimCurry, der als Dr. Frank-N-Furter in der "Rocky Horror Picture Show" nicht nur berühmt, sondern zur Ikone der Gegenkultur der Siebziger wurde. Auch in seinem weiteren Schaffen "waren es die exzentrischen Schurken, die Curry auf der Leinwand verkörperte", schreibt Hilka Dirks in der taz. "Trotz seines Talents für Stimmen waren es dabei wohl eigentlich seine Augen, die stets das Exzentrische betonten: die leise Möglichkeit des Spotts gegenüber der Autorität - auch der eigenen. ... Stets verkörperte Curry seine Charaktere als performative Grenzgänger mit Lust an der spielerischen Provokation."
"Curry war im Grunde einer aus der britischen Nachkriegsschauspielerriege derer von Richard Burton und Jon Finch", schreibt Edo Reents in der FAZ. Doch erst in der Kult-Horror-Musical-Farce, "unter den von der Produktion gewährten Platzverhältnissen eines Breitwandformats, mit Mieder, Strapsen und High Heels, entfaltete sich Tim Currys gesamtdarstellerische Kraft, PrachtundWucht vollends. Was er an Körpersprache und Athletik, an Mimik und natürlich auch, sprechend wie singend, stimmlich leistet, vergisst man nicht wieder; besonders nicht den absoluten Glanzauftritt vor den staunend-schockierten Augen des von Susan Sarandon und Barry Bostwick gespielten, dümmlichen Pärchens." Wir haben ihn oben für Sie eingebettet, weitere Nachrufe in Welt und FR.
Die Strahlkraft klassischer Hollywood-Paare: Monica Barbaro und Callum Turner in "One Night Only" "Malle ist nur einmal im Jahr" lautet bekanntlich ein in eher proletarischen Reisekontexten kursierender Spruch, in WillGlucks RomCom "One Night Only" müsste man ihn wohl zu "Vögeln ist nur einmal im Jahr" abwandeln. Denn in nur einer Nacht des Jahres darf in dem dystopischen Setting diesem Vergnügen nachgegangen werden - mit entsprechenden Turbulenzen in der Bevölkerung. "Für alle, die in der Partnersuche weniger gewandt sind, beginnt hingegen die einsamste Nacht des Jahres", schreibt Kamil Moll auf critic.de. "Seit spätestens Billy Wilders 'The Apartment' nutzt die romantische Komödie für derartige Stimmungslagen immer wieder den forcierten Ausnahmezustand des Silvesterabends als Setting. Recht offen und mitunter unverhohlen genrenostalgisch verweist 'One Night Only' immer wieder auf diese Erzähltradition zurück und behandelt dabei sein dystopisches High-Concept eher als sittenkomödiantisches Anhängsel zweiter Ordnung. Der wundervoll leichthändige Touch des Films, dem ein einwandfrei ausgespielter Slapstick-Gag mehr wert ist als die konkretere Ausformulierung der im Setting angelegte Gesellschaftskritik, fand bei US-Kinostart allerdings kaum Zuspruch in der Filmkritik."
"Über zwei Drittel des Films hinweg ergibt die Prämisse von 'One Night Only' sehr vergnügliche Vignetten aus dem hoch beschleunigten urbanen Leben", freut sich auch Bert Rebhandl in der FAZ zumindest zu zwei Dritteln über diesen Film. "Zu einem Höhepunkt wird die Jagd nach einem Kondom; denn wie üblich gibt es viele, die nicht rechtzeitig ans Praktische gedacht haben, sodass sich um eines der letzten Gummis eine Kaskade von Übervorteilungen und Ausbremsungen ergibt. ... MonicaBarbaro und CallumTurner strahlen beide etwas angenehm Alltägliches inmitten der New Yorker Aufgeregtheit aus. Natürlich sind beide in hohem Maß attraktiv, Alpha-Figuren in einer Riege von leicht grotesken Nebenfiguren, die alle eben für 'das eine' nicht infrage kommen. ... Mit 'One Night Only' entsteht eine Beziehung, die Andeutungen von der StrahlkraftklassischerHollywood-Paare hat."
Weiteres: Axel Timo Purr blickt für Artechock nach China, wo ChristopherNolans "Odyssee" nun ebenfalls mit Erfolg angelaufen ist, aber von zwei heimischen Produktionen noch überflügelt wird. Heike Huppertz schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers AndreasHoppe. Besprochen werden FarazShariats Justizthriller "Staatsschutz" (Artechock, SZ, unsere Kritik), BrezelGörings "Für immer 16" (Artechock, unsere Kritik), Wilhelm und Anka Sasnals "The Assistant" (Artechock) sowie die HBO-Serie "Tip Toe" (Zeit).
"Mein Gehirn ist wie das Universum", sagt der kürzlich verstorbene GunterHampel in einem letzten Interview, das Julian Weber kurz vor dem Tod des Jazzmusikers für die taz mit ihm geführt hat. "Wenn man nach oben kuckt, sieht man Sterne und merkt, dass da irgendwas los ist. ... Wissen Sie, was auf diesen weit entfernten Planeten abgeht? Man kann es sich nur vorstellen, weil wir ja nicht selbst hinkommen. Wir haben also unserer interplanetarischen Vorstellung gemäß gespielt. Nicht nach Schema F. Und dann ist etwas mit uns passiert, das lässt sich in der Musik hören. ... Die Weiten des Weltraums blinkten jedenfalls in unserer Musik immer auf." Hier ein Konzert mit seiner Galaxie Dream Band:
Außerdem: Stephanie Grimm berichtet in der taz von Debatten auf dem Berliner FestivalPop-Kultur.
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