Efeu - Die Kulturrundschau

Berlin ist nicht so hübsch

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26.08.2026. Alle trauern um Dolly Parton, die Country-Legende, die laut SZ noch die gesamte USA hinter sich vereinen konnte. Die Filmkritik feiert Brezel Görings Berliner Undergroundfilm "Für immer 16" - die taz fühlt sich pudelwohl auf dieser bunt-bekloppten Spielwiese. Die taz erkundet mit dem Expressionisten Rolf Nesch außerdem das neuronale Netz von Hamburg. Zeit Online fragt derweil, warum alle Welt in Zürich zu Vilhelm Hammershøis ausgesprochen stillen Bildern pilgert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2026 finden Sie hier

Film

Produktiv unruhig und auch mal sanft bekifft: Chang Wang, Lilith Stangenberg und Mücke in "Für immer 16" (Bild: Rapid Eye Movies)

"Bunt, frei, bekloppt": tazlerin Carolin Weidner hat jede Menge Freude an "Für immer 16", dem auf Super8 gedrehten Film des Berliner Pop-Underground-Urgesteins Brezel Göring mit Lilith Stangenberg in der Hauptrolle. Der Film geht auf ein Romanfragment von Françoise Cactus, Görings 2021 verstorbener Lebenspartnerin zurück, mit der zusammen er einst das Duo Stereo Total gründete. Der Film zieht von Berlin nach Palermo, Lilith Stangenberg hält sich für unansehnlich und dann kippt der Film in einen Film-im-Film über eine Serienkillerin: Dieser Film "könnte die Pulp-Verfilmung eines frühen Georges Simenon (den Charlotte verehrt) sein, gekreuzt mit einer guten Portion Female Revenge. Eine Spielwiese." So sieht das auch Robert Wagner im Perlentaucher: "Statt einen Film zu machen, wie er zu sein hat, macht Brezel Göring einen Film, wie er nicht zu sein hat, einen Film ewigjugendlicher Rotzigkeit. Dabei kommt dann vielleicht kein straffer, mitreißender Killer-Thriller heraus, aber dafür ein schluffig-amüsanter."

"So punkig unverbindlich der auf Super 8 gedrehte, komplett und nicht allzu professionell nachsynchronisierte, über weite Strecken mit schrammelig-ironischen 'Stereo Total'-Songs unterlegte Film auf den ersten Blick auch wirken mag, so geschickt fügt Göring sein Debüt in die reiche Tradition des filmreflexiven Kinos ein", hält Lukas Foerster im Filmdienst fest: "Wenn Filme vom Filmemachen erzählen, erzählen sie nicht selten von Menschen, denen das Leben, das sie führen, nicht genug ist, weshalb sie ihm etwas Anderes, zumeist etwas Aufregenderes, Mondäneres, entgegensetzen wollen. ... Nicht das Imaginäre des Kinos zieht sie an, die überlebensgroßen Bilder der Traumfabrik, sondern das Filmemachen selbst, als eine Existenzform, die eingefahrene Selbstbilder und Lebensentwürfe wieder in produktive Unruhe versetzt." Auf critic.de dankt Silvia Szymanski "für dieses kleine, verschwommene, bekiffte oder sanft besoffene Provisorium".

Die von Stangenberg gespielte Charlotte ist durchaus ein Alter Ego von Cactus, bestätigt Göring im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche: "Ich habe das beim Lesen sofort gedacht: So ist Françoise wirklich gewesen, diese Sucht nach Liebe, die ohnehin niemals zu kriegen ist. All das überdeckt von total viel Irrsinn. Lilith trifft das sehr gut. Sie ist zwar vollkommen anders als Françoise, aber sie hat manchmal auch dieses Melancholische in sich, etwas Komisches, Nachdenkliches." Und was hat es mit dem Filmformat auf sich? "Super-8-Material sieht einfach gut aus. Ein bisschen so, wie ich die Wirklichkeit sehe. Berlin ist nicht so hübsch - aber wenn man es mit Super 8 filmt, ist sogar das erträglich." Für den Filmdienst sprach Ulrich Kriest mit Göring.

Außerdem: Esther Buss berichtet in der Jungle World von der bereits vielbeachteten Retrospektive des Filmfestivals Locarno zum linken US-Kino in der McCarthy-Zeit. In Deutschland wurden 2026 bislang deutlich mehr Kinotickets verkauft als im gleichen Zeitraum im Vorjahr, meldet Felix Knorr im Filmdienst. Besprochen werden Ridley Scotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (Standard, FAZ) und Will Glucks RomCom "One Night Only" (SZ).
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Literatur

Michael Hesse spricht in der FR mit der Übersetzerin Anita Raja, die für ihre zahlreichen Übertragungen deutscher Klassiker ins Italienische nun mit der Goethe-Medaille ausgezeichet wurde. Die Buchhändlerin Luciana Ferrando gibt in der taz Einblick mit was für Kundentypen sie es in ihrem Berufsalltag so zu tun hat.

Besprochen werden unter anderem Christian Buckards "Café Babylon. Berlin, Romanisches Café, 1913-1933" (Welt, unsere Leseprobe), Ingo Schulzes "Das Wasser im August" (FR), Gustav Seibts "Ein Sommer mit Goethe" (Standard), Radka Denemarkovás "Schokoladenblut" (FR), Ulrich Schneiders Memoir "Mutti, komma ans Fenster" (FR) und Monchis "Jenseits der Brandmauer - Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz" (Welt), Neige Sinnos "La Realidad - Ort der Frauen" (NZZ), Michael Köhlmeiers "Mein privates Glück" (SZ) und Åsne Seierstads "Der Krieg ist anderswo. Russland von innen" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Albrecht Kauw: Vorratskammer mit Hahn und Henne, 1678 
Öl auf Leinwand, 146,5 × 101,3 cm, Kunstmuseum Bern 
Foto: Kunstmuseum Bern 

Maria Becker lernt im Kunstmuseum Bern "Das volle Leben" kennen - in einer gleichnamigen Ausstellung, die Werke alter Meister aus der Zeit der Gotik und des Barock präsentiert. Auf immer wieder neue Weise verbindet sich in den Bildern Weltliches und Geistliches. Zum Beispiel in Stillleben Albrecht Kauws aus dem 17. Jahrhundert: "Sie fächerte sich auf in zahlreiche Untergattungen wie Blumen, Esswaren, Gläser und vieles mehr. Dabei hatten die Künstler nicht nur malerische Artistik im Sinn, sondern ebenso forschende Neugier. Die Stillleben sind immer auch einer akribischen Beobachtung der Natur geschuldet. Das gehörte zur Kennerschaft ebenso wie die virtuose Feinmalerei. Beides verbindet sich zu einem Lob von Gottes Schöpfung. Auch beim Anblick von Wildbret und Fischen kann man in Andacht verweilen."

Vilhelm Hammershøi: Offene Türen, 1905. The David Collection, B 209, Foto: Pernille Klemp

Was hat es mit dem Hype um Vilhelm Hammershøi auf sich, den eine dem dänischen Maler gewidmete Ausstellung im Kunsthaus Zürich derzeit auslöst (siehe hier). Die Schau fungiert, glaubte Florian Illies auf Zeit Online, als "eine Art Escape-Room für eine überreizte Digitalgesellschaft". Illies zumindest hat beim Betrachten der Bilder den Eindruck: "Die Zeit steht still. Wenn seine Frau ans Klavier tritt, dann spielt sie nicht, wenn die Türen sich öffnen, dann tritt niemand hinein. Manchen fehlt sogar die Türklinke. Es gibt immer nur die Möglichkeit einer Handlung. Und je länger man diese Bilder betrachtet, umso mehr wird die Möglichkeit zu einer Unmöglichkeit." Genau das macht den Maler modern: "Hammershøi ist nicht ohne Grund der Held einer Gesellschaft, die versucht, ihre größten Probleme durch Prokrastination zu lösen. Wenn es draußen immer heißer wird, bleibt man lieber in der angenehmen Kühle der Wohnung Hammershøis, da scheint die Klimakrise nur ein Fiebertraum zu sein."

Eine Entdeckung macht taz-Autorin Petra Schellen im Hamburger Kunstraum Parabel. Der widmet dem Expressionisten Rolf Nesch eine Ausstellung - einem Hamburger, dessen Arbeiten in der NS-Zeit als "entartet" gebrandmarkt wurden und der bereits 1933 ins Exil ging. Gleichwohl prägt seine Heimatstadt sein Werk: "In der Serie 'Hamburger Brücken', für Nesch ein neuronales Netz durch die Stadt, begann er mit dem neu entwickelten Metalldruck zu arbeiten, also Draht, Metall, Stoffe auf die Platte zu legen und mitzudrucken. Drahtspuren ergeben da stilisierte Brückenstreben; Elbbrückenbögen tanzen in eleganten Schwüngen. Orte und Gegenstände bleiben dabei immer kenntlich: Auch die Pfeiler und Häuser des 'Rödingsmarkts' balancieren zwischen Konkretum und Abstraktion. Stilisierte Figuren erinnern teils an den bewunderten Edvard Munch."

Außerdem: Dorothea Zwirner stellt in der Welt das Schweizer Privatmuseum Susch im Südengadin vor, das derzeit unter anderem Arbeiten der Künstlerin Mariuccia Secol (siehe hier) präsentiert. Laut Standard-Autorin Olga Kronsteiger wird sich die in der Kunstwelt zeitweise gehypte, aber inzwischen ökonomisch tief gefallene NFT-Branche nicht so schnell erholen. Alexander Menden unterhält sich in der SZ mit Felix Krämer, dem Direktor des Düsseldorfer Kunstpalastes, über dessen publikumsfreundliche Museumspolitik inklusive Hundetage und von Claudia Schiffer kuratierten Modeausstellungen. Besprochen wird die Jon Rafman gewidmete Ausstellung "Main Street Media" im Düsseldorfer K21 (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

In van legt Kate Wagner, die den Bayreuther KI-Ring neulich bereits als die "schlimmste ästhetische Erfahrung" ihres bisherigen Lebens bezeichnet hatte, nach. Sie überlegt sich, wie eine Geschichte vom Format der Nibelungensage heutzutage überhaupt noch erzählt werden kann. "Irgendwie passt die KI besser zu dieser anti-menschlichen Tragödie, obwohl sie ästhetisch nicht funktioniert", meint sie. "Die Entscheidung von Lobbes und seinem Team, die Maschine nur 149 historische Bilder in regelmäßigen Abständen reproduzieren zu lassen, verrät, dass jede substanzielle historische Auseinandersetzung so gut wie unmöglich ist - mit einer Ausnahme: dass die Geschichte vorbei ist, dass sie nur dazu da ist, geplündert und wiedergekäut zu werden - sinnlos und so dem Gefühl des Scrollens nicht unähnlich. In mancher Hinsicht ist dies der dritte Ring in Folge zum 'Ende der Geschichte' in Bayreuth: Valentin Schwarz' Netflix-Ring bot Spiele statt Brot, während Frank Castorfs zynischer, ölgetränkter Kommentar in einem Gespräch vor einem Dönerladen im globalisierten Berlin gipfelte. (...) Alles geht zum Teufel. Wozu sich noch Mühe machen? Mittlerweile ist diese Idee ein bisschen abgedroschen."

Außerdem: In Berlin eröffnet das Pop-Kultur-Festival. In einer Auftakt-Diskussion spricht unter anderem Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal über die Angriffe auf sein Haus anlässlich der Volksbad-Aktion (siehe hier), berichtet Inga Barthels im Tagesspiegel. Gerrit Bartels und Moritz Honert plaudern ebenfalls im Tagesspiegel mit der Schauspielerin Sophie Rois - es geht, unter anderem, um die Volksbühne und um Ingeborg Bachmann.
Archiv: Bühne

Musik



Ach, Dolly, we will always love you. Eine wie sie, "das war schon lange vor diesem Tag klar, wird es so schnell nicht wieder geben", seufzt Christiane Lutz in der SZ zum Tod von Dolly Parton, deren Charisma insbesondere in den USA geradezu Wunder vollbrachte. Sie war "Countrysängerin, Songschreiberin, Brückenbauerin, Unternehmerin, wohltätige Menschenfreundin ... und der vielleicht letzte Mensch, der die USA noch einen konnte." Und dann ihr Über-Hit "Jolene": "Das unverkennbare Gitarrenriff des Songs zupfte sie stets traumwandlerisch und mit erstaunlichem Groove mit ihren endlos langen Acrylnägeln. Spätestens da drängte sich der Verdacht auf: Diese Frau ist nicht von dieser Welt."



"Sopranstimme, Verführungskraft und Selbstironie - diese Kombination beherrschte niemand besser", schreibt Jonathan Fischer in der NZZ. Wer heute auf ihre Karriere zurückblickt, wird Dolly Parton wohl "auch als Avantgardistin der künstlerischen Selbstinszenierung verstehen". Doch "die Perücken, die Nägel haben nie den Blick auf Dolly Partons musikalisches Genie verstellt. Sie schrieb Country-, Gospel- und Bluegrass-Songs für die Ewigkeit. Und sie sang mit einer Stimme, die selbst das Bodenständigste schwerelos klingen ließ." Parton "wusste immer, dass schöne Oberflächen nicht dasselbe sind wie Oberflächlichkeit", schreibt Frauke Steffens in der FAZ. "Aus dem Künstlichen machte sie eine Form von Wahrhaftigkeit, schrieben Bewunderer gern." Ihre "Bedeutung lag nicht nur in ihrer Stimme, sondern in ihrer Autorinnenschaft. Sie schuf Lieder, die scheinbar einfach waren und doch ganze Welten enthielten."



Und was für eine Self-Made-Woman sie war, aufgewachsen in bitterer Armut und mit einem in den Sechzigern noch deutlich männerdominierteren Business als heute konfrontiert, in dem sie sich selbstbewusst durchzusetzen wusste. "Als erste Frau ihres Formats gründete sie einen Musikverlag und später ein eigenes Plattenlabel", erinnert Michael Pilz in der Welt. "Sie sang Hymnen auf berufstätige Frauen wie '9 To 5' und 'Just Because I'm Like A Woman'. Wenn sie Liebeslieder schrieb wie 'I Will Always Love You', hielt sie es vor Ausbeutern wie Porter Wagoner geheim. Als Elvis Presley 'I Will Always Love You' mit ihr im Duett aufnehmen und dafür die Hälfte der Tantiemen wollte, lachte sie ihn aus, hob das Lied auf - und gab es später Whitney Houston, die es 1992 zur erfolgreichsten von einer Frau verfassten Single aller Zeiten machte." Die Nachrufe von Jan Feddersen (taz) und Jens Balzer (Zeit Online) erreichten uns erst nach 9 Uhr.

Hörtipp: Diese Podcast-Dokuserie vermittelt sehr gut, was für eine integrative und zentrale Figur Dolly Parton für die USA gewesen ist. 

Weitere Artikel: Adrian Schräder porträtiert in der NZZ die Hiphop- und Jazzsängerin Georgia Anne Muldrow. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Festival Arcus Temporum im ungarischen Pannonhalma. Australien verbannt KI-Musik aus den Charts - Benno Schirrmeister (taz) und Edo Reents (FAZ) kommentieren. Besprochen werden eine Neuauflage von Mos Defs Hiphop-Klassiker "The Ecstatic" (taz), und neue Alben des Posaunisten Matthias Muche (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Parton, Dolly