Efeu - Die Kulturrundschau
Ab Himbeerrot tut es weh
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21.08.2026. Die FAZ bewundert die flagellantische Russlandaustreibung der litauischen Theatermacherin Agnietė Lisičkinaitė. Außerdem applaudiert sie Cyril Aris Spielfilmdebüt "A Sad and Beautiful World" über den Krieg im Libanon. Die FR blickt in Frankfurt melancholisch auf eine Zeit zurück, in der Grafikdesign ohne KI möglich war. Die taz tritt mit Catherine Christer Hennix in Karlsruhe durch die Schwingtüren des Transfeminismus.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.08.2026
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Film

Beim Filmfestival in Venedig erhielt "A Sad and Beautiful World", das Spielfilmdebüt des Libanesen Cyril Aris, vor einem Jahr den Publikumspreis, nun kommt das durch Jahrzehnte libanesischer Geschichte erzählte Liebesdrama auch bei uns in die Kinos. "Die Allgegenwärtigkeit von Chaos und Krieg in Libanon zeigt Aris nicht direkt", schreibt Antonia Krinninger in der FAZ. "Dass Yasmina und Nino im Bürgerkrieg geboren werden, erschließt sich nämlich erst über den Kontext. Dass sich die Wirtschaftskrise immer weiter zuspitzt, erkennt man in den Gesichtern der Protagonisten. Yasminas Gesicht scheint fast in sich zusammenzufallen, je länger die Unruhen anhalten. Ninos Küche wird zum Symbolbild. Von der Oase, wo ihm sein Großvater die kulinarischen Geheimnisse weitergegeben hat und Menschen zusammenkommen sind, bleibt am Ende eine graue Blechruine."
Weiteres: Felix Knorr widmet sich im Filmdienst dem noch überschaubaren Werk von Horror-Auteur Jane Schoenbrun, deren Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" gerade bei uns im Kino läuft (aktuelle Besprechungen im Standard, auf Artechock und bei uns). Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock die Münchner Retrospektive mit Filmen von Bernhard Sinkel. Daniel Haas verneigt sich in der NZZ vor dem Action-Schauspieler Jason Statham, den er für einen "sympathischen Toxiker" hält, der im Herbst seines Lebens auch "in Neufassungen von Ingmar-Bergman-Filmen brüten und schweigen könnte".
Besprochen werden Saša Vajdas "The Lights, They Fall" (Tsp, unsere Kritik), Massoud Bakhshis "All My Sisters" (Artechock), Philippe Lacheaus Animationsfilm "Marsupilami", der in Frankreich Millionen in die Kinos gelockt hat (Artechock, Welt), die auf Netflix gezeigte Nordic-Noir-Serie "Blutopfer" (FAZ) und Regina Schillings in Deutschland bereits im Juni gestarteter Film "Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war" mit Sandra Hüller (NZZ).
Architektur
Dass durch die extreme Dürre immer mehr archäologische Funde aus dem Wasser, etwa Hafenanlagen oder Brückenpfeiler, zum Vorschein kommen, klingt erstmal nicht schlecht. Warum dem nicht so ist, erklärt Lukas Werther, stellvertretender Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, im FAZ-Gespräch mit Antonia Krinninger: "Diese Hölzer lagen teilweise tausend oder zweitausend Jahre lang im Wasser und haben sich deshalb so gut erhalten. In dem Moment, in dem sie mit Sauerstoff in Kontakt kommen, zersetzen sie sich. Das ist im Prinzip Kompostierung. Für uns ist das ein riesiges Problem. Wir sprechen hier von einzigartigen archäologischen Quellen, von denen nichts mehr übrig bleibt, wenn sie nicht mehr im feuchten Boden liegen. Wir können nicht viel dagegen tun, weil das auf so großer Fläche passiert. So schnell können wir gar nicht graben, um alles zu schützen."
Kunst
Volker Zander (taz) taucht tief ein in das Gesamtwerk der Mathematikerin, Komponistin, Dichterin, Künstlerin und Musikerin Catherine Christer Hennix, der der Badische Kunstverein in Karlsruhe derzeit die Ausstellung "Cosmological Critque" widmet. Neben Einflüssen Lacans und des Sufismus erkennt Zander hier auch, wie früh der Transfeminismus im Werk der Künstlerin, die sich aber den 1990ern C.C. Hennix nannte, eine Rolle spielt: "Das erste C steht für ihren selbstgewählten Namen Catherine, das zweite C für ihren männlich gelesenen Geburtsnamen Christer. Diesem transfeministischen Komplex im Werk von Hennix sind die Kabinette des Kunstvereins gewidmet. Eine doppelte Schwingtür - die eine Seite rot, die andere blau - hängt zwischen den Kabinetten. Wer von der einen Seite zur nächsten will, kann zwischen einem roten, männlichen 'Hommes'-Flügel oder einem blauen, weiblichen 'Femmes'-Flügel wählen, oder auch beide gemeinsam aufschwingen lassen. An den Wänden verschlungene, ausladend große, wieder rot blau gefärbte Papierschleifen, unschwer als Kombinationen aus Möbiusschleife und Lacans Borromäischem Knoten zu erkennen."
Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn will sich dezidiert an ein "nichtexklusives Publikum" richten - doch die Werkschau mit 45 Schautafeln mit Dokumenten, Zeichnungen und Fotos vergangener Installationen, die Philipp Meier (NZZ) im Bündner Kunstmuseum sieht, scheint das Gegenteil zu versprechen. Angelehnt an Aby Warburgs Bilderatlas einer "Kunstgeschichte ohne Worte" mit rund tausend Bilddokumenten zur Wirkung der Antike auf die abendländische Kunst blickt Hirschhorn hier auf sein "eigenes visuelles Universum" zurück: "So gilt eine Tafel dem temporären Denkmal, das Hirschhorn jüngst in Genf Simone Weil gesetzt hat. Die Dokumentation macht die von Hirschhorn eingerichtete Bastelstube unter der Kuppel des Pavillon Sicli von April bis Mitte Juni dieses Jahres nochmals erfahrbar. Von deren Wänden beobachtete die französische Philosophin mit ihrer unverkennbaren Nickelbrille auf Fotoporträts das bunte Treiben: Da fanden sich jeden Tag Menschen ein zum Kaffeetrinken, zum Schach- oder Theaterspielen und zum Diskutieren."
Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn will sich dezidiert an ein "nichtexklusives Publikum" richten - doch die Werkschau mit 45 Schautafeln mit Dokumenten, Zeichnungen und Fotos vergangener Installationen, die Philipp Meier (NZZ) im Bündner Kunstmuseum sieht, scheint das Gegenteil zu versprechen. Angelehnt an Aby Warburgs Bilderatlas einer "Kunstgeschichte ohne Worte" mit rund tausend Bilddokumenten zur Wirkung der Antike auf die abendländische Kunst blickt Hirschhorn hier auf sein "eigenes visuelles Universum" zurück: "So gilt eine Tafel dem temporären Denkmal, das Hirschhorn jüngst in Genf Simone Weil gesetzt hat. Die Dokumentation macht die von Hirschhorn eingerichtete Bastelstube unter der Kuppel des Pavillon Sicli von April bis Mitte Juni dieses Jahres nochmals erfahrbar. Von deren Wänden beobachtete die französische Philosophin mit ihrer unverkennbaren Nickelbrille auf Fotoporträts das bunte Treiben: Da fanden sich jeden Tag Menschen ein zum Kaffeetrinken, zum Schach- oder Theaterspielen und zum Diskutieren."
Bühne

Ein paar Höhepunkte erkennt eine nicht restlos überzeugte Katrin Bettina Müller in der taz in ihrer Zwischenbilanz des Berliner "Tanz im August"-Festivals dann doch, etwa Marco da Silva Ferreiras Stück "F*cking Future", das von Uniformität und Disziplinierung, aber auch von Kampf und Widerstand erzählt: "Etwas Retrofuturismus liegt in den Kostümen, die das Wehrhafte und das Verletzliche zugleich betonen. Der Schweiß, der auf den acht Performer:innen glänzt, lässt die Haut schimmern. Unisono bewegen sich die acht, rücken in engen Formationen zusammen, ziehen sich in Ketten auseinander, bilden Felder und Linien. Etwas Martialisches und etwas Hippieskes fließt in ihren Bewegungen ineinander, roboterähnliche Eckigkeit und erotische Weichheit, viele Tanzstile werden zitiert und bruchlos eingeflochten. In die wummernde und treibende Musik schieben sich irgendwann ihre Stimmen und singen 'I don't care what the people say' und 'We are the one you try to kill'." Auf Arte Concert lässt sich das Stück anschauen.

In der FAZ atmet Robin Passon auf, dass es so etwas wie "politisch-progressiven Geist" im Theater doch noch gibt - so gesehen beim Zürcher Theaterspektakel (und ebenfalls bei "Tanz im August") im Stück "Clap and slap" der Litauerin Agnietė Lisičkinaitė, die sich im Februar 2022 fest geschworen hatte, nicht mehr mit "denen" zusammenzuarbeiten, die Russisch sprechen und immer noch "mit der Tyrannei verbandelt" sind: "Dann brachte er, Igor Shugaleev, systemkritischer Exil-Belarusse, die Maxime ins Wanken, und nun ringen sie mit ihren Körpern um Fragen von individueller Verantwortung, Schuld und Solidarität. Das ist ebenso poetisch wie grotesk, erst verspielt, dann todernst. Als er genug von den Vorwürfen hat, wirft er sich seine Hand auf den Rücken - 'slap'. Eine Rötung zeichnet sich auf der sonnengebräunten Haut ab, bald geht sie zu einem Pink über. Auch sie steigt ein. Ab Himbeerrot tut es weh. Nicht nur zwischen den Schulterblättern der beiden, auch in den Ohren. Wie das Aufeinanderprallen von weichem Fleisch so scharf klingen kann, fragt man sich und möchte ihnen zurufen, dass sie diese Selbstgeißelung endlich unterlassen sollen."
Design

Lisa Berins ereilen melancholische Anflüge beim Besuch der Ausstellung "On Display", in der das Frankfurter Museum Angewandte Kunst sich mit grundsätzliche Fragen des Grafikdesigns befasst: "So war das damals, als Menschen noch ihre Welt gestalteten", seufzt Berins in der FR, "bevor die KI auch das übernahm. ... Ungeahnte Ausmaße der Einmischung von KI eruieren Aline Bavier und Sophia Becker passend dazu in ihrer Videoarbeit 're constructed'. Darin lassen sie eigene Kindheitserinnerungen durch generative Bildmodelle in KI-generierte Erzählungen umwandeln. Ob die KI bald eigenständig auch die Gestaltung der menschlichen Lebenswelt fortschreibt? Die Frage sei eher, wann es so weit sei, dass die KI uns überrasche, wann sie eine bisher ungesehene Ästhetik liefere, sagt Kurator Jonas Deuter."
Literatur
Besprochen werden unter anderem Tony Tulathimuttes "Fiasko" (Standard), Emma Clines "In die Schweiz" (Standard), Banu Mushtaqs Kurzgeschichtenband "Meistens bleibt ja die Frau zu Hause" (FR), Elspeth Barkers "O Caledonia" (FR), Mirko Bonnés "Kanzlerkino" (FAZ) und Lukas Bärfuss' "Königin der Nacht" (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Mike D legt mit 60 Jahren sein erstes Soloalbum vor - es ist das erste musikalische Lebenszeichen aus der Welt der Beastie Boys, seit 2012 Adam Yauch einem Krebsleiden erlegen ist. SZ-Kritiker Max Fellmann hat zwar nichts als Sympathie dafür, dass der Rapper seine anhaltende Trauer über den Verlust seines Jugendfreunds und seiner Band durch Musik zu kompensieren versucht. Aber gelungen findet er das Album nicht gerade. "Es beginnt mit einer etwas einfallslosen Drum'n'Bass-Nummer, geht weiter mit einem Beat in sehr klassischem Beastie-Boys-Sound, danach verliert sich alles ein wenig. Diamond rappt ein bisschen, dann auch lang wieder nicht, manchmal rumpelt ein Beat einfach so vor sich hin."
Weiteres: Johanna Schmidt porträtiert in der taz die Underground-Szene in Halle rund um das Label Turbo Discos und den freien Sender Radio Corax, der im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt erheblichen Anfeindungen der AfD ausgesetzt ist. Ungünstig findet es Marco Frei in der NZZ, dass die nur "knapp zwölf Kilometer" voneinander entfernten Festivals in Davos und Klosters sich in diesem Jahr mit fast deckungsgleichen Terminen unnötig Konkurrenz machten - besser fände er konstruktive Absprachen, die vielleicht sogar "Synergieeffekte schaffen". Matthias Greuling blickt in der NZZ zurück auf 70 Jahre Bravo.
Besprochen werden ein Konzert des brasilianischen Komponisten Arthur Verocai in Hamburg (taz), das von Teodor Currentzis dirigierte Konzert des Utopia Orchestra bei den Salzburger Festspielen (Standard) und Knowsums Album "Cherry Stone Pillow" (FR).
Weiteres: Johanna Schmidt porträtiert in der taz die Underground-Szene in Halle rund um das Label Turbo Discos und den freien Sender Radio Corax, der im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt erheblichen Anfeindungen der AfD ausgesetzt ist. Ungünstig findet es Marco Frei in der NZZ, dass die nur "knapp zwölf Kilometer" voneinander entfernten Festivals in Davos und Klosters sich in diesem Jahr mit fast deckungsgleichen Terminen unnötig Konkurrenz machten - besser fände er konstruktive Absprachen, die vielleicht sogar "Synergieeffekte schaffen". Matthias Greuling blickt in der NZZ zurück auf 70 Jahre Bravo.
Besprochen werden ein Konzert des brasilianischen Komponisten Arthur Verocai in Hamburg (taz), das von Teodor Currentzis dirigierte Konzert des Utopia Orchestra bei den Salzburger Festspielen (Standard) und Knowsums Album "Cherry Stone Pillow" (FR).
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