Efeu - Die Kulturrundschau

Es fühlt sich fast verboten an

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2026. Die SZ ist in München regelrecht hypnotisiert von Tord Gustavsens und Trygve Seims spirituellem Jazz. Die Kritiker lassen sich von Ersan Mondtags Salzburger Inszenierung der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" auf den Mars verfrachten - und sind reichlich verwirrt. Der Filmdienst unterhält sich mit Sandra Wollner über ihr eigenwilliges Trauerdrama "Everytime". Der Tagesspiegel erzählt aus dem Leben der "Frauenmalerin", Designerin und Bühnenbildnerin Marie Laurencin
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Ariadne". Foto: Salzburger Festspiele/Thomas Aurin

Nicht nur in Bayreuth gibt es Buh-Rufe: Auch das Salzburger Publikum tat seinen Unmut kund nach Ersan Mondtags Inszenierung der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos"bei den Salzburger Festspielen. SZ-Kritiker Egbert Tholl nimmt die Aufregung allerdings eher amüsiert zur Kenntnis. Der Regisseur lässt die Oper auf dem Mars spielen, wo ein Superreicher à la Elon Musk die Oper vorführen lässt. Das ist alles ein bisschen konfus, meint der Kritiker, außerdem gibt es zu viele Menschen auf der Bühne - positive Eindrücke bleiben trotzdem, findet Tholl: "Den stimmlich größten Zauber entwickeln die drei Nymphen Jasmin Delfs, Anja Mittermüller und Marlene Metzger. Sie sind zwar scheußlich, aber sicherlich assoziativ wertvoll angezogen, egal. Als Trio sind sie stimmlich perfekt zusammen komponiert, reine, freie Schönheit. Kate Lindsey macht es als Komponist andersrum: Stimmlich sucht sie auf einigen Abwegen nach irgendeiner Linie, darstellerisch indes ist sie fabelhaft."

Auch nachtkritiker Andreas Klaeui ist etwas ratlos angesichts dieser Inszenierung, die Musik konnte er trotzdem genießen: "Christina Nilsson zeigt sich als Primadonna erst zurückhaltend, dann umso überwältigender in der Ariadne-Rolle; Cutlers Bacchus ist ein liebenswürdig eitler Space-Vagabund mit strahlendem tenoralem Glanz. Die klein besetzten Wiener Philharmoniker bringen Strauss' chromatisch schillernde Melodielinien zum Leuchten, Dirigent Manfred Honeck setzt insgesamt auf die lyrischen, kammermusikalischen Seiten der Partitur, sein Strauss ist ein kontemplativer Strauss, auch in den bewegten Momenten noch." Eleonore Büning ist im Tagesspiegel ganz angetan vom Setting, dann wird es auch ihr zu chaotisch. In der FAZ ist Christian Gohlke geradezu entsetzt. In der Welt bespricht Manuel Brug das Stück. 

Außerdem: In der taz resümiert Regine Müller die Bayreuther Festspiele.
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Kunst

Lena Schneider erzählt im Tagesspiegel aus dem Leben der 1883 geborenen französischen Malerin, Designerin und Bühnenbildnerin Marie Laurencin, die heute fast vergessen ist. Im Museum Barberini wird man nächstes Jahr eine Ausstellung sehen können, verrät die Kritikerin und freut sich schon: "Als Malerin bevorzugte sie Aquarell, meist in zart Rosa und Blau - eine Kombination, die in zeitgenössischen Modezeitungen als 'Laurencin-Farben' bezeichnet werden. Daran, so hieß es im Symposium des Museums Barberini, zeigt sich, wie etabliert ihr Stil war, und wie eng bildende Kunst und Mode verknüpft waren." In "Zeiten harter, kubistischer Konturen und androgyner Körperideale, gilt Marie Laurencin als Malerin der Frau. Was daran liegen mag, dass sie tatsächlich vor allem Frauen malt (es galt bald als schick, sich von ihr porträtieren zu lassen). Aber auch daran, dass sie in ihrer Kunst ein vergleichsweise traditionelles Frauenbild zu reproduzieren scheint: träumende Gestalten in fließenden Gewändern und mit fließendem Haar, die nicht selten wie Prinzessinnen aussehen. Sterre Barentsen, die für das Museum Barberini die Ausstellung 2027 kuratieren wird, nennt sie 'Amazonen'."

Weitere Artikel: Im taz-Interview mit Maxi Broecking erzählt der Kurator Hans-Ullrich Obrist von der diesjährigen Ausstellung im Pavillon des Vatikans auf der Kunstbiennale Venedig: In "The Eye is the Ear of the Soul", einer Klang- und Videoinstallation, wird die Mystikerin Hildegard von Bingen geehrt.
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Stichwörter: Laurencin, Marie

Film

Unglaublich weit entfernt und trotzdem nah: "Everytime" von Sandra Wollner

Bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte Sandra Wollners "Everytime" bereits für einiges Aufsehen (hier und dort unsere Resümees), diese Woche startet das eigenwillig gestaltete Trauerdrama in den hiesigen Kinos. Kamil Moll hat für den Filmdienst sehr ausführlich mit der Autorenfilmerin gesprochen, unter anderem über Gregory Okes irisierende Kamera-Arbeit: "Mein Partner hatte mir damals eine kleine Canon-Kamera mit einem 3000-Millimeter-Objektiv besorgt, mit der ich erste Experimente gemacht habe. Ich fand diese Perspektive spannend, weil sie aus einer Reibung heraus entsteht: Man ist unglaublich weit entfernt, kann nichts tun, ist also außerhalb jeder Reichweite, und dennoch ist man so nah dran, dass man sehr intime Dinge beobachten kann. Im echten Leben würde man so ein Objektiv gar nicht auf Menschen richten wollen - es fühlt sich fast verboten an. Mich hat diese Haltung interessiert: der Gedanke, wie die Welt vielleicht auf uns schaut. ... Einerseits nehmen wir uns selbst natürlich als die wichtigsten Personen in unserem Leben wahr. Gleichzeitig müssen wir damit umgehen, dass wir für die Welt auf eine Weise auch bedeutungslos sind. Aus dieser Haltung heraus entstand dieser Blick. Aus einer Distanz, aus der niemand reagiert - ob das nun die Welt selbst ist, das Universum, Gott oder nur unsere Vorstellung davon. Mich interessiert die Frage: Betrachtet uns die Welt wirklich, oder ist es nur unser Wunsch, von ihr betrachtet zu werden?"

"Wie nimmt man Abschied in einer digitalen Umwelt, die nicht vergisst", ist die zentrale Frage dieses Films, schreibt Maximilian Steinborn auf critic.de. "Für diese Frage findet Wollner eine Fülle schmerzvoll schöner und präziser Bilder. ... Hotel, Insel, Abendhimmel und Atlantik werden zu Momenten einer fulminanten filmischen Geisterbeschwörung, bei der die Ordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bald völlig kollabiert. Nach einem positiven Sinn, der Halt oder Hoffnung stiftet, sucht man in diesen letzten Szenen von 'Everytime' vergebens. Ob wer loslässt, auch etwas gewinnt - Ruhe, Kraft, ein neues Leben? -, diese Frage blitzt im Film kurz auf, wird aber schnell wieder verworfen. Mit Gespenstern, weiß Wollner, lässt sich nicht verhandeln, nur leben lernen."

Besprochen wird außerdem György Pálfis "Lebensansichten eines Huhns" (Standard).
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Literatur

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In der FAZ-Reihe zur USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Stefana Sabin über Junot Díaz' "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao". Martin Conrads erinnert in der taz daran, dass der US-Science-Fiction-Autor Ray Bradbury in seiner Kurzgeschichte "There Will Come Soft Rain" den heutigen 4. August 2026 zu jenem Tag erklärt hat, an dem der atomare Weltkrieg alles verheert. Michael Wurmitzer wirft im Standard einen Blick darauf, was Barack Obama und Alexander van der Bellen in diesem Jahr auf ihren Sommer-Leselisten haben. Andreas Platthaus (FAZ) und Paul Jandl (NZZ) schreiben zum Tod der Schriftstellerin Monika Helfer (weitere Nachrufe bereits hier). Außerdem meldet Platthaus in der FAZ, dass die Literaturkritikerin Sigrid Löffler ihren Vorlass dem Deutschen Literaturarchiv Marbach überlässt.

Besprochen werden unter anderem Lukas Bärfuss' "Königin der Nacht" (FR), Maria Revas "Ein Königreich für eine Schnecke" (taz), Nikolaus Heidelbachs Bilderbuch "Simone" (FR) und Lars Behrischs "Democracy's Double Helix" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Der Pianist Tord Gustavsen und der Saxofonist Trygve Seim haben beim Münchner Jazzkonzert mit ihrer in spiritueller Trance gehaltenen Musik nicht nur SZ-Kritiker Andrian Kreye regelrecht hypnotisiert: "Gustavsen kann die Töne eines Flügels so fein modellieren, als spiele er die Saiten nicht mit Filzhämmern, sondern Rosshaarbögen. Seim dagegen bearbeitet die Luftsäulen seiner Instrumente mit dem Schönheitssinn eines Michelangelo, der aus dem Strom immer neue Motive herausarbeitet, die in ihrer Einfachheit eine enorme Präsenz entwickeln. Um sie dann wieder in eine Askese zurückzuholen, bei der man dann, um bei der Bildhauerallegorie zu bleiben, bei Giacomettis Gespür landet, die Luft um die Form herum zum Schwingen zu bringen." So entstand ein "Sog, in dem ein ganzer überbuchter Jazzclub die Cocktailgläser zwischen den Applauswellen stehen ließ", auch "wenn man (zugegebenermaßen) mit dem Elegischen des nordischen Jazz sonst nicht so viel anfangen kann. Denn es war eben nicht die Elegie, sondern die Katharsis der Kantate und des Blues, mit der die beiden einen in eine Sommernacht entließen, die mit ihrer Glut daran erinnerte, dass Trance im besten Fall eine Befreiung sein kann."

Hier ein Ausschnitt aus einem früheren Konzert:



Außerdem: Ralf Sotscheck schreibt in der taz einen Nachruf auf den irischen Folkmusiker Glen Hansard. Dagmar Leischow porträtiert in der taz den Rapper FaithMC, der seit einem Unfall in einem Rollstuhl sitzt. Marco Schreuder spricht für den Standard mit der australischen ESC-Sängerin Delta Goodrem. Besprochen werden das Jazzalbum "Hindemith Abstractionis" von Schmid's Huhn (FR), Bob Spitz' Buch über die Rolling Stones (NZZ), diverse Wiederveröffentlichungen aus Pop, Rock und Jazz (Standard) und Bibizas Album "Rocknrollst★r" (Standard).

Archiv: Musik