Efeu - Die Kulturrundschau

Durch den Zement der Popmusik

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03.08.2026. Der KI-"Ring" kann die Wagnerianer nicht überzeugen, vom Publikum gibt's Buh-Rufe, von den Kritikern Ideen, wie sich eine KI sinnvoller einsetzen ließe. Wim Wenders hat die Nacktszene mit Nastassja Kinski nun aus dem Film geschnitten, besser spät als nie, finden alle. Der Tagesspiegel bestaunt die gegenständlichen Pop-Art-Gemälde von Edward Dwurnik in Warschau. Die Literaturkritiker trauern um Monika Helfer. Der Standard geht in Kyjiwer und Charkiwer Clubs tanzen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2026 finden Sie hier

Bühne

Der Jubiläums-KI-"Ring" in Bayreuth. Foto: Enrico Nawrath.


"Die Saalschlacht bleibt aus", stellt Jan Brachmann doch etwas enttäuscht in Bayreuth fest, wo er sich für die FAZ sechzehn Stunden lang Wagners "Ring" anschaut, den Marcus Lobbes, Nils Corte und Roman Senkl mit KI inszeniert haben (unsere Resümees). Am Wochenende war nun die "Götterdämmerung" an der Reihe: "Das Publikum der Bayreuther Festspiele ist sich vollkommen einig in seiner Ablehnung der Bebilderung von Richard Wagners 'Ring des Nibelungen' durch die Künstliche Intelligenz und adressiert diesen Unmut (…) geradezu zärtlich: Bu-bu-buhchen!" Ganz abschreiben sollte man den KI-Ring aber vielleicht nicht, für Brachmann ist er "eine Zeitdiagnose eigenen Ranges, die die unangenehme Begegnung lohnt. Er markiert den Punkt, an dem postmoderne Ironie in postdramatische Beklemmung umschlägt."
 
Die schlechte Laune der Kritiker, die er in Bayreuth trifft, ist für Florian Zinnecker in der Zeit zwar nachvollziehbar, denn spaßig ist es nicht, der Flüchtigkeit der KI praktisch hinterherschreiben zu müssen. Aber die Technik hat doch Potenzial, möglich wäre in einer Inszenierung zum Beispiel "ein Zimmer, das auf Stichwort zu schweben beginnt und sich einmal um sich selbst dreht, wie im Fliegenden Holländer von Dieter Dorn: Anfang der Neunzigerjahre waren mehrere Bühneningenieure monatelang allein mit den Statik-Entwürfen beschäftigt. Der lebensgroße feuerspeiende Siegfried-Drache, der in den Achtzigerjahren statt nach Bayreuth nach Beirut geliefert worden war: alles kein Thema mehr. Auch nicht für Opernhäuser, die auch in der Vergangenheit von derartigen Eskapaden nur träumen konnten. Es geht dabei gar nicht um Sparmaßnahmen. Sondern um eine Erweiterung der Möglichkeiten, hinein ins Undenkbare. Litt nicht Wagner selbst am meisten an den technischen Beschränkungen des Opernbetriebs?" Die Kommentarspalte des Artikels kann Zinneckers Optimismus übrigens überwiegend nicht so recht nachvollziehen.
 
So eine Inszenierung wäre ja prinzipiell eine Möglichkeit, neue Zusammenhänge aufzuzeigen, überlegt Helmut Mauró in der SZ, aber soweit ist es wohl noch nicht: "Die KI ist damit bislang überfordert. Man könnte ihr eine rudimentäre Datenpersönlichkeit einpflanzen, das wäre dann eine reduzierte Variante des Einpflanzers - die auch lernfähig sein kann. Aber würde sie nicht schlichtweg zu viele Erfahrungen einsammeln, sodass daraus kein Individuum entstehen kann, dessen Kunstmotivation immer eine Differenz von innerer und äußerer Welt ist? Und was folgt daraus? Der KI-Spezialist muss als Persönlichkeit einwirken, also als Regiekünstler. Er kann sich nicht hinter Algorithmen verstecken und diese auch noch als Entschuldigung dafür anbringen, wenn sie nur unbefriedigend agieren." Weitere Besprechungen in der FR, im Tagesspiegel und in der Nachtkritik.

Weiteres: Christine Dössel berichtet für die SZ von den Salzburger Festspielen und spekuliert schon einmal, ob die vakante Intendantenstelle wohl nächstes Jahr von Barrie Kosky besetzt wird. Auch Christine Lemke-Matwey überlegt für die Zeit, was wohl nach der Ära Markus Hinterhäuser kommt, dem bisherigen Intendanten, der seit März beurlaubt ist (unsere Resümees). Wiebke Hüster schreibt für die FAZ den Nachruf auf die Choreografin Simone Forti, die mit 91 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden: "Stolz und Vorurteil* (*oder so)" von Isobel McArthur nach Jane Austen, Regie führt Julia Friede bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall (Nachtkritik), das Tao Dance Theater führt die Performance "18" auf dem ImPulsTanz Wien-Festival auf (taz) und "Teenage Songbook of Love and Sex", inszeniert und gespielt von Jugendlichen auf dem Zürcher Festival Theaterspektakel
(NZZ).
Archiv: Bühne

Film

Wim Wenders schneidet die umstrittene Nacktszene mit der damals noch minderjährigen Nastassja Kinksi aus seinem Film "Falsche Bewegung" von 1974 und gibt in einem Statement die Hoffnung zum Ausdruck, dass aus der Kontroverse der letzten Monate ein Gespür dafür entstehe, "wie wichtig Schutz und Verantwortung am Filmset sind". Dieses Einlenken "macht sein Vermächtnis nicht kleiner, sondern größer", kommentiert Claudia Tieschky in der SZ. "Wenders hat mit dem Schnitt Verantwortung für das Kind übernommen, das er damals nicht beschützte. Er ist über den Schatten seines eigenen Denkmals gesprungen. Wie gut!" Auch Michael Hanfeld begrüßt in der FAZ Wenders' Einsicht, auch wenn diese ihm "bei einer sexualisierten Szene mit einem Kind auch schon 1974, als Wenders seinen Film drehte, in den Sinn kommen können und vor fünfzehn Jahren, als Nastassja Kinski mit ihrem Bitten begann, genauso wie heute. In all der Zeit war Wenders schlecht beraten."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek unternimmt für die Welt eine Exkursion in die Filmgeschichte der Waldbrände. David Steinitz fragt sich in der SZ, wo eigentlich die Fortsetzung zu "Barbie" bleibt. Besprochen wird Pedro Almodóvars "Bitteres Fest" (Jungle World, unsere Kritik).
Archiv: Film

Kunst

Edward Dwurnik: The Disaster of a Bountiful Harvest, 1975. Bild: Edward Dwurnik Foundation.


Im Warschauer Museum für Moderne Kunst bestaunt Bernhard Schulz für den Tagesspiegel die Ausstellung "Edward Dwurnik. Stolz und Scham". Dwurnik ist einer der bekanntesten polnischen Künstler nach 1945, er ließ sich vom Regime nicht vereinnahmen, war aber auch kein Dissident, seine Bilder zeigen, was (untergründig) in der polnischen Gesellschaft vor sich ging: "Riesige Obststände, die eine ganze Kleinstadt überfluten, darin ein glückliches Paar in Konsum-Kleidung der Siebziger; andererseits Frauen, die in mühseliger Handarbeit einen Bürgersteig pflastern, während Männer im Schatten von Bäumen herumsitzen - das sind erzählerische Werke in pop-artiger, ausdrucksstarker Gegenständlichkeit. Sie scheren sich um Dimensionen und Perspektive nicht allzu sehr und sind für jedermann zugänglich. Ihre kritische Spitze offenbart sich meist erst auf den zweiten Blick."
 
Weiteres: Michael Gotthelf bekommt von Auktionär Dirk Boll für die NZZ erklärt, warum Werke von Alberto Giacometti so hohe Preise erzielen.

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre" in der Kunsthalle Mannheim (taz), Niina Lehtonen Brauns "My body is my studio" in der Schwartzschen Villa in Berlin (taz) und "Edmund Kesting - Avantgardist" im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Die Feuilletons trauern um die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer. Mit ihrer erst vor wenigen Jahren mit "Die Bagage" begonnenen Reihe über ihre Familiengeschichte wurde sie auch einem größeren Publikum bekannt, schreibt Judith von Sternburg in der FR: "Bücher sind das, die den modischen Begriff vom Autofiktionalen aushebeln und uninteressant machen. Ja, kann schon sein, ist sicher so, dass das alles mit dem Leben der Autorin zu tun hat. Aber es ist Literatur daraus geworden." Dabei "gebot Monika Helfers Erzählkunst über die dünnst mögliche Linienführung", schreibt Ronald Pohl im Standard. "Ihre Sätze waren schmucklos, dabei von einer Widerspenstigkeit, wie sie nur solche zu Papier bringen, die sich von Autoritäten von vornherein nicht verbiegen lassen."

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Ihre Bücher sind bevölkert von "starken Frauenfiguren", schreibt Christoph Schröder auf ZeitOnline. Es sind "Frauen in einer von Männern beherrschten Welt. In einem Gespräch im Jahr 2020 sagte Monika Helfer dazu: 'Mir schien die Abhängigkeit der Frauen interessant, wie sie sich in den Generationen kaum verändern. Besonders interessant: die Abhängigkeit von sehr starken Frauen. Wenn wir von Abhängigkeit sprechen, denken wir zuerst an Schwäche. Diese Frauen aber waren nicht schwach. ... Aber es gilt in ihrer Welt das Männliche. Das Männliche heißt oft Gewalt.'" Weitere Nachrufe in der SZ und im Tagesspiegel.

"Ich war verblüfft, mehr noch, verstört", schreibt der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler in der NZZ am Samstag, nachdem er Studierenden eine eigene Geschichte und eine von einer KI in seinem Stil verfasste Geschichte vorgelegt hat und die Studierenden aber die KI-Geschichte für authentisch hielten. "So ist es also. Ein großes Weltgehirn mit Galaxien von Synapsen und Armeen von Botenstoffen schwebt irgendwo in einer Cloud und denkt sich die Menschen aus. Es arbeitet dauernd daran, besser zu sein als wir, und dafür frisst es unsern Strom und säuft unser Wasser, denn seine Gier nach unseren Algorithmen ist unersättlich. Und wir? Wir müssen darum kämpfen, unser eigenes Gehirn nicht aushebeln zu lassen und das tun, was das Weltgehirn niemals kann: lieben, seufzen, weinen, lachen."

Weitere Artikel: Der Erfolg von Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" hat dem Spielort Neapel einen Tourismusboom beschert, "der an Overtourism grenzt", berichtet Michele Coviello in der NZZ am Sonntag. In der FAZ-Reihe über die USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Tilman Spreckelsen über Jonathan Franzens "Korrekturen". Besprochen werden Carys Davies' "Das Pfarrhaus" (FR), eine Neuausgabe von H.G. Adlers "Der verwaltete Mensch" (FR), Heinz Strunks "Memories of Heidelberg" (NZZ) und neue Krimis, darunter Liz Nugents "Die Wahrheit über Ruby Cooper" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Thomas Seifert erzählt in einer Reportage für den Standard von seiner Reise in die Ukraine, wo er Clubs unter anderem in Kyjiw und Charkiw besucht hat. Vom abgebrühten Widerstandswillen der Partypeople ist er ziemlich beeindruckt: "Bei Luftalarm stoppt der Betrieb nicht automatisch. Wer will, kann jederzeit in den Luftschutzbunker gehen. Die Regel ist irgendwie logisch: In Kyjiw heulen die Luftalarmsirenen so häufig, dass kaum eine Veranstaltung stattfinden könnte, würde man bei jedem Alarm abbrechen. Das Personal beobachtet die Lage; konkrete Gefahr wird ernst genommen. Kein trotziges 'Wir tanzen immer weiter, egal was passiert', sondern eine nüchterne Choreografie der Resilienz. 'Wenn man bei jedem Luftalarm aufhören würde zu tun, was man tut, so würde das bedeuten, dass Putin gewonnen hat', formuliert es im Gespräch mit dem Standard DJ Katia Curie. ... Nach Schätzung des Clubs sind mehr als zehn Prozent der Gäste aktive oder ehemalige Soldaten. Manche kommen direkt von der Front, andere fahren am nächsten Morgen zurück."

Weitere Artikel: Ella Kurowski stellt im Standard das Musikkollektiv Radio Rudina vor, das in der Wiener Szene seit einiger Zeit für Aufsehen sorgt. Michael Pilz schreibt in der Welt über Nick Caves Jahre in Brighton. Stefan Frommann berichtet in der Welt vom Metal-Festival in Wacken.

Besprochen werden ein Konzert des Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding mit dem Pianisten Daniil Trifonov in Wiesbaden (FR), Zoh Ambas Album "Eyes Full" (FR), Këkht Aräkhs Black-Metal-Album "Morning Star" (Jungle World) und Ariana Grandes Album "petal", das laut Standard-Kritikerin Helene Slancar "vielleicht keine robuste Blüte ist, die durch den Zement der Popmusik ans Licht wächst, sondern eher a gmahde Wiesn".

Archiv: Musik