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01.08.2026. Bruder Röhm? Frank Castorf bewundert in der Welt die radikale Selbstinfragestellung Klaus Manns, dessen "Mephisto" er am BE inszeniert. Die SZ lässt ihre Vorstellungskraft schweifen in einer Wiener Ausstellung über die Anfänge der Reisefotografie. In der FAS erinnert der Historiker Stephan Malinowski daran, wie sehr Gillo Pontecorvos Film "Schlacht um Algier" vor sechzig Jahren die westliche Sehnsucht nach revolutionären Großnarrativen bediente. Die Welt lernt in einer New Yorker Ausstellung über Edward Saids These vom Orientalismus, welch ein Segen kulturelle Aneignung für die Kunst ist. Der Riesendrache war doch ganz hübsch, meint die SZ, halb ausgesöhnt mit der KI im Bayreuther "Siegfried".
Jakob Hayner unterhält sich für die Welt mit Frank Castorf über dessen Inszenierung von Klaus Manns "Mephisto", die im September am Berliner Ensemble Premiere hat. Platte Aktualisierung des Stoffs, mit AfDlern statt Nazis, interessiere ihn nicht, sagt Castorf. Er versuche statt der Typen die Charaktere im Roman zu entdecken. Und Autor Klaus Mann: "Ein überzeugter Antifaschist, der nach der Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm mit dem offiziellen Antifaschismus hadert. Denn die kommunistische Presse bezeichnet die Homosexualität damals immer öfter als Wesensmerkmal des Faschismus. ... Einerseits wehrt sich Mann gegen einen verkürzten Antifaschismus, erzählt Castorf. Andererseits betreibt er schonungslose Selbstanalyse. Wie sein Vater, der vom 'Bruder Hitler' sprach, sucht auch Klaus Mann fast obsessiv nach Spuren, die auf ein Verwandtschaftsverhältnis zu den Nazis hinweisen, und begibt sich auf die Suche nach dem Nazi in ihm selbst. Sein 'Bruder Röhm'? (...) 'Wie radikal sich Klaus Mann selbst infrage gestellt hat, ist wirklich sensationell', sagt Castorf. 'Das ging bis in die eigene Triebstruktur.'"
Vielleicht ist der Bayreuther KI-Ring am Ende doch nicht so schlecht? SZ-Kritiker Helmut Mauró kann jedenfalls dem "Siegfried" einiges abgewinnen, was aber vor allem an Dirigent Christian Thielemann liegt und dem Tenor Klaus Florian Vogt: "So nimmt man dann auch wieder optische Kuriosa in Kauf. Einmal etwa tauchen Bilder von Günter Grass und Willy Brandt auf, wie aus dem Nichts, dann wieder Flugzeugpropeller; einmal blinzelt John F. Kennedy herein. Wozu das jetzt? Egal, es hätten auch Siegfried Lenz und Helmut Schmidt sein können oder sonst wer aus dem Polit-Panoptikum... Aber dann gab es diesmal eben auch sehr stimmige Bildideen, da hat sich die KI richtig angestrengt. Ein beeindruckend verschlungener Riesendrachen etwa, allerlei Höhlen, auch Bilder der Zerrissenheit und Uneindeutigkeit. Was nicht dasselbe ist wie Beliebigkeit. Also, geht doch, möchte man ausrufen".
Welt-Kritiker Manuel Brug erträgt die Vorstellung streckenweise nur mit geschlossenen Augen, dann holt ihn auch die Musik ein: "Musik zuerst! - lautet der Dauerbefehl an die Synapsen. Die müden Augen wandern an die Saaldecke, deren gemaltes Velarium-Segel mit künstlichen Tauen an die antiken Arenen erinnern soll und hier wie ein Bildschirmschoner runterkühlt. So gleicht sich langsam die gestörte, weil überlastete Dopamin-Regulation aus. Nach dem noch buchhalterisch korrekten, stimmlich sehr zerrissenen Walkürenritt deutete sich an: Jetzt entert Thielemann Felsen wie Hügel, die Musik will die Hauptrolle zurück. Wotans Abschied - kann man das schöner gestalten als Volle? - und der Feuerzauber trafen mitten ins waidwunde Wagnerianer-Herz."
Weiteres: Broadwayproduktionen werden immer teurer, weshalb er trotz eines Besucherbooms seine künstlerische Vielfalt zu verlieren droht, berichtet Frauke Steffens in der FAZ. Besprochen werden außerdem die letzte Aufführung von Dmitri Tcherniakovs Inszenierung des "Der fliegenden Holländer" in Bayreuth (FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist hin und weg, besonders von der Sopranistin Elisabeth Teige, deren Stimme "zum Wahnsinnigwerden schön" ist), Thomas Gassners Inszenierung von Felix Mitterers "Feuernacht" an den Südtiroler Volksschauspielen Telfs (die zu Recht mit Standing Ovations bedacht wurden, freut sich Margarete Affenzeller im Standard, nachtkritik) und Eun-Me Ahns Choreografie "Post-Orientalist Express" bei Impulstanz im Burgtheater (Standard).
Szene aus "Schlacht um Algier" Vor sechzig Jahren wurde GilloPontecorvos "Schlacht um Algier" beim Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. "Für die antikoloniale Linke der westlichen Welt wurde der Film zu einem ästhetischen Handbuch der urbanen Revolte", schreibt der Historiker Stephan Malinowski in der FAS. Allerdings ist der bis heute nachhallende Film auch ziemlich krude in seiner Zuspitzung und Feier terroristischer Gewalt: "Der Film zeigt und stilisiert die Geburt einer Nation aus der Gewalt. Er zeigt nicht, was diese Gewalt später mit der Nation macht. In ihm gibt es Disziplin, Opfer und Solidarität, doch keine Machtkonkurrenz, keine Gewalt innerhalb der antikolonialen Bewegung." Der Schriftsteller Kamel Daoud "setzte im vergangenen Jahr am Collège de France zu einer eigenen, zornig vorgetragenen Dekonstruktion des Films an. Daoud verweist auf die Umstände der Dreharbeiten: Gedreht wird der Film 1965 inmitten eines Militärputsches, der die algerische 'Revolution' bereits von ihren Kindern fressen und die inszenierte Gewalt mit der realen Gewalt des autoritären Militärstaats kollidieren ließ, der sich aus den Befreiungsmythen herauszuschälen begann. ... Daoud beschreibt eine algerische Auto-Fiktion, die sich, kombiniert mit einer westlichen Sehnsucht nach revolutionären Großnarrativen, verselbstständigt habe." Im Abspann des Artikels erfährt man, dass Malinowski die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft - Koloniale und nationalsozialistische Gewalt" im deutschen Historischen Museum kuratiert (ab 16. Oktober).
Weiteres: Die Agenturen melden, dass NastassjaKinski und WimWenders sich in der Auseinandersetzung um die Nacktszene in "Falsche Bewegung" geeinigt haben: Wenders schneidet die beanstandete Nacktszene mit Kinski aus dem Film. Kathleen Hildebrand denkt in der SZ über das geplante Comeback von JohnnyDepp als Scrooge in TiWestsDickens-Adaption "Ebenezer" nach. In der "Langen Nacht" von Dlf Kulturwidmet sich Martina Müller den "BadGirls" der Filmgeschichte. Besprochen werden OliviaWildes "The Invite" (taz, SZ, unsere Kritik), Sandra Wollners "Everytime" (SZ) und der neue "Spider-Man"-Film (FAS).
Rafael Contreras, Architectural Model Based on the Alhambra. 1847-1890, Metropolitan Museum of Art, New York
Welt-Kritiker Hannes Stein ist hin und weg von der Ausstellung "Orientalism: Between Fact and Fantasy", die im New Yorker Metropolitan Museum of ArtEdward Saids These vom Orientalismus des Westens belegen will - und genau das Gegenteil tut. Denn sie zeigt Stein vor allem, dass kulturelle Aneignung überall ist und "für die Kunst ein Segen". Man denke nur an die Alhambra: "Für viele Europäer und Amerikaner, die in den Nahen Osten aufbrachen, war die Alhambra im spanischen Granada der erste Stopp. Und das hatte unerhörte kunstgeschichtliche Folgen. Das Metropolitan Museum stellt ein wunderbares Stück Kitsch aus - einen blumig-bunten Sockel aus Keramik, hergestellt von der schwedischen Firma Rörstrand im späten 19. Jahrhundert, der eindeutig von den Säulen der Alhambra inspiriert ist. Gleich daneben macht ein Videofilm klar: Dieser Sockel steht als Einzelstück für einen weltweiten Trend. Zahlreiche Prachtbauten von Mitteleuropa über Mexiko bis Peru wurden nach dem Vorbild der Alhambra errichtet; auch jedes jüdische Gotteshaus im 'maurischen Stil', etwa die von Gottfried Semper erbaute Dresdner Synagoge, die 1938 von den Nazis verbrannt wurde. Wer kolonisiert da wen? Wo ist die Herabwürdigung? Man ahmt nicht nach, was man nicht schätzt."
Raimund Stillfried von Rathenitz: Kaiserlicher Palast, Tokio, Japan, um 1875. Albertina Wien. Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Was kann uns heute, im Zeitalter der Handykameras mit ihren perfektionistischen Bildbearbeitungsprogrammen, noch eine Ausstellung über Reisefotografie sagen? Zum Beispiel wie wohltuend es ist, dabei nicht in das grinsende Gesicht des Fotografen blicken zu müssen, denkt sich Marc Hoch (SZ) in der Wiener Albertina, wo Reisefotos aus dem 19. Jahrhundert gezeigt werden: "In Wien kann man etwa die reduzierten Fotos des Franzosen Henry Cammas studieren. Beim Fotografieren wählte er häufig einen niedrigen Kamerastandpunkt, was die Monumentalität der [ägyptischen] Tempelanlagen betont. Weil seine Himmel völlig ausgebleicht sind, bleibt der Blick auf die Proportionen und Formen der Gebäude konzentriert. Nichts lenkt ab von den Details dieser Gebäude, sie stehen da wie ewiglich."
Besprochen werden außerdem die Courbet-Ausstellung im Essener Museum Folkwang (Welt) und die Ausstellung "House of Balagan", mit der die Sammlung Philara in Düsseldorf ihren zehnten Geburtstag feiert (Tsp).
Johann Voigt staunt in der taz, dass das Innen- und Verteidigungsministerium Stellen für Science-Fiction-Autoren ausschreiben, die sich in zwölf Monaten Festanstellung nach Tarifvertrag Krisenszenarien für die Zukunft ausdenken und in einen Roman packen sollen. Aber "darf man als quasi Betriebskünstler:in der Cyberagentur und damit in Abhängigkeit von diesen beiden Herren stehend überhaupt so was äußern wie Kritik? Und wie dystopisch darf das Ganze werden? Oder wie utopisch? Wäre es beispielsweise möglich, dass wie in Marius Goldhorns 'Die Prozesse' als Reaktion auf die politischen Verhältnisse eine Art utopische Räterepublik entsteht, in der es den Menschen besser als wie im Kapitalismus geht? Fragen über Fragen, denn das, was in Deutschland politisch zu beobachten ist, sind ja gerade, frei nach Philip K. Dick, Anzeichen einer Instabilität unserer (demokratischen) Realität. Diesen Umstand ästhetisch erfahrbar machen? Unbedingt!"
In "Bilder und Zeiten" der FAZ schwärmt Marica Bodrožić von HélèneCixous' sinnlichen, den Moment des Lebens feiernden Essays: "Cixous weiß, dass es schön ist, in dieser den eigenen Lichtverhältnissen abgerungenen anderen Realität Sprachlandschaften zu sichten, in denen auch die Kindheit am Mittelmeer wohnt. Wenn ich ihre Sätze lese, ergreift mich die Sehnsucht nach Hingabe an das Unsagbare. ... Cixous' Fähigkeit, mittels poetischer Imagination die Wirklichkeit und die in sie eingebetteten Lichtverhältnisse zu weiten, den Keller nicht gegen den Ausblick von einem Hochhaus auszuspielen, sondern sie miteinander ins Gespräch zu bringen, zeigt zeitgleich eine geistige wie körperliche Beweglichkeit. Darin ist stets die Suche nach dem Paradies mittels Weltumrundung eingebettet, bei der das Alte verlassen werden kann."
Alle wollen nur noch heilen, einschlägige Ratgeber füllen die Regale der Buchhandlungen, lautet Mara Delius' Befund in der WamS. Auch vor der Literatur macht dieser Trend nicht halt: Die japanische "HealingFiction"-Literatur etwa von ToshikazuKawaguchi oder MichikoAoyama wird auch in Deutschland immer populärer. Diese Wohlfühlliteratur über Menschen, die etwa in Cafés oder Bibliotheken Katzen, Freunde, Frieden finden, weist für Delius "auf einen Grundkonflikt hin: Seit der Moderne ist das Bild des vom Leben überforderten Menschen kulturprägend - ein authentisches Selbst kann nur angeknackst sein; das Verhandeln der Differenz zwischen Welt und Vorstellung, zwischen Außenwelt und Innensicht, ist die Voraussetzung für Kunst und die Grundlage von Philosophie. Die Welt ist schon bei Walter Benjamin beschädigt und voller Risse, die Erkenntnis erst ermöglichen. Insofern wirkt der neue Kultur-Komplex der 'Heilung' auch wie die späte Rache der Moderne am Selbst-Begriff der Postmoderne: Dem Ich bleibt statt Freiheit das permanente Regulieren von Symptomen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Mladen Gladic porträtiert in der Literarischen WeltLaura McGrath, deren Studie "Middlemen" über die Rolle von Literaturagenten im Betrieb gerade für einiges Aufsehen sorgt. Die FAZ dokumentiert in ihrem "Literarischen Leben" LídiaJorges Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur (mehr zu Jorge bereits hier). Caroline O. Jebens versucht sich in der FAS einen Reim auf EdgarAllanPoes anhaltende Popularität zu machen, wo der Autor mit seinen teils sehr verqueren Ansichten heutzutage wohl eher einen Aufschrei provozieren würde. Thomas Stillbauer schreibt in der FR einen Nachruf auf die SchriftstellerinUlrikeKolb. Frauke Steffens hat für die FAZ den Schriftsteller Patrick Ryan in Manhattan besucht. In der FAZ-Reihe über die USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Paul Ingendaay über DavidFosterWallace'"Unendlicher Spaß". Außerdem bringt die Literarische Welt mit "Ein Talent fürs Scheinen" eine Erzählung von JonathanFranzen.
Besprochen werden unter anderem StellaGaitanos "Eddos goldenes Lächeln" (taz), SophieSumburanes Krimi "Keine besonderen Auffälligkeiten" (taz), Sighard Neckels Sachbuch "Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation" (taz), Kjell Westös "Dämmerung" (Standard), Ruth-Maria Thomas' "Die zweitgrößte Liebe" (LitWelt, FAS), Dima Albitar Kalajis "An das Monster" (SZ) und Thomas Raabs "Jedermanns Dämon" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Daniela Danz' "Wir steigen in ein Stillleben":
"Wir steigen in ein Stillleben des 17. Jahrhunderts streifen unsere Kleider ab und ich sehe im spiegelnden Kelch wie schön du bist ..."
Gerade für einen britischen Popmusiker eine beeindruckende Geste: Boy George bricht in seinem neuen Lied "We Will Dance Again" mit dem "Queers for Palestine"-Konsens in weiten Teilen der queeren Szene. Er stellt sich explizit auf die israelische Seite und jene der Opfer des 7. Oktobers und verurteilt all jene, die "Flaggen hochhalten und plappern wie Schafe / Propaganda, angeheizt aus dem Internet":
Weitere Artikel: Auf nach Halberstadt, ruft uns Stefan Frommann in der Welt zu: In der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt, wo seit 2001 und noch bis ins Jahr 2640 JohnCages Stück "Organ/Aslsp" aufgeführt wird, steht am 5. August erstmals seit dem Februar 2024 wieder ein Tonwechsel an. Das "neue Bild des Rockstars", das Bibiza zu kultivieren versucht, ist zwar "in Spuren ein 70er-Relikt", schreibt Merle Zils in ihrem SZ-Porträt des Wiener Musikers, "aber ergänzt um Gen-Z-Symptome". Marie-Luise Goldmann erklärt in der Welt, warum BTS beim Grammy keinen Song einreichen wird: Die K-Pop-Band protestiert damit dagegen, dass der wichtigste amerikanische Popmusikpreis mit der neuen Kategorie "Best Asian Pop Performance" ihre Musik quasi absondert vom Rest. Edo Reents gratuliert in der FAZ der Rocksängerin IngaRumpf zum 80. Geburtstag, Dagmar Leischow hat für die taz mit Rumpf gesprochen. Außerdem gratuliert in der FR Harry Nutt dem US-Folkmusiker Ramblin' JackElliott zum 95. Geburtstag. Im "Musikfeuilleton" von Dlf Kulturerinnert Albrecht Dümling an den Bankier CharlesG. Dawes, der einst die Melodie zum späteren Jazzstandard "It's all in the Game" ersann.
Besprochen werden eine Aufnahme von AntonBruckners vierter Sinfonie durch das AtlantaSymphonyOrchestra unter NathalieStutzmann (taz), Ariana Grandes Album "Petal" (Tsp), ein Konzert von Daniel Hope und Nils Landgren in Wiesbaden (FR) und ein Auftritt von Kanye West in Madrid (NZZ).
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