Efeu - Die Kulturrundschau
Ich hab keine Einstellung, ich hab ein Wirtshaus
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14.09.2026. May el-Toukhy gewinnt in Venedig den Goldenen Löwen: Die Kritiker sind uneins über diese Auszeichnung. Insgesamt sind die Zeitungen mit dieser Ausgabe des Festivals aber sehr zufrieden. Jan-Christoph Gockels Inszenierung des "Schwejk"-Stoffes am Schauspiel Frankfurt ist für die Feuilletons der helle Wahnsinn. Die Zeit gerät beim Pariser Celine-Dion-Konzert ins Schwärmen. Der Tagesspiegel lernt auf der Kunstmesse Positions Ramazan Cans Werk kennen, das die Lebensweise der Nomaden mit modernem Neon verbindet.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.09.2026
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Film

Die Filmfestspiele Venedig endeten mit einer Überraschung: Die dänisch-ägyptische Regisseurin May el-Toukhy - die einzige Solo-Regisseurin im Wettbewerb, wie zu Beginn des Festivals kritisch angemerkt wurde - hat für "Woman Unknown" den Goldenen Löwen erhalten. Wer el-Toukhy, im Weltkino bislang selbst eher eine "unknown Woman", eigentlich ist, erklärt Standard-Kritikerin Valerie Dirk im Kurzporträt. In der laufenden Berichterstattung war el-Toukhys Film eher nebenbei mitgelaufen. Es handelt sich dabei um einen "präzise inszenierten Historienfilm über die Übergangszeit nach der deutschen Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg", reicht Tim Caspar Boehme in der taz nach. "Die Farben sind blass gehalten,die meisten Figuren wirken kränklich", es geht um eine Frau "in existenzieller Angst", da sie wohl etwas mit einem Nazi hatte. Der Film "ist konsequent und stilsicher inszeniert, er zeigt sowohl den Überlebenskampf in der wiedergewonnen Freiheit Dänemarks als auch die Doppelmoral im Umgang mit bestimmten Formen der Zusammenarbeit", so Dirk. Christiane Peitz kann sich im Tagesspiegel diese Juryentscheidung nur so erklären: Präsidentin Maggie Gyllenhaal habe mit dieser "Trotzreaktion" wohl "die Frauenkarte" gespielt.
Auch Katja Nicodemus ärgert sich in der Zeit über diese Auszeichnung, zumal ein deutlich besserer Film mit einem Nebenpreis abgespeist wurde: "Die Frau, das ewige Opfer - man kann es einfach nicht mehr sehen. Manchmal läuft eine Jury an den richtigen Bildern vorbei. ... Der Silberne Löwe ist nicht genug für einen Film, der in die Kinogeschichte eingehen wird: 'Possible Love' vom südkoreanischen Regisseur Lee Chang-dong. Jede seiner Einstellungen hat etwas Zwingendes und lässt uns zugleich die Freiheit, uns ein Bild zu machen. Von zwei Ehepaaren in Südkorea, das eine wohlhabend, das andere in der Fabrik arbeitend. ... Es ist ein stilles, nachdenkliches Werk, das seine in sich gefangenen Figuren immer komplexer und zugleich immer klarer erscheinen lässt. Es reiht sich ein in die Bilder eines Landes, das sich selbst mit Filmen und Serien ('Parasite', 'Squid Game') so radikal reflektiert wie kaum ein anderes."
Weitere Resümees vom Lido: Im Standard gibt Valerie Dirk einen Überblick über die Gewinner der zahlreichen Auszeichnungen. "Das Kino hat sich als höchst lebendig erwiesen", resümiert Bert Rebhandl in der FAZ diesen seiner Ansicht nach sehr gelungenen Festivaljahrgang. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte kann ihm nur beipflichten: "Selten hat ein Filmfestival so viele makellose Filme präsentieren können. ... Politik und Filmkunst: Wie Venedig jetzt noch einmal bewiesen hat, gibt es wirklich keinen Grund, dieses Zusammenspiel zu fürchten." Bei SZ-Kritiker Philipp Bovermann jedoch "schlichen sich dieses Jahr Zweifel ein, wohin Venedig steuert, wohin die Filmkunst", denn "kaum welche der Titel im Programm wirkten, als hätten sie eine große Zukunft vor sich".
Schnitt zum regulären Kinobetrieb: Besprochen werden Dave Greens Animationsfilmsause "Coyote vs Acme" (critic.de), Paul Greengrass' Mittelalter-Spektakel "The Uprising" (FAZ) und die fünfte Staffel der israelischen Serie "Fauda" (NZZ am Sonntag).
Bühne

Der Regisseur mit russischen Veteranen gesprochen, die die Schlacht um Bachmut mitgemacht haben, erzählt Judith von Sternburg in der FR. Das Grauen, der Schrecken trifft sie hart: "Wie sich die Kriege gleichen, wie sich die unerträgliche Mischung gleicht: ums nackte Überleben zu kämpfen und zugleich selbst das Rädchen einer Todesmaschine zu sein. Dass es auch hier Grund zum Lachen gibt, macht es nicht bequemer. Dass sicher eh alle auf der Bühne und im Saal gegen Krieg sind, macht es nicht weniger triftig, zumal der Blick dahin geht, von wo aus der aktuelle Krieg sofort beendet werden könnte: nach Russland. Dieser Abend bietet gute drei Stunden lang keine Lösung und keine Hoffnung an, außer der, die im 'Lied von der Moldau' steckt. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag." Weitere Besprechung in der FAZ.
Besprochen werden Verdis Oper "Macbeth", inszeniert von Tobias Kratzer an der Hamburgischen Staatsoper (Welt, FAZ), Tankred Dorsts "Merlin oder Das wüste Land" im Akademietheater Wien, Regie von Antú Romero Nunes (FAZ), "Macbeth" inszeniert von Rieke Süßkow am Volkstheater in Wien (FAZ, taz), "Der Abend vor dem Danach" von Lisa Wentz am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), Marius von Mayenburgs "Egal" von Florian Fiedler am Theater Luzern (Nachtkritik), Oliver Reese inszeniert Yasmina Rezas "Glücklich die Glücklichen" am Berliner Ensemble (Tagesspiegel, Nachtkritik) und Jorinde Dröse bringt Annette Hess' Roman "Deutsches Haus" auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters (SZ).
Musik
Julia Lorenz war für ZeitOnline in Paris, wo Céline Dion nach Jahren schwerer Krankheit ihr erstes von zahlreichen Comeback-Konzerten absolviert hat. Berührend findet es Lorenz, dass sie "fast klingt wie immer - aber eben nur fast. Ein weniger roher als auf alten Aufnahmen hört sich ihre berühmte Stimme an, in manchen Momenten wie eine Raupe, die über Sandpapier kriecht. Selten geht mal ein Ton daneben, nur einmal muss sie neu ansetzen. Es wäre falsch zu sagen, dass das egal ist. Natürlich sind Patzer ein Thema im Konzert einer notorischen Perfektionistin. Aber hier und heute sind sie vor allem ziemlich wundervoll. Céline Dion klingt wie ein Mensch, der Schlimmes erlebt hat, ohne ihren Mythos zu beschädigen."
Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Marco Frei den brasilianischen Sopranisten Bruno de Sá, dessen "Stimme die höchsten Frauensoprane überflügelt". Jan Wiele plaudert für die FAZ mit Sébastien Collin, dem Manager der Anfang des Jahres nach einem Konzert für KEXP sensationell durch die Decke gegangenen dadaistischen Math-Rock-Band Angine de Poitrine, die nur verkleidet und anonym auftritt. Jan Röhnert erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" an die Entführung des italienischen Cantautores Fabrizio De André im Sommer 1979.
Besprochen werden ein Konzert der Toten Hosen in Wien (Standard) und die von Philipp von Steinaecker dirigierte, auf Originalinstrumenten eingespielte Aufnahme von Mahlers fünfter Sinfonie ("Hier kommt Rettung für alle, die der Mahler-Überdruss gepackt hat", jubelt Clemens Haustein in der FAZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Timas Deppert über 2Pacs "So Many Tears":
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In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Timas Deppert über 2Pacs "So Many Tears":
Literatur
Einige Romane auf den zuletzt reihum veröffentlichten Shortlists der deutschsprachigen Buchpreise "handeln von langjährigen Paarbeziehungen", fällt Martina Läubli in der NZZ am Sonntag auf: "War das nicht gerade noch out? Schließlich werden polyamore Beziehungen immer üblicher." Konkret diskutiert Läubli Dana Vowinckels "Anton und Alma" und Elias Hirschls "Schleifen" sowie die in der Schweiz vershortlisteten Romane "Hauptsache kein Zeitgeist" von Hayat Erdogan und "Unwucht" von Sarah Elena Müller. Dass diese Romane auf unterschiedliche Weise wieder von Paaren und Paar-Intimitäten erzählen, mag mit einer "tiefen Verunsicherung" zu tun haben, denkt Läubli: "Die Welt ist brüchiger, bedrohlicher geworden. Hayat Erdogans Protagonistin wird vom Erdbeben in der Osttürkei erschüttert, Dana Vowinckels Liebespaar vom Massaker der Hamas am 7. Oktober. Wenn einem in einer zerrissenen Welt noch etwas Halt gibt, dann ist es die Liebe. Sie schafft eine andere, frei gewählte Art der Zugehörigkeit. Die Figuren der erwähnten Romane finden in der Liebe nicht nur Nähe und Sex, sondern auch Heimat."
Weiteres: Julia Hubernagel resümiert in der taz das Internationale Literaturfestival Berlin mit Auftritten von unter anderem Katie Kitamura und Christian Kracht. Besprochen werden unter anderem Vigdis Hjorths "Der gute Mensch von Sandvika" (FR), Michael Kumpfmüllers "Böse Kinder" (Standard), Eva Menasses "Alleinruhelage" (SZ), Alain Claude Sulzers "Szenenwechsel" (NZZ am Sonntag) und Sven Regeners "Frankie und Freddie" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weiteres: Julia Hubernagel resümiert in der taz das Internationale Literaturfestival Berlin mit Auftritten von unter anderem Katie Kitamura und Christian Kracht. Besprochen werden unter anderem Vigdis Hjorths "Der gute Mensch von Sandvika" (FR), Michael Kumpfmüllers "Böse Kinder" (Standard), Eva Menasses "Alleinruhelage" (SZ), Alain Claude Sulzers "Szenenwechsel" (NZZ am Sonntag) und Sven Regeners "Frankie und Freddie" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
Michaela Nolte berichtet für den Tagesspiegel von der Kunstmesse Positions, die als Teil der Art Week im ehemaligen Flughafen Tempelhof stattfindet und dieses Jahr den Länderschwerpunkt Türkei hat. Besonders hervor hebt sie die Arbeiten von Ramazan Can: "Wie kleine Schreine nehmen sich die Holzobjekte mit den stilisierten Tulpen aus. Hinter Neonröhren mit abstrakten Mustern lugt ein Stück Teppich hervor. Eingefasst in Beton, verweisen Ramazan Cans Arbeiten auf die Geschichte der Nomaden: auf ihre Tradition, die Kunst des Webens und die erzwungene Sesshaftigkeit. Da viele von ihnen in Holzhäusern wohnen, die sie bisweilen abbauen und an anderen Orten wieder errichten, steckt auch eine subtile Form des Widerstands darin."
Weiteres: Es wäre ein gigantischer Fehler, wenn Berlin die Art Week nach dieser 15. Ausgabe einstellen würde, findet Nicola Kuhn im Tagesspiegel, die Hauptstadt würde am falschen Ende sparen, wenn sie auf diese schrille, bunte, pralle Woche verzichten würde.
Katharina Rustler ist für den Standard auf dem koreanischen Ableger der Frieze Art Fair in Seoul unterwegs und stellt fest, dass sowohl koreanische Kunst als auch Kunst in Korea boomen.
Weiteres: Es wäre ein gigantischer Fehler, wenn Berlin die Art Week nach dieser 15. Ausgabe einstellen würde, findet Nicola Kuhn im Tagesspiegel, die Hauptstadt würde am falschen Ende sparen, wenn sie auf diese schrille, bunte, pralle Woche verzichten würde.
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