Efeu - Die Kulturrundschau

Vulgärer, schneller, heißer

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06.08.2026. In Salzburg knien die Theaterkritiker nieder, wenn Dirigent Maxime Pascal die rauschhafte Emotionalität von Messiaens "Saint Francois d'Assise" erklingen lässt. In der FAZ sehnt sich der Regisseur Christoph Hochhäusler nach einer europäischen Öffentlichkeit des Kinos. Die Welt blickt in München überwältigt auf monumentale Papierarbeiten von Dana Schutz. Die taz lernt in Heidelberg von Andrea Pichl, was DDR-Lauben, NS-Behelfsheime und Baumarktgartenhäuschen gemein haben.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Saint Francois d'Assise". Foto: Monika Rittershaus

Dieses Jahr jährt sich der Tod von Franz von Assisi zum 800. Mal - und kein Geringerer als Romeo Castellucci nimmt sich bei den Salzburger Festspielen Oliver Messiaens Monumentaloper "Saint François d'Assise" vor. SZ-Kritiker Egbert Tholl ist überwältigt von Castelluccis "karger und kluger" Inszenierung, vor allem aber von der Musik, dirigiert von "Wundermann" Maxime Pascal, der es schafft, "das vollkommene intellektuelle Durchdringen der Partitur in rauschhafte Emotionalität zu übertragen". Denn Messiaen "komponierte riesige Blöcke, die teils unverbunden, teils in aufregender Korrespondenz zueinander stehen, elektrisierende Schlagwerkgewitter neben sägenden, singenden, später dröhnenden Streicherpassagen - und die Masse an Bläsern drängt sich immer wieder dazwischen. Es entsteht ein irrer Sog, obwohl Messiaen keineswegs im Sinne einer variierenden Fortentwicklung komponiert; bei ihm wird das Beharren zur Droge. Auch das stundenlange Beharren auf der Wiedergabe einer Fülle von Vogelstimmen - Messiaen war der größte Ornithologe unter den Komponisten, die Natur war seine Lebenskunstinspiration."

Auch Nachtkritiker Tobias Gerosa ist hingerissen von der Musik, allein Castelluccis Inszenierung kann ihn nicht überzeugen, denn "was auf der Bühne zu sehen ist, bemüht sich … kaum, das Publikum in die Geschichte zu holen. Dafür können der Bariton Philippe Sly, der die enorm große Partie Franziskus' mit großer Textverständlichkeit gestaltet, und das Ensemble nichts. Die Inszenierung scheint ganz auf sich selber bezogen, schafft wie eine eigene Welt ohne Zugang. Ständig sucht man nach Zeichen, die man irgendwie deuten könnte oder eben müsste." In der FAZ erkennt ein rundum angetaner Jan Brachmann in der Inszenierung auch einen letzten Triumph des geschassten Intendanten Markus Hinterhäuser. Eine der besten Produktionen des Jahres, jubelt Eleonore Bühning im Tagesspiegel.

Weitere Artikel: In der Zeit zieht Christine Lemke-Matwey eine eher enttäuschte Zwischenbilanz der Salzburger Festspiele. In der SZ atmet Dorion Weickmann auf: Endlich sind auch über 40-jährige Tänzerinnen auf der Bühne zu sehen, nicht zuletzt dank der neu gegründeten WINN-Dance Company, die, unter anderem unter Leitung von John Neumeier bei der Biennale Danza in Venedig mit großen Namen wie Diana Vishneva, Igone de Jongh, Mara Galeazzi, Silvia Azzoni und Kayoko Everhart ihr Debüt gab. Für die NZZ urteilt der Politikwissenschaftler James W. Davis recht gnädig über den KI-"Ring" in Bayreuth.
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Musik

Corina Kolbe spricht für die NZZ mit Daniel Hope über dessen Pläne für das Musikfestival in Gstaad. Besprochen werden Spookymans Album "The Spookalicious Space Sound of Spookyman & his Acousmatic Orchestra" (Standard), ein Auftritt von Ásgeir in Frankfurt (FR), Samuel Hasselhorns Schubert-Aufnahme "Hoffnung" (FR) und Apsilons Album "Glanz Null", für Standard-Kritiker Christian Schachinger "eines der relevantesten Zeugnisse des deutschen Hip-Hop der letzten 30 Jahre".

Archiv: Musik

Literatur

"Wer seinen Text von einer künstlichen Intelligenz schreiben lässt, entscheidet sich für eine Sprache, die so tut, als wäre alles selbstverständlich", schreibt Florian Illies in der Zeit und tätschelt der KI das virtuelle Köpfchen. Fehlt ihr doch "das Sonnenlicht und der Zeitdruck, ihr fehlt die Unterbrechung durch das aufgewachte Kind oder die piepende Waschmaschine, ihr fehlt das Abschweifen der Gedanken zurück in einen lange vergangenen Sommer, ihr fehlt also: dass ihre Texte durch einen Körper gegangen sind, durch eine Seele, nicht nur durch eine Datenleitung. Ist es nicht tröstlich, dass genau dies den Maschinen immer fehlen wird? Wir sollten anfangen, sie dafür zu bemitleiden."

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Weiteres: In der FAZ-Reihe zur USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Eva Goldbach über Yaa Gyasis "Heimkehren". Berit Dießelkämper hat für die Zeit den Schriftsteller Tony Tulathimutte in Brooklyn besucht. Katrin Hörnlein spricht in der Zeit mit Bibi Fatima Musavi, die mit dem Jugendroman "Girls Like Me" ihr Debüt vorlegt. Christoph Schröder schreibt in der Zeit einen Nachruf auf die Schriftstellerin Monika Helfer (unser Resümee zu ihrem Tod hier). Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum Tod des Verlegers Klaus G. Saur. Und die Agenturen melden, dass der französische Schriftsteller Didier Decoin gestorben ist.

Besprochen werden Anne Goscinnys "Das Klimpern der Schlüssel" mit Erinnerungen an ihren Vater, den Comicautor René Goscinny (FR), Julia Zejns und Matthias Lehmanns Comic "Die Summe seiner Teile" (Tsp), Elfriede Jelineks Theaterstück "Unter Tieren" (SZ), Şeyda Kurts Debütroman "Zeit der Monster" (NZZ), Paul Ingendaays "Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939" (Zeit) und weitere neue Sachbücher, darunter Kohei Saitos "Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

"Es geht darum, sich Freiheit zu erobern im Korsett", beschreibt der Regisseur Christoph Hochhäusler im FAZ-Gespräch mit Daniel Moersener, aus dem man wirklich fast jeden Absatz zitieren möchte, nicht nur den Touch seiner eigenen Filme, sondern vielleicht auch die Film-Arbeit in Deutschland unter den Bedingungen der nationalen Filmförderung. Von nationalen Kinematografien hält Hochhäusler wenig: "Ich will eigentlich eine mindestens europäische Öffentlichkeit des Kinos. ... Deutscher Film will kulturell und kommerziell erfolgreich sein, er soll populär sein und Festivalpreise abräumen. Diese Gegensätze zerreißen das Kino. Man könnte viel eindeutiger sein. Das Kommerz-Kino sollte viel vulgärer, schneller, heißer sein. ... Aber nein, es wird veredelt, durch Porzellan." Und "umgekehrt wird auch der Kunstfilm durch die tastemakers in der Förderung abgerundet. Beide Seiten sind damit benachteiligt. ... Deutschland fürchtet sich verrückterweise vor einer Tradition des Kinos. Alle großen Brüche des deutschen Kinos ... wurden letztlich staatlich abgewickelt."

Birgit Minichmayr in Sandra Wollners "Everytime"

Zu Sandra Wollners "Everytime" hatten wir vor wenigen Tagen schon ein Resümee. Im Perlentaucher zeigt sich Lukas Foerster von dem in Cannes sehr gefeierten Trauerdrama zwar durchaus angetan - in den teils überschäumenden Lobesgesang seiner Kolleginnen und Kollegen kann er trotzdem nicht einsteigen. Das liegt vor allem am Mittelteil, der einen traurigen Sommer in Berlin zeigt: "Alltag als profanes Fegefeuer, in dem es nur falsche Alternativen gibt." Fürs letzte Drittel wechselt der Film auf die Insel Teneriffa, "die Wollner filmt, als wäre sie ein ferner Planet". Hier erst wird der Film zum "virtuosen Spiegelkabinett und tatsächlich so aufregend, dass man sich wünscht, Wollner hätte den Sprung auf die Insel bereits deutlich früher gewagt." Weitere Besprechungen in FR, Welt und Zeit.

Fiebrig, aber analytisch genau: "Dead Man's Wire" von Gus van Sant

Gus van Sants neuer, letztes Jahr immerhin in Venedig (wenn auch außer Konkurrenz) gezeigter Film "Dead Man's Wire" kommt trotz deutscher Produktionsbeteiligung hierzulande leider nicht ins Kino, sondern gleich auf DVD heraus. Der Film erzählt von einem Entführungsfall im Jahr 1977, der in den USA auch durch die mediale Live-Ausschlachtung für viel Aufregung sorgte - und hat immerhin Al Pacino in einer kleinen Nebenrolle vorzuweisen. Der Regisseur "lässt das Archivmaterial sehr bewusst außen vor", schreibt Ekkehard Knörer in der taz, und "hat stattdessen mit umwerfender Liebe zu den Details einen Film als veritable Siebziger-Jahre-Zeitkapsel inszeniert: mit allem Kleidungs-Drum und Musik-Dran, mit verwaschenen Fernsehaufnahmen und Splitscreens, mit Original-Sound und -Slang und -Bart und -Frisur." Doch der Blick auf die Figuren "bleibt bei aller Fiebrigkeit analytisch genau."

Weitere Artikel: Auf der Creator's Conference in München wurde unter anderem mit Daniel Kehlmann darüber diskutiert, was die KI fürs Erzählen etwa von TV-Serien bedeutet, berichtet Susanne Gietl im Filmdienst. Esther Buss schreibt im Filmdienst über Isabella Rossellini, die beim Filmfestival Locarno mit dem Excellence Award ausgezeichnet wird. Marius Nobach empfiehlt im Filmdienst die kleine Catherine-Breillat-Werkschau bei Arte.

Besprochen werden Hanna Bergholms Horrorfilm "Nightborn" (Perlentaucher, critic.de, taz), György Pálfis "Lebensansichten eines Huhns" (FR, FAZ), Eli Roths Horrorfilm "Ice Cream Man" (SZ), der auf HBO Max gezeigte Dokumentarfilm "Bang My Box" über die Pornodarstellerin und Sex-Educatorin Robin Byrd (FAZ) und die vierte Staffel von "Ted Lasso" (Tsp).
Archiv: Film

Kunst

Dana Schutz, Catcher, 2026, Kohle auf Papier. Courtesy the artist, Contemporary Fine Arts, Berlin - Basel, and David Zwirner, Foto: Kerry McFate

Nach großen Retrospektiven in Paris und im dänischen Humlebaek beendet die amerikanische Künstlerin Dana Schutz ihren "generalstabsmäßig durchexerzierten Europa-Feldzug" in der Münchner Pinakothek der Moderne mit der Schau "Trouble and Appearance". Die monumentalen Bronzen und meisterhaften Gemälden hauen Welt-Kritiker Cornelius Tittel um - und doch beeindrucken ihn vor allem die Papierarbeiten, darunter "Kohlearbeiten wie das sechs Meter breite Totenbild 'Catcher' oder die an Max Beckmann erinnernde 'Table Scene', die dann vollends wirken, als seien sie nicht mehr von dieser Welt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit orchestriert Dana Schutz ihre Mittel, lässt ohne die Möglichkeit einer Korrektur ihren Strich Körperkonturen auf sechs Meter Breite spannen und setzt die unterschiedlichsten Zeichenmodi - von kalt bis heiß, von fast schon skulptural wirkender Schraffage bis zur nervös-abstrakten Geste - auf eine so noch nicht gesehene Art ein".

"Niederschwellig" ist hier nichts mehr, atmet Uwe Mattheiss in der taz auf, nachdem er gesehen hat, mit welchen Ausstellungen Fatima Hellberg, neue Direktorin des Wiener Museums Moderner Kunst, startet. Die ausgestellten Werke von Anna Viebrock, Tolia Astakhishvili und Kate Millett eint, dass sie politische Diskurse durchbrechen und Ambivalenzen aushalten, freut sich der Kritiker, etwa mit Blick auf Arbeiten von Anna Viebrock: "Elemente aus Viebrocks Bühnenarbeiten tauchen Sammlungstücke des mumok in neue Kontexte. Aus dem Modell für Ferruccio Busonis 'Doktor Faust' sind graue Kirchenbänke wiedererstanden. Von ihnen aus blickt man auf Collagen von Gerhard Rühm, im 'Opferstock' nebenan entzündet Carla Degenhardt Kerzen mit aufgedruckten Fürbitten einer Künstler:innenexistenz im Neoliberalismus: 'Einzelausstellung, gute Kritik, Dokumentateilnahme …' Zwischen Pointen bleiben Reservate des Unbehagens. Thomas Ruffs Serie 'Zeitungsfotos' korrespondiert mit Lutz Bachers Druckserie 'Firearms' und macht Zeitgeschichte als Gewaltgeschichte lesbar."

Weitere Artikel: Stefan Trinks kritisiert in der FAZ die Rede, die der Pompeji-Archäologe Gabriel Zuchtriegel bei der Präsentation einer Rekonstruktion des Doryphoros von Polyket in Anwesenheit von Italiens Kulturminister Alessandro Giuli hielt und in der er darlegte, dass der griechische Athlet auch ein Nordafrikaner hätte sein können. Ebenfalls in der FAZ stellt Frauke Steffens den von dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Santoro entwickelten "AI Provenance Assistant" vor, der mittels KI in aller Welt verstreut Provenienzdaten durchsuchbar machen soll. Besprochen wird außerdem die Katja-Schenker-Ausstellung "Caryatids Go for a Swim" im Zürcher Haus Konstruktiv (NZZ).
Archiv: Kunst

Architektur

Allerhand über deutsch-deutsche Geschichte lernt Beate Scheder (taz) ausgerechnet in Heilbronn, denn in der dortigen Kunsthalle Vogelmann stellt die Berliner Künstlerin Andrea Pichl unter dem Titel "deutsch deutsch" ihre Werke aus, die sich unter anderem der Frage widmen, welche Spuren Ideologien in Architekturen hinterlassen: "Pichl bearbeitet ihre Themen mit Fundstücken, Skulpturen und Zeichnungen. In die beiden Obergeschosse hat sie Nachbauten von DDR-Lauben, NS-Behelfsheimen - da schon setzt Pichl mit ihren Recherchen an - und aktuellen Baumarktgartenhäuschen gestellt. Äußerlich weisen sie Ähnlichkeiten auf, vergleichbar erscheinen sie auch darin, wie sie in standardisierter Form und ideologisch aufgeladen Vorstellungen eines privaten Glücks propagieren, nur eben in anderen Kontexten."

So soll künftig die Ludwigstraße aussehen. Foto © MDP Michel Desvigne Paysagiste SARL, Paris

Die Münchner Ludwigstraße soll mit Stauden, Baumhainen und sonstigem Grün "aufgelockert" werden, das französische Landschaftsarchitekturbüro MDP Michel Desvigne Paysagiste SARL hat einen entsprechenden Wettbewerb gewonnen. Hier sein Entwurf. In der SZ graut Gerhard Matzig vor dieser "ahistorischen Banalität im Flecktarnmodus": "Dabei stellt sich niemand grundsätzlich gegen die urbane Klimaanpassung durch Grünräume. Doch in diesem Fall geht es um das Zusammenspiel von freier Blickachse und der raumbildenden Fassaden-Architektur. Die unverstellte Wahrnehmung der architektonischen Schauelemente als Dominanten macht erst den besonderen Reiz der Ludwigstraße aus." Dabei besitzt München "zahllose breite Verkehrsachsen, überdimensionierte Asphaltflächen, versiegelte Plätze und Relikte der Autogerechtigkeit, die sich viel eher" für Begrünung anbieten, findet Matzig.
Archiv: Architektur