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07.08.2026. Weniger Kunstverachtung und Marketinggags bitte, ruft die SZMatthias Lilienthal zu Beginn seiner Volksbühnenintendanz zu. ND erfüllt dem Schriftsteller Joachim Lottmann einen Wunsch: Ein Nachruf zu Lebzeiten auf einen Künstler, den die Wirklichkeit high macht. Die FAZ lernt von dem Wiener Konzeptfotografen Fritz Simiak, wie man Bachs h-Moll-Messe in Fotos von Zäunen übersetzt. Und die NZZ stellt fest: In Italien hört man nur noch alte Schlager.
Peter Laudenbach hat in der SZ inzwischen die Nase voll von den Marketinggags Matthias Lilienthals, der Theater offenbar mit einer Event-Agentur verwechsle. Zum Auftakt seiner Volksbühnen-Intendanz hat Lilienthal nun einen Swimmingpool vor das Haus setzen lassen und verkündet, er wolle damit dem Senat helfen - auch wenn eben jener 300.000 Euro dafür ausgeben durfte. Vor allem aber geht Laudenbach die "unangenehme Kunstverachtung" auf die Nerven, die bei Lilienthal stets mitschwinge: "In einem seiner Promo-Interviews hat Lilienthal billigste Ressentiments bemüht, um über die 'hohe Kunst' und 'gut sprechende Schauspieler' zu spotten, 'die irgendwelche Verse von Goethe oder Schiller hinhauchen'. Und ja, so denken viele. Aber weshalb will der Mann unbedingt ein Theater führen, wenn ihn 'gut sprechende Schauspieler' so langweilen? Mit seinem Planschbecken und einer ranzig gewordenen Avantgarde-Behauptung, die schon vor drei Jahrzehnten, also zu Lilienthals bester Zeit, mehr anachronistische Pose als irgendwie aufregend war, signalisiert der Volksbühnen-Intendant vor allem, dass er seinem Theater weniger Anziehungskraft zutraut als einem Freibad."
Szene aus "Lucio Silla". Foto: Marco Borelli Christian Gohlke zieht in der FAZ den Hut vor Dirigent Adam Fischer und Regisseurin Birgit Kajtna-Wönig, die Mozarts früheste, aber nicht einfach zu spielende, da semikonzertante Oper "Lucia Silla" gerafft auf die Bühne der Salzburger Festspiele bringen: "Wie Mozart ... das Wiedersehen der Geliebten am Ende des ersten Aktes in einem Duett kulminieren lässt, ist ebenso erstaunlich wie der groß angelegte Schluss im Senat des zweiten Aktes, in dem Giunia als eine Figur am Rande des Wahnsinns erscheint, die über einem hastenden Violinmotiv nur noch kurze Satzfetzen hervorstoßen kann - und dann in Koloraturen ausbricht, wenn im Text von 'spasimi', Krämpfen, die Rede ist ('Parto, m'affretto'). Verständlich, dass Celia, mit klar geführtem Sopran gesungen von Lilit Davtyan, die ausweglos scheinende Lage der Dinge mit dem tobenden Sturm vergleicht, und Martina Russomanno als Cinna mit kraftvollen Akzenten das Leben der einfachen Hirten dem der Diktatoren entgegenstellt ('De' più superbi il core')."
Weiteres: In der FR blickt Wilhelm von Sternburg zurück auf die letzten 74 Jahre der Festspiele in Bayreuth. Besprochen werden außerdem Martin Finnlands Inszenierung "Das Schiff" von Nesterval auf Kampnagel (nachtkritik) und Martin Kreidts Inszenierung "Wegener vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl (nachtkritik).
Hannes Hintermeier porträtiert für die FAZFritz Simiak, einst Wiener Sängerknabe, dann Konzeptfotograf und bedeutender Sammler, dessen Bilder sich unter anderem im Wiener Mumok oder in der Albertina befinden. Interessant ist vor allem, wie die Musik Simiaks Fotografie prägte: "Für seine 'Zaun-Sequenz' (1972) nimmt er den Zaun um Omas Obstgarten mit seinen acht Feldern in 64 Bildern auf, das erste Bild orthogonal, die folgenden in spitzer zulaufenden Winkeln, und das Ganze dann von Feld 8 an beginnend in der Gegenrichtung, jeweils die Aufnahmeposition um ein Feld wechselnd. Erst später sei ihm aufgegangen, dass er nur nachgeahmt habe, was er als erster Sopran der Wiener Sängerknaben bei der Einspielung von Bachsh-Moll-Messe durch Nikolaus Harnoncourt und Hans Gillesberger 1967 gelernt habe - die Sequenzierung des Motivs, in seinem Fall durch die Bewegung im Raum vor dem Objekt."
Es ist das erste Mal, dass die armenisch-ägyptische Künstlerin Anna Boghiguian in Armenien ausstellt. Avedis Hadjian hat für Hyperallergic mit der Künstlerin gesprochen und die Schau "Weaving Culture" in der Nationalgalerie in Eriwan besucht, in der Boghiguian Motive traditioneller armenischer Teppiche in 37 Teppichen neu interpretiert: "Anstelle der Vertreibung aus dem Paradies finden wir 'Engel verwandelt sich in einen Vogel und umgekehrt' sowie das monumentale Werk 'Bäume haben ein Gedächtnis' mit unwahrscheinlichen Farben, die dennoch der armenischen Landschaft entsprechen. Tatsächlich war eines der unbeabsichtigten technischen Nebenprodukte von 'Weaving Culture' die Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung neuer Naturfarbstoffe für Wolle, was zur Erzeugung von mehr als 200 Farbtönen führte. Die Teppiche wurden von sechs vertriebenen armenischen Weberinnen aus Bergkarabach geschaffen, die Boghiguians Zeichnungen in gewebte Kunst umsetzten."
Der SchriftstellerJoachimLottmann ist schwer krank, lebt aber noch. Frank Jöricke widmet ihm im ND dennoch schon mal einen Nachruf - weil Lottmann ihn vor seinem Ableben gerne gelesen hätte: "Lottmann muss schreiben, um die Gegenwart zu verarbeiten", er "wagte stets aufs Neue den Sprungturm-KöpperinspralleLeben", erinnert sich Jöricke. "Wir haben Joachim Lottmann für seine Übertreibungen und Verfremdungen - ob in Roman, Artikel, Blog oder Facebook-Post - geliebt. Seine tolldreisten Lügen waren wahrhaftiger als sämtliche 'Tagesschau'-Sendungen. Sie erklärten uns diese schrecklich schöne Welt, die wir bis heute nicht richtig verstehen. Sein Roman 'Sterben war gestern' verriet uns mehr über das Leben in Zeiten der Corona-Pandemie als sämtliche Reportagen und Studien. Und nach 'Endlich Kokain' begriffen wir endlich, warum Menschen Drogen nehmen (und warum eigentlich noch viel mehr Menschen es tun sollten). Deshalb ist es höchste Zeit, DANKE zu sagen. ... Er muss schon in jungen Jahren begriffen haben: Das Leben ist zu kurz für Nostalgie und hehre Visionen. Uns allen bleibt nur die Jetztzeit."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: In der FAZ-Reihe zur USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Andreas Platthaus über Percival Everetts "James". Lothar Müller schreibt in der SZ zum Tod des Verlegers KlausG. Saur. Besprochen werden unter anderem Isabella Feimers "Dreiundsiebzig Quadratmeter" (Standard), Hans Coppi jrs "Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi" (taz), Asma Mhallas "Cyberpunk - Das neue totalitäre System" (taz), Hannah Häffners "Die Riesinnen" (SZ) und Jochen Missfeldts "Abschiedssommer" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Dunja Bialas unterhält sich für Artechock mit SandraWollner über deren Film "Everytime" (hier von Artechock, dort von uns besprochen). Derweil ärgert sich Rüdiger Suchsland in seiner beistehenden Artechock-Kolumne über die SZ, die den Film Tage vor dem Start mit der Überschrift "Darf man von diesem Film genervt sein" für sein magisch-realitisches Ende abgewatscht hat: "Vor allem im Kino muss es doch darum gehen, unsere Dimensionen zu erweitern, unsere Vorstellung von der Wirklichkeit zu sprengen, zum Zerplatzen zu bringen oder meinetwegen auch ganz zart und achtsam aufzulösen und durchlässig zu machen. Wenn man von so einem Film wie 'Everytime' bereits genervt ist, dann bin ich heilfroh, dass diese ach so genervten, nach so gestressten Filmkritiker von heute noch nicht auf der Welt waren und keine Filmkritiken geschrieben haben, als LuisBunuel gemeinsam mit Salvador Dali mit der Rasierklinge ein Frauenauge zerschnitt; oder als FritzLang einen Serienmörder verteidigte und vorher schon das große Verbrechen eines Achsensprungs begangen hat - genau aus dem gleichen Grund, warum Sandra Wollner tut, was sie tut - nämlich um die Wirklichkeit aus den Angeln zu heben."
Außerdem: Bert Rebhandl (Standard) und Urs Bühler (NZZ) porträtieren IsabellaRossellini, die beim Filmfestival Locarno geehrt wird. Besprochen werden GrégoryMagnes "Der Klang der Stradivari" (Welt, Artechock), EliRoths Metzelfilm "Ice Cream Man" (Standard) und der ZDF-Vierteiler "München Beats" (FAZ).
Ganz aufgescheucht vom italienischen Musikkritiker Gino Castaldo, der unter der Überschrift "Lasciateci cantare" ("Lasset uns singen") vor kurzem Alarm geschlagen hat, hört sich Luzi Bernet für die NZZ in der aktuellen Produktion der musica leggera um und teilt den Befund: Dem Land des Belcanto kommt der jährliche Sommerhit abhanden, auf den sich jede Strandparty einigen kann. "Etwas stimme einfach nicht mehr im Land, schreibt Castaldo, wenn nicht einmal mehr die Nische des Sommerhits funktioniere. Wenigstens 'die Drecksarbeit der Realitätsflucht sollte die Musik doch noch erledigen können', klagt der Kritiker. ... Freilich: Es wird schon noch gesungen", doch "es sind meist die alten Schlager ... In Italien weht ein konservativer Zeitgeist. Das alternde Land, das eine der tiefsten Geburtenraten auf der Welt aufweist, sucht Trost in der Vergangenheit. Nostalgie hat weite Teile der Gesellschaft erfasst, so auch in der Musik. Die neuen Hits sind die alten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Italopop-ExperteEricPfeil, aktuell selbst im Land unterwegs, widerspricht in einer Postkarte auf Facebook indessen: Sollte es ihn etwa doch geben, jenen einen großen Italohit der Saison? "Ma certo: Tommaso Paradisos 'Agitare Coca Cola'. ... Der Mann ist so etwas wie der neue Umberto Tozzi - einer, der vermutlich sogar beim Aufräumen seines Kellers eine Sonnenbrille trägt. Seit Jahren schreibt er immer wieder denselben Song - dieser ist aber wirklich sehr gut. ... Der Song huldigt einer schmerzlich vermissten, gleichwohl zum Chaos neigenden Person, deren lästige Angewohnheit es ist, Colaflaschen zu schütteln und dann einfach abzuhauen, während sich die Zurückbleibenden mit dem Ergebnis herumschlagen müssen. Viel Spaß für wenig Geld."
Ach, warum denn in die Ferne schweifen, ruft derweil in der SZ Joachim Hentschel: Der Sommerhit 2026 kommt nämlich aus Deutschland, heißt "Wenn Du tanzen willst" und ist von Lotte. Das "ist schon deshalb der ideale Favorit, weil er gut hörbar zu einer Tageszeit spielt, in der es auch in Rekordsommern nicht ganz so heiß ist: gegen Abend, wenn die Vernünftigen und Schönen aus ihren Löchern kriechen. Oder am frühen Morgen, wenn die Geister noch wach sind, die oben auf den Häuserdächern durchgemacht oder in den Souterrains vor Melancholie, SchmerzoderVerliebtheit gar nicht erst geschlafen haben."
Weitere Artikel: Sophie Emilie Beha gibt in der taz über aktuelle Veröffentlichungen aus der Welt von Gamelan, der "traditionellen Ensemblemusik Indonesiens, insbesondere Javas und Balis". Aurelie von Blazekovic ärgert sich in der SZ darüber, wie der Körper der in letzter Zeit tatsächlich sehr dünn gewordenen Popsängerin ArianaGrande auf Social Media kommentiert und Grande mit guten wie bösen Ratschlägen überhäuft wird. Die Agenturen melden, dass der italienische Sänger FrancescoGuccini im Alter von 86 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden JensBalzers Buch "Confusion Is Next" (nicht nur) über die Popkultur der Nullerjahre (FR), das neue Album von Charli XCX (taz), ein Konzert der israelischen Band Haze'evot in Berlin (taz) und das neue Album von Brutalismus 3000 (FR).
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